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Helmut Thoma

Mein Leben - eine Collage Selbstbiographische Niederschriften

Entstanden 1979 - 1984 Mit einem Nachtrag von 1990

Inhalt

Vorwort. 3

Kindheit. 7

Höhere Schule.. 30

Studium... 39

Schuldienst. 59

Bibliographie       86 Abbildungen 87 -105.. 155

Dies ist ein Nachdruck der originalen Ausgabe von 1991,

der von Ulrich Thoma neu formatiert und als Webseite

angepasst wurde. Bei Interesse an den Originaldateien

kontaktieren Sie mich bitte gerne über die folgende Seite

www.hausbernstein.de

Bilder von Helmut Thoma können Sie

über die

Helmut-Thoma-Stiftung an der

Universität der Künste Berlin

erwerben

www.helmut-thoma-stiftung.de

Weitere Informationen erhalten Sie bei

Prof. Dr. Otfried Scholz, Tel.: 030 31 85 25 14


Liegt dir Gestern klar und offen,

wirkst du heute kräftig frei  

(Goethe)

 

 

Vorwort

 

Schreiben ist nicht mein Metier. Aber ich schreibe ganz gern Briefe, und dabei merke ich immer wieder, daß mich auch das geschriebene Wort anregen und mitrei­ßen kann, so daß ich mich in einen leichthin angedeute­ten Gedanken oder Einfall verwickeln lasse und der Brief dann länger wird, als sein ursprünglich sachlicher Zweck erfordert hätte. Als meine Absicht feststand, über mein Leben zu schreiben, wollte ich zunächst nur abschnittweise, aber nicht chronologisch vorgehen und nur kurze, auf Briefeslänge beschränkte Niederschrif­ten anfertigen, .die dann später geordnet, in Kapiteln zusammengefaßt und zum Schluß noch einmal überar­beitet werden sollten. Ich wollte anfangs möglichst viele Gegebenheiten, Lebenslagen, Ereignisse, Zufälle, Zwänge, Erlebnisse, Hindernisse, Förderungen, Bezie­hungen, Freundschaften, Vorlieben, Freuden, Ärgernis­se, Verluste, Glücksfälle, Nöte, Ängste, Gedanken, Meinungen usw. schildern, die in die Bahn meines Lebens eingewebt waren und mich wahrscheinlich dorthin geschoben haben, wo ich heute bin. Ich werde aber versuchen müssen, mich auf Wesentliches und Ent­scheidendes zu beschränken. Und da ich seit meinem 21. Lebensjahr mit Haut und Haar Maler bin, wird notwendigerweise allerlei hervorgehoben werden müssen, was mich als Maler beeinflußt, gefördert, be­hindert, geleitet, verführt, begeistert, verunsichert oder gefestigt hat.

Ich habe immer sehr fleißig gemalt, jedenfalls habe ich fast meine gesamte "Freizeit" in die Malerei gesteckt, und mir ist bis heute nur mäßiger Erfolg beschieden gewesen. Meine Begeisterung für das Malen hat sich aber nicht vermindert.

Mein Trieb zum Malen liegt im Dunkel. Woher kommt er? Ich kenne keinen Vorfahren, der eine bildnerische Begabung gehabt hat. Allerdings gab es viele, die ein Instrument spielten, zwei leiteten sogar die Dorfkapel­le. Die Anregungen in meiner Heimatstadt Neisse wa­ren gering, besonders auf dem Gebiet der bildenden Kunst.

Warum habe ich mich so spät, erst kurz vor dem Abitur, für die Kunst entschieden? Eine Frage, die der Lebens­lauf, den ich hier schreiben will, sicher auch nicht ganz beantworten wird. Man kann ihm vielleicht einiges entnehmen, das dazu beiträgt, meine Bilder und ihr Zustandekommen besser zu verstehen. Mein Leben hat sicher diesen Bildern gewisse Charakteristika, Modifi­zierungen, eine Richtung, eine Mentalität oder ähnli­ches aufgestempelt, derentwegen sie oder ich getadelt oder geschätzt werden.


Generationsbedingte Einflüsse, nationale, landes- und weltpolitische oder auch nur regionale Einflüsse hat mein Lebenslauf mit vielen anderen gemeinsam. Meine Generation hat vier verschiedene Staatsformen durch­lebt und zwei Weltkriege überstehen müssen, einen in der Kindheit, den anderen im besten Mannesalter. Auch das gehört zu meinem persönlichen Leben.

Vieles aus meinem Leben in den 30er Jahren läßt sich aus meinen wenigen noch vorhandenen Bildern dieser Zeit bis zu einem gewissen Grade ablesen oder wenig­stens erahnen, weil diese Bilder nicht verschlüsselt sind. So ist z.B. mein Verhältnis zu meiner ersten Frau Marion unschwer zu erkennen, weil einige Bildnisse erhalten sind. Über meine zweite Frau Cornelia ist nichts aus meinen Bildern zu erfahren. Das einzige Bildnis, das ich nach ihr malte, ist mit Gestaltungspro­blemen überlagert. Es taugt nicht dazu, Cornelias Be­deutung für mein Leben und meine Arbeit nach dem Zweiten Weltkrieg auch nur ahnen zu lassen.

Ich schreibe in der Ungewißheit, ob diese autobiogra­phische Niederschrift eines Tages effektiv werden kann. Ich handele impulsiv, aus einer Emotion heraus, und weil ich meine, daß ich der Aussagefähigkeit meiner Bilder noch etwas hinzuzufügen habe.

Diese Hinzufügung ist natürlich für die Bilder nicht wesentlich. Sie kann aber gewisse Hinweise geben, warum der Gegenstand in meinen Bildern zunächst große Bedeutung hatte, sich dann stark veränderte (immer verglichen mit dem Sehbild), schließlich ganz ver­schwand und ungegenständlichen Formen und Linien wich, dann wieder auftaucht in einer Art und Weise, die vielen unverständlich erscheint und meine Bilder nicht in die heute vorhandenen Kunstströmungen einordnen läßt. Gott sei Dank! oder: Gott sei's geklagt!

Mein Leben war notwendigerweise durch manche äußeren Umstände stets von mir so eingerichtet worden, daß ich nicht vom Verkauf meiner Bilder abhängig war. Mit meinen Bildern hausieren zu gehen, war stets mir zuwi­der. Ich habe mein Leben lang immer zwei Berufe gehabt, das Malen, ohne das ich nicht leben kann, und den Broterwerb als Studienrat und als Hochschullehrer. Seit meiner Emeritierung (1974) bin ich endlich vom Broterwerb befreit. Ich habe jetzt ein Leben, wie es sich jeder Maler wünscht: Geld genug zum Leben und Zeit genug zum Malen. Endlich kann ich so leben und arbeiten, wie ich es mir seit meinem 21. Lebensjahr nur vorstellen konnte, vielleicht zu spät, vielleicht noch rechtzeitig genug. Warten wir es ab! Vielleicht läßt mir das Schicksal noch genügend Zeit.

Auf jeden Fall hat die Zeit bis heute gereicht, diese autobiographischen Notizen bis zu Ende niederzuschrei­ben. Die Erleichterung, die ich bei dieser Feststellung empfinde, zeigt mir, daß ich einen persönlichen Gewinn von dieser Arbeit habe, die sich über mehrere Jahre hingezogen hat.

Eine Selbstbiographie ist eine Lebensdurchforschung und damit eine Selbsterforschung, sicher auch eine Gewissenserforschung. Sie erfordert eine gewisse Sach­lichkeit. Aber wer kann sich selbst, seinem Tun und Lassen gegenüber sachlich sein? Ob ich es kann, be­zweifle ich. Ich kann nur versichern, daß ich mir Mühe gegeben habe.

Eine Selbstbiographie ist eine geistige Aktion. Sie bringt Ordnung in die Vergangenheit des Schreibers. Sie schafft eine Übersicht über das verflossene Leben. Sie kann auch Ausblicke in die Zukunft öffnen.

Von der Ordnung, die man sich im eigenen Rücken schafft, geht ein therapeutischer Effekt aus. Ich spüre ihn deutlich. Mir ist leicht zumute. Schon bei Beginn fühlte ich Erleichterung. Sie ist wahrscheinlich auch der Grund, daß ich die immer wiederkehrende Anfechtung, das Manuskript wegzuschmeißen und lieber zu malen als zu schreiben, erfolgreich abwehren konnte.

Nachdem ich in mühevoller, manchmal ärgerlicher Arbeit mein Leben niedergeschrieben habe, übersehe ich es zum ersten Male sehr deutlich. Auffällig ist, daß viele Zufälle oder unerwartete, unvorhersehbare Ereig­nisse dabei mitgespielt haben. Diese Zufälle waren zu einem Teil Hilfen, zum anderen Zwänge für mich, aber in manchen Fällen sogar beides. Angesichts dieser vielen Zufälle und von mir nicht zu beeinflussenden Ereignisse ist mein Leben aus vielem zusammenge­setzt, zusammengeflickt, zusammengebastelt. Diese logischer Zusammenhänge entbehrende Bastelei wurde oft durch Druck von außen erzwungen, andererseits aber auch durch meine Neigungen und manchmal auch, von mir unbemerkt, durch eine mehr motorische Lebens­phase in Gang gesetzt.

Am Ende meiner Niederschriften stehe ich nun - ich muß das schon sagen - erstaunt und überrascht vordem Bild meines Lebens. Ich sehe in diesem Bild die vielen "Unebenheiten", die unmotivierten und unvermutbaren Rhythmus-, Gestalt- und Form Störungen. Da haben viele und hat vieles mitgearbeitet. Die Bildstruktur ist nicht einheitlich. Abrupte gegensätzliche Stellen sind darin, aber auch weiche sanfte Partien sind zu sehen. Sehr vieles aber habe ich tatsächlich selbst gemacht, habe alles von außen Kommende zurechtgeschoben und versucht, alles so hinzukriegen, daß ich mich wohl fühlen und zurechtkommen konnte. Hervorstechend ist in diesem Lebensbild, daß ich immer ausdauernd und zielstrebig gemalt und gezeichnet und diese Tätigkeit gegenüber allen anderen Forderungen des Lebens in auffälliger Weise bevorzugt habe.

Manches, was einmal für mich sehr wichtig war, z.B. das Geigen- und Klavierspiel, ist ganz verschwunden. Es wurde von mir selbst aus meinem Lebensbild heraus­gefetzt oder mitleidlos überklebt. Natürlich ist mir eine gewisse Affinität zur Musik geblieben, aber sie tritt nicht mehr spektakulär in Erscheinung, so wie in einer Collage der erste Gestaltungsversuch im Laufe einer weiteren Arbeitsphase zum Teil oder sogar ganz über­deckt sein kann, ohne seine Wichtigkeit für die Gesamt­gestalt dadurch verloren zu haben.

Da nun das entscheidende Wort gefallen ist, sei es kurz herausgesagt: Der Verlauf meines Lebens und der Arbeitsvorgang der Collage weisen viele Ähnlichkeiten und Parallelen auf; das Bild von meinem Leben und die fertige Collage sind vergleichbar. Der Mensch in sei­nem Leben und der Künstler beim Collagieren gehen beide aus von zufällig Vorhandenem, von zufällig oder auch gezielt Gesammeltem, von Gefundenem, von eigenen oder fremden Erzeugnissen, und sie verarbeiten dies alles in verschiedenen Kombinationen, aber auch ein­zeln in unterschiedlichen Arbeitsvorgängen. Das Ziel bestimmen sie selbst mehr oder weniger deuüich oder vage und können es immer wieder modifizieren oder ganz und gar ändern. Den Endergebnissen sieht man an, daß an ihrem Zustandekommen sehr heterogenes Mate­rial verschiedenster Herkunft beteiligt war.

Ich habe oft aus berufenem Munde gehört und aus berufener Feder gelesen, daß Kunst eine Metapher des Lebens sei. Ich bin überzeugt, daß diese Feststellung richtig ist und füge in meinem Einzelfall hinzu: Die zutreffende Metapher meines Lebens ist die Collage. Vielleicht ist sie sogar für das Leben vieler, vielleicht auch aller Menschen zutreffend.

Aber sicher wird der eine oder andere Leser feststellen, daß auch sein Leben eher einer Collage ähnelt als z.B. einem Tafelbild, das vorher geplant werden kann, in einem bestimmten Material von Anfang bis Schluß durchgeführt wird, und zwar von einer Hand, das also eine durchgehende Struktur der Pinselführung aufweist und in allen Teilen die gleiche Sprache spricht, wodurch es vom Betrachter leicht und unter logischen Gesichts­punkten nachvollziehbar wird. Mir erscheint es sogar unmöglich, das Lebensbild irgendeines Menschen meiner Generation aufzustöbern, das nicht der Collage ähnelt.

Ich gehe den Weg zur Kunst schon ein halbes Jahrhundert. Ich habe viele seiner Wunder und seiner beglückenden Überraschungen erlebt, habe an seinen Rändern Enttäuschungen hinnehmen müssen und ab­grundtiefe Verzweiflung geahnt. Ich bin überzeugt, daß dieser Weg ohne Ende ist. Jeder, der ihn geht, muß ein hohes Maß an Selbstbewußtsein, aber auch ein hohes Maß an Demut besitzen, wenn er vor der Endlosigkeit nicht verzagen soll. Denn ohne Demut wird er nicht begreifen können, daß er oft nur Werkzeug ist und dann unterhalb seines Bewußtseins arbeitet.

Hier liegt der Grund dafür, daß auch in diesen meinen Niederschriften manche Zusammenhänge nicht klar und logisch mit dem Wort darstellbar sind, sich also dem logischen Denken entziehen. Ich hoffe, mit dem Leser übereinzustimmen, wenn ich sage: Wir sollten darüber nicht unglücklich sein.


Kindheit

Mein Vater Paul Thoma wurde 1881, im Geburtsjahr Picassos, geboren und stammte aus einem sehr großen Dorf, das an der Bahnstrecke zwischen Oppeln und Brieg in Oberschlesien liegt, aus Alt-Schalkowitz. Sein Vater, mein Großvater, hieß Franz Thoma. Das Dorf sprach polnisch, und mein Großvater heiratete auch eine Frau, die den zweifellos polnischen Mädchenna­men Macioszek hatte. Diese sprach kein Wort Deutsch, der Großvater sprach es gebrochen, aber mein Vater schon fließend. Mein Großvater war ein Häusler mit zwei Kühen und gleichzeitig Postillon mit einem Pferd, das er aber auch für seine Feldarbeit benutzen konnte. Außerdem war er Schneidermeister und übte dieses Handwerk auch aus. Er hatte sieben Söhne und eine Tochter. Mein Vater war sein zweitältestes Kind. Der zweitjüngste Sohn und der Ehemann der Tochter fielen im Ersten Weltkrieg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg fiel das Heimatdorf mei­nes Vaters - wie alles östlich der Oder-Neisse-Linie - an Polen und heißt jetzt Siotkowice, nachdem es in den dreißiger Jahren von den Nazis in Schalkendorf umge­tauft worden war. Die dort verbliebenen Verwandten mit Namen Thoma müssen sich nun ohne h schreiben: Torna. Torna wird mit kurzem offenem o ausgespro­chen und bekommt dadurch beim Sprechen einen ganz anderen Charakter als das mit langem geschlossenem o gesprochene Thoma. Der jüngste Bruder meines Vaters, Konstantin Thoma, hat bis heute das h seines Namens mit Erfolg gegen alle Polonisierungsversuche vertei­digt. Konstantin ist jetzt 80 Jahre alt.

Unser Name Thoma taucht zum ersten Mal in den Schalkowitzer Kirchenbüchern im Jahre 1752 im Tauf­zeugnis eines Andreas Thoma auf, bis zu dem sich unsere Ahnenreihe zusammenhängend verfolgen läßt. Der Vater des Andreas Thoma könnte also in der Folge des Ersten oder Zweiten Schlesischen Krieges dort eingewandert sein.

Meine Großmutter, die Mutter meines Vaters, war eine besondere Frau. Wir konnten uns nicht mit ihr unterhal­ten, weil wir verschiedene Sprachen sprachen. Sie war immer freundlich zu uns, drohte nur selten mit dem Zeigefinger, aber immer mit freundlichem Gesicht. Wir hielten sie für eine Heilige. Sie litt oft unter anscheinend gräßlichen Kopfschmerzen. Denn wenn sie sich unbeo­bachtet fühlte, konnte man manchmal kleine Schmer- zensschreie hören. Um diese Schmerzen erträglicher zu machen, band sie sich ein weißes, zusammengelegtes Leinentuch fest um die Stirn. Darüber trug sie das im Dorf übliche schwarze Kopftuch, das, zusammen mit der weißen Stirnbinde, ihr das Aussehen einer Ordens­schwester verlieh.

Tatsächlich war sie sehr fromm - in einer sehr natürli­chen Weise. Wenn sie sah, daß mein Bruder Alfred und ich in den großen wilden Birnbäumen des Hofes gefähr­liche Kletterpartien machten, faltete sie die Hände und betete für uns. Wenn wir dies sahen, fühlten wir uns behütet und doppelt sicher. Wenn ein Gewitter aufzog, stellte sie ein geweihtes Kruzifix mit zwei Leuchtern auf den Tisch, zündete die Kerzen an und ging dann, aus einer Flasche Weihwasser sprengend, mit einem Glöckchen läutend und laut betend um das ganze Haus herum. Ihre Sorge um das Haus war begründet. Wohnhaus, Stall und Scheune waren in zusammenhängendem Trakt aneinandergebaut, und Stall und Scheune waren mit Stroh gedeckt.

Das Brot wurde von ihr selbst gebacken. Am Backtage holte sie aus dem Vorratsraum den Backtrog. In einer seiner Ecken klebte noch vom letzten Mal ein kleiner Rest Teig, der sich inzwischen in Sauerteig verwandelt hatte. Die schwere Arbeit des Teigknetens verrichtete sie selbst. Wenig später standen dann die riesigen Teig­klumpen in Strohschüsseln auf Stühlen, Tischen und Bänken. Im Backofen wurde nun Feuer gemacht. Sie schichtete den Holzstoß sorgfältig rechteckig auf, in dessen Mitte kleingespaltenes Holz aufgehäuft wurde. Dann ging sie in die Scheune, holteeine Handvoll Stroh, das sie auf dem Rückweg zum Haus zu einem Kreuz band. Dieses wurde auf einen langstieligen Holzschie­ber gelegt, angezündet und unter die Mitte des Holz­stoßes geschoben. Sobald das Holz aufflammte, rannten wir Kinder auf den Hof, um das Herausquellen der ersten Rauchwolke nicht zu verpassen. Das spätere Hineinschieben der Brotlaibe war wieder mit einer frommen Zeremonie verbunden. Jeder Laib wurde, bevor er in den heißen Ofen geschoben wurde, von Großmut­ter bekreuzigt. Auch das Anschneiden jedes Bortlaibes bei Tisch geschah nicht, ohne daß vorher dessen Rück­seite mit der Spitze des Messers dreifach bekreuzigt wurde. Ich habe nie sonst einen Menschen kennenge­lernt, der mit so selbstverständlichem Ernst seinen Glauben praktizierte. Der Durchmesser der runden Brotlaibe betrug ungefähr 70-75 Zentimeter. Großmutter schnitt das Brot immer im Stehen, wobei sie es mit der Kante auf den Tisch stellte und mit der linken Hand an ihren Körper drückte.

Unsere Bewunderung für diese Frau wurde ins Uner­meßliche gesteigert bei einem kleinen Unglücksfall meines Bruders Alfred. Er hatte sich - wir sind als Kinder im Sommer immer barfuß gelaufen, sogar noch in den Anfangsklassen des Gymnasiums - eines Tages in der Scheune an einer herumstehenden Sense den großen Zeh bis zum Knochen aufgeschnitten. Die Blutung war beängstigend stark. Die Dorfkinder, mit denen wir gespielt hatten, liefen schreiend zur Großmutter ins Haus. Sie kam heraus, ruhig mit ihrem schmerzlichen Lächeln, setzte sich auf einen Stein, winkte Alfred heran, nahm seinen blutenden Fuß auf ihr Knie, hielt beide Hände segnend darüber, blickte zum Himmel und bewegte die Lippen im Gebet, immer lächelnd, beinahe verklärt. Fast augenblicklich hörte die Wunde auf zu bluten. Dann holte sie aus dem Garten vier, fünf Blätter einer Schöllkrautplanze, klopfte sie mit einem Küchenmes­sergriff, so daß der orangene Saft herausquoll, legte sie auf die Wunde und verband diese mit den Fetzen eines alten, verbrauchten Bettlakens. Kein Wunder, wenn wir Kinder in ihr eine Heilige sahen.

Der Großvater war ein einfacher, frommer und lieber Mann, der still und ohne Aufsehen seine vielen Arbeiten (als Bauer, Schneider und Postillon) verrichtete. Wir begleiteten ihn gern, wenn er abends mit der Radwer für das Vieh Futter holte, und halfen ihm beim Häcksel­schneiden, indem wir das große Schwungrad der klei­nen Häckselmaschine drehten.

Meine Mutter, Jahrgang 1883, kommt aus dem Glatzer Bergland, aus dem Dorf Grunau, das mit der Stadt Kamenz später zusammenwuchs. Auch die Heimat meiner Mutter liegt jetzt in Polen. Mutters Vater, mein Großva­ter, hieß Joseph Kluß, war Stellenbesitzer mit zwei Kühen und einem großen Obstgarten, war Gemeinde­schreiber und Dorfkapellmeister und spielte fast alle Instrumente, wie unsere Mutter uns erzählte. Ich selbst habe ihn aber nie irgendein Instrument spielen gehört oder gesehen. Nur einmal bei einem großen Parkfest in Kamenz habe ich ihn an der Spitze einer stattlichen Blaskapelle taktierend auf der Festwiese einmarschie­ren und dann den ganzen Tag über dirigieren gesehen. Da haben wir ihn natürlich sehr bewundert. Er hatte einen starken Bildungsdrang und besaß Meyers Kon­versations-Lexikon. Alfred und ich liebten ihn nicht so wie unseren anderen Großvater in Schalkowitz; er war uns zu ernst und zu streng, hatte starre Prinzipien, die sich in oft wiederholten Sprüchen ausdrückten, wie: Wie der Mensch zum Essen ist, so ist er auch zum Arbeiten, oder: Ich brauche mir nur die Schuhe eines Menschen anzusehen, dann kenne ich den ganzen Menschen. Er nahm aber stark Anteil an der Entwick­lung seiner Enkel und war entzückt, als er merkte, daß wir schnelle Fortschritte im Geigenspiel machten. Wir mußten auch unsere Geigen bei unseren Besuchen immer mitbringen und ihm unsere Übungsstücke usw. vorspie­len. Auch unsere Schulzeugnisse und deutschen Aufsät­ze mußten wir ihm mitbringen. Er las alles beinahe gierig und lobte uns mit einer gewissen inneren Bewegt­heit.

Auch bei diesen Großeltern hatten Alfred und ich große Freuden. Während das Haus der Großeltern in Schalko­witz auf eine natürliche, uns sehr sympathische Weise verwahrlost war, war in Grunau alles sehr gepflegt. Das Haus war so sauber, daß man den kleinsten Dreck auf dem Fußboden nicht übersehen konnte. Im ersten Stock gab es ein gutes Zimmer, auf dessen Wände ein wahrer Meister von Stubenmaler eine breitgestreifte, seideni­mitierende und mit riesigen Blumenbouquets geschmück­te Tapete schabloniert hatte mit so vielen Farben, daß ich es nicht schaffte, sie zu zählen.

Die Wasserpumpe stand im Hausflur. Wie vieles im Hause war sie für uns Kinder tabu. Nur die Küchenei­mer der Großmutter durften wir vollpumpen. Eine Bodenkammer, in der eine Menge von Musikinstru­menten aller Art untergebracht war, hätten wir zu gerne durchstöbert. Aber sie war verschlossen, so daß wir nur durch die Bretterritzen die Herrlichkeiten ihres Inhaltes bewundern konnten. Aber eines Tages schenkte uns der Großvater eine Ziehposaune. Die lärmenden und unäs­thetischen Töne, die wir diesem Instrument tagelang fast pausenlos entlockten, führten schließlich dazu, daß es uns wieder abgenommen wurde. Wir durften es aber mit nach Hause nehmen, wo wir nun mit unseren Spiel­gefährten, die natürlich alle einmal blasen wollten, wieder auf der Straße einen solchen Höllenlärm entfes­selten, daß die Polizei gerufen wurde, nachdem die Erwachsenen die Jagd nach der Posaune aufgegeben hatten, weil sie bei den Hatzen unserer Behendigkeit nicht gewachsen waren. Von da an war die Posaune nur noch totes Museumsstück.

Der riesige großelterliche Obstgarten war für uns trotz vieler Verbote ein Paradies. Zur Zeit der Reife durften die Früchte von uns nicht gepflückt werden. Nur das Fallobst durften wir sammeln. Essen durften wir so viel wir wollten, aber abgepflückt wurden die Früchte nur von Erwachsenen. Uns traute man das Urteil 'reif oder unreif nicht zu. Anders war es zur Kirschenzeit. Da durften wir den ganzen Tag in den sechs riesigen Kirsch­bäumen herumklettem und sie abernten. Tagelang hat­ten wir dann Bauchschmerzen, weil wir unserer Freß- lust freien Lauf ließen. Hauptanziehungspunkt war der sogenannte Mühlgraben, der am Rande des Obstgartens vorbeifloß. Er war ein Abzweig der Glatzer Neisse, etwa sechs Meter breit, etwas über einen Meter tief, floß ziemlich schnell und entwickelte glucksende Strudel. Zu den Feldern am anderen Ufer führte ein ein Meter breiter Steg. Unter diesem arbeitete immer ein kräftiger Strudel, der ein etwa drei bis vier Meter tiefes Loch ausgeschwemmt hatte, vor dem uns zu warnen Eltern und Großeltern nicht müde wurden. Denn wir badeten ja auch in dem Mühlgraben an den seichten Stellen. Die Stelle mit dem Loch reizte uns zu Mutproben, und so wagten wir immer wieder den Sprung von dem Steg, um uns von der schnellen Strömung unter der Brücke hindurch über das tiefe Loch in die seichte Stelle dahinter tragen zu lassen. Wir taten es aber nur, wenn wir sicher waren, daß die Erwachsenen uns nicht beobachteten.

Einmal im Jahr wurde der Mühlgraben abgesperrt, um den Flußlauf zu reinigen. Das Wasser floß ab, aber in den großen Löchern blieb es stehen. Aus ihnen holten zwei Fischer viele Zentner Fische heraus. Das begann immer damit, daß sie mit einem zweihenkligen Weidenkorb durch das Loch gingen, wobei sie für einige Sekunden verschwanden, und mit dem fast gefüllten Korb wieder herauskamen. Wenn sich die Korbfische­rei nicht mehr lohnte, holten sie den Rest der Fische mit einem großen Käschernetz heraus. Weiter flußabwärts saßen dann immer schon einige Katzen an den kleinen Rinnsalen bereit, um die wenigen flüchtenden Fische zu erwischen.

Ein weiterer Anziehungspunkt war das von Schinkel erbaute Kamenzer Schloß, das wie das Kleinstädtchen Kamenz nur zwei Kilometer vom großelterlichen Haus entfernt war. Es wurde von einem Sohn Kaiser Wil­helms II. bewohnt, der Landrat des Kreises Franken­stein war. Zum Schloß hinauf, das auf einem Hügel lag und wegen seiner charakteristischen Form mit seinen vier Ecktürmen von den Leuten das umgekehrte Billard genannt wurde, zog sich eine große Terrassentreppe, die reichlich mit Gartenanlagen und Wasserspielen ge­schmückt war. An manchen Sonntagen wurden die Wasserspiele in Aktion gesetzt. Wir gingen dann fein angezogen mit Eltern und Großeltern hin, um dieses Schauspiel zu bewundern. Auch die Riesenfontäne des Schloßteiches unterhalb der Terrassen war dann zu bestaunen.

Im Grünauer Großelternhaus wurde das Leben freier, als nach dem Tode des Großvaters unser Onkel Max mit seiner Familie einzog. Er war mit der Schwester meiner Mutter - sie hieß Emilie und wurde von uns Milchen genannt - verheiratet, war Postbeamter, 1,92 m groß und hatte das Fleischerhandwerk erlernt. Es war für ihn naheliegend, in jedem Jahr für den Hausgebrauch ein großes Schwein zu schlachten. Wir wurden oft dazu eingeladen. Der Tag des Schweineschlachtens war in Schlesien von jeher ein großes Familienfest, bei dem es im Hause von Menschen wimmelte. Den Tag über wurden bei fünf Mahlzeiten Riesenmengen gegessen. Die Vorbereitungen wie das Kuchenbacken oder das Reinigen der für das Wurstmachen dazugekauften Zie­gendärme waren für uns Kinder schon interessant ge­nug. Aber besonders gespannt waren wir auf das Schlach­ten des Schweines, das meistens drei Zentner wog. Wir standen dazu in aller Frühe auf, sahen dann, wie das Schwein unter einem einzigen Axthieb unseres hünen­haften Onkels zusammenbrach, hörten nach dem Stich in die Halsschlagader das dunkle Blut in die Schüssel sprudeln, sahen, wie das Riesentier in einen Holztrog gewälzt, dort mit kochendem Wasser übergössen, ge­schrubbt und entborstet wurde, erlebten dann noch die Riesenanstrengung von vier Männern, die benötigt wurden, um das tote Schwein, durch dessen Fersensehnen eine Wagenrunge gesteckt worden war, hochzuhieven und kopfabwärts an einem Haken aufzuhängen, und verpaß­ten natürlich auch das Aufschneiden der Brust und des Bauches und das Herausquellen der in der frischen Morgenluft dampfenden Eingeweide nicht. Zwischen den kräftigen Mahlzeiten gab es immer noch viel zu beobachten: Die Vorbereitung der Wurstfüllungen, das Einfüllen in die Därme mit Hilfe des plump aussehen­den Trichters, das Schließen der Därme mit den Wurst- speilern, das Zurechtmachen der Fettliesen, das Vorbe­reiten der Speckseiten, der Schinken und einiger Wurst­sorten zum Räuchern. Die Gäste aßen und tranken und tanzten. Ein Ziehharmonikamann spielte den ganzen Tag so laut es ging. Die Gäste, die auch Tante Milchen und Onkel Max bei der Arbeit halfen, ließen schließlich beim Essen die Hemdsärmel hochgekrempelt und die Schürzen vor dem Bauch. Sie wurden immer lustiger, sangen und witzelten bis in die Nacht und machten drastische Pfänderspiele. Auch die Bettler der Gegend erfuhren jedesmal rechtzeitig von so einem Schweine­schlachten, kamen einzeln oder zu zweien über den Tag verteilt und erhielten reichlich zu essen.

Mein Vater absolvierte seinen Militärdienst in Glatz und lernte dort meine Mutter kennen, die sich da als Dienst- und Serviermädchen verdingt hatte. 1907 heira­teten meine Eltern und wohnten in Lugnian im Kreis Oppeln, wo mein Vater als Briefträger bei der Post arbeitete. In der Nazizeit wurde Lugnian in Lugendorf umgetauft. Auch in diesem meinem Geburtsort sprach die Bevölkerung polnisch.

Meine Eltern waren katholisch und einfache, solide, arbeitsame, äußerst fleißige Leute. Hauptberuf meines Vaters war der Dienst bei der Post. Zu Hause übte er das Schneiderhandwerk aus, das er, wie alle seine Brüder, bei seinem Vater gelernt hatte. Er liebte wohl dieses Handwerk außerordentlich. Meine Erinnerungsbilder zeigen ihn mir noch heute entweder an seiner Nähma­schine in der Nähe des Fensters der großen Wohnküche sitzend oder an dem großen, sehr stabilen Tisch in der Mitte desselben Raumes stehend, wo er die Anzüge und Mäntel zuschnitt oder mit einem großen schmiedeeiser­nen Bügeleisen und einem riesigen, mit Sägespänen gefüllten Kissen hantierte.

Wenn mein Vater zu seinem Dienst in die Post oder zum Bahnhof ging, zog er kurz vorher seine Postuniform an, wenn er zurückkehrte, zog er sich sofort wieder um und arbeitete an seiner Nähmaschine. Zeitunglesen und sonntags Skatspielen mit seinen Freunden oder Kolle­gen waren die einzigen Unterbrechungen seiner Arbeit. Mutter war mit Haushalt und mit Handnäharbeiten wie Knopflöchermachen und Futtereinnähen ebenfalls den ganzen Tag beschäftigt. Wenn ich heute an sie denke, sehe ich sie in meiner Erinnerung entweder am Fenster auf ihrem Nähplatz sitzen, oder ich sehe sie am Herd stehen und kochen.

Auch wir Kinder halfen schon frühzeitig mit bei der Schneiderarbeit, zogen mit einem Pfriemen die Heftfä­den heraus, zertrennten alte Anzüge und Mäntel, die gewendet werden sollten, und lieferten fertige Klei­dungsstücke bei Vaters Kunden ab, was uns fast regel­mäßig ein willkommenes Botengeld einbrachte.

Vier Brüder meines Vaters waren auch Postbeamte, ebenso die Ehemänner der beiden Schwestern meiner Mutter. Zum Erscheinungsbild dieser sechs Onkel ge­hörte für mich die Postuniform, nur der Großvater versah seinen Dienst als Postillon in seiner Privatklei­dung. Da wir fast ausschließlich diese postgebundenen Verwandten besuchten, glaubte ich als Kind lange Zeit, daß auch alle unsere anderen männlichen Verwandten bei der Post arbeiteten.

In Lugnian wurde am 12. September 1908 mein Bruder Alfred geboren, der nach seinem Studium Assistent am Berliner Heinrich-Hertz-Institut wurde. Nach 1933 wurde er von den Nazis mit dem jüdischen Präsidenten dieses Instituts fristlos entfernt.

(Anmerkung von Ulrich Thoma: Karl Willy Wagner war ein Deutscher – die näheren Umstände des Vorfalles können in der Wikipedia nachgelesen werden: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Willy_Wagner Ausführliche Informationen  unter dem folgenden Link:    http://www.ulrichthoma.de/alfredthoma/).

Er ging als Mathematiker und theoretischer Physiker zu Telefunken, wo er auch wäh­rend des Zweiten Weltkrieges arbeitete. Dann ging er in den höheren Schuldienst und war schließlich in Fulda Oberstudiendirektor. Er starb 1974.

Ich wurde elf Monate später als mein Bruder Alfred, am 17. August 1909, ebenfalls in Lugnian geboren. Bei meiner Taufe gab es eine Schwierigkeit. Die Hebamme hatte meiner Mutter schon alle möglichen polnischen Namen für mich vorgeschlagen, hauptsächlich aber den Namen Rochus, weil der Heilige Rochus, wie sie mein­te, für den 17. August im Kirchenkalender vorgesehen sei. Meine Mutter aber wollte den damals noch sehr ausgefallenen Namen Helmut. Der Ortspfarrer weigerte sich, mich auf diesen Namen zu taufen, weil dies der Name des "Katholikenfressers" Graf Helmuth von Moltke gewesen sei (Altkatholikenbewegung nach dem Vati­kanischen Konzil 1869). Die Ankündigung meiner Mutter, mit mir nach Oppeln zu fahren und mich dort taufen zu lassen, bewirkte aber schließlich, daß er doch den Namen Helmut akzeptierte.

Als ich zwei Jahre alt war, siedelten meine Eltern nach Neisse an der Glatzer Neisse über. Mein Großvater mütterlicherseits wollte seinen Bildungsdrang wenig­sten in seinen Enkeln verwirklicht sehen und kniete meinen Eltern so lange auf der Seele, bis sie ihm nachgaben und in einen Ort umzogen, der eine höhere Schule besaß. So verbrachte ich also meine Jugend bis zu meinem 20. Lebensjahr in der katholischen Klein­stadt Neisse (damals etwa 25.000 Einwohner), im "Schlesischen Rom", wie sie genannt wurde, weil sie viele Kirchen und Klöster besaß, die auch das Stadtbild bestimmten, äußerlich und innerlich.

In Neisse war es selbstverständlich, katholisch zu sein. Wir Kinder wurden früh daran gewöhnt, an Sonn- und Feiertagen zum Gottesdienst und zur Predigt zu gehen. Um 11 Uhr fand ein Kindergottesdienst statt, der die Faulenzermesse genannt wurde. Wir gingen aber lieber mit der Mutter ins Hochamt, weil da auf dem Chor gesungen wurde und vom am Altar viel mehr zu sehen war. Meine Eltern waren nicht übertrieben fromm, aber sie erfüllten exakt die Kirchengebote. Wir sprachen selten darüber, weil es eben selbstverständlich war.

Der spektakulärste Höhepunkt des Jahres in dieser Stadt war das Kirchenfest Fronleichnam. Es hat bei mir mit seinem festlichen Gepränge einen nachhaltigen Ein­druck hinterlassen. Zur Fronleichnamsprozession war die ganze Stadt auf den Beinen, auch die Nichtkatholiken. Alle Vereine, Organisationen und auch die Schulen nahmen in geschlossenen Gruppen daran teil. Die Orga­nisation und Regie waren bewundernswert. Daß aus dem Durcheinander des wirren Menschenhaufens auf dem Kirchplatz vor der großen Sankt Jakobs-Kirche sich schließlich die geordnete und disziplinierte Prozes­sion bildete und sich dann durch die an manchen Stellen engen Straßen wie ein Riesenwurm schlängelte, war für mich immer wieder ein Wunder. Als ich an das Real­gymnasium kam, brauchte ich nicht mehr mit der Klas­se unter Aufsicht des Lehrers an der Prozession teilzu­nehmen. Dadurch kam ich erst richtig in den Genuß dieses eindrucksvollen Schauspiels. Ich habe das ausge­nutzt und lief immer durch Nebengäßchen und Querver­bindungen dorthin, wo am meisten zu sehen war. Ich konnte jetzt auch den Sinn der Prozession durchschau­en, ebenso ihre Gliederung. An der Spitze gingen etwa 50 bis 60 kleine weißgekleidete Mädchen, die Blumen streuten, dann kam das Riesenorchester und dahinter der Riesenchor, dann ein Riesenheer von Nonnen und Mönchen mit langen brennenden Kerzen in den Händen und dahinter das Wichtigste, der Kern der Prozession: eine große Schar von geistlichen Würdenträgern in ihren kostbaren Meßgewändern, und in ihrer Mitte ein von vier Männern getragener Baldachin, unter dem ein Priester in schneeweißem Gewand das Allerheiligste, den Leib des Herrn, den eucharistischen Gott, die in die strahlende Monstranz eingeschlossene Hostie feierlich vor sich hertrug. Dahinter bewegten sich ebenso feier­lich die Honoratioren der Stadt im schwarzen Gehrock mit Zylinderhut und umgehängten Amtsketten.

Dann folgte der Teil der Prozession, der mich am meisten aufregte: die Handwerkerinnungen. Jede von ihnen besaß nämlich eine Riesenfahne, die von fünf Männern getragen wurde. Ich wurde nicht müde, diese Männer zu bewundern, die an windigen Tagen Schwerstarbeit zu leisten hatten. Der Fahnenmast war sicher fünf bis acht Meter hoch. Die Fahne selbst hing wie ein Bild senkrecht und war oben und unten mit einem golden glänzenden Querstab aus Metall verse­hen. Unten hatte der Mast ein Querholz, das der mittlere Träger mit beiden Händen gefaßt hielt. Er mußte immer nach oben schauen, um den Mast in der Senkrechten zu halten. In der Mitte war der Mast mit einem Eisenring beschlagen, an dem an Scharnieren die eigentlichen vier Trägerstangen befestigt waren, die schräg nach unten und nach außen auf der ausgepolsterten Schulter je eines Trägers endeten. Die vorderen Träger mußten rückwärts gehen. Alle fünf Träger ließen keinen Blick von dem Fahnenmast, damit er immer senkrecht blieb. An den Schweißperlen auf ihrer Stirn und ihren hochro­ten Gesichtern konnte man die Härte ihrer Arbeitslei­stung ablesen. Die Fahnenbilder waren Darstellungen aus der Heiligenlegende, die zu dem jeweiligen Hand­werk in Verbindung standen. So war bei den Tischlern z.B. der Hl. Joseph an der Hobelbank abgebildet. Aber auch geschichtliche Begebenheiten waren auf den kost­baren Fahnentüchern zu sehen. So konnte man auf der Fleischerfahne die Hussitenschlacht vor Neisse bewun­dern, wie die Fleischer mit Beilen und Messern bei einem Ausfall aus der umzingelten Festung die schlitzäugigen Belagerer niedermetzelten. Die größte Fahne gehörte den Bäckern. Sie war als einzige weiß und hatte sechs Trägerstangen. Sie soll sogar einmal bei einem Windstoß in die Menschenmenge gefallen sein. Wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Hinter den Innungen gingen in Blöcken geordnet die Schüler der katholischen Volksschule klassenweise unter Füh­rung ihrer Lehrer, zuerst die Mädchen-, dahinter die Knabenschule. Der Prozzessionszug wurde beendet durch die Schar der kleinen Bürger und der armen Leute. Schließlich begleiteten die Soldaten der Neisser Garni­son, umgeschnallt und mit Stahlhelm, den langen Zug an beiden Seiten als Spalier. Alle Häuser waren mit fri­schem Grün geschmückt. Von den Fenstern herunter hingen farbige Teppiche und viele rote Decken, und in den Fensterausschnitten standen Heiligenbilder, Kruzi­fixe, Leuchter mit brennenden Kerzen und Blumen­sträuße. Die Prozession stellte gleichzeitig auch ein in der Öffentlichkeit gehaltenes Hochamt dar, für dessen Hauptstationen in den Straßen große, prächtige Altäre mit riesigen Heiligenbildern aufgebaut waren.

In meinem fünften und sechsten Lebensjahr hatte ich einen Traum, der sich etwa ein Jahr lang fast jede Nacht wiederholte und mich sehr ängstigte. Ich träumte zu­nächst die gleiche Situation, in der ich mich tatsächlich befand, daß ich also im Bett lag. In Blickrichtung lag die Eingangstür des Zimmers. Sie öffnete sich einen Spalt, und ein seltsames Tier, das trotz seiner Phantastik einem Fuchs oder Wolf ähnelte, schob seinen Kopf ins Zimmer. Seine Augen leuchteten grell, auch das Fell leuchtete nahezu bengalisch. Es schlich langsam ins Zimmer bis zu dem Stuhl an meinem Bett, auf dem meine Kleider säuberlich lagen und der ein Herabfallen der Zudecke verhinderte. Am Stuhl verharrte das Tier einige Augenblicke in sitzender Stellung. Dann sprang es erst auf den Stuhl und sofort anschließend auf meine Zudecke, so daß sein Kopf dicht an meinem Gesicht war und seine feurigen Augen mich nahezu blendeten. In diesem Augenblick schrie ich voller Angst auf und wurde wach. Ehe ich aber die Augen öffnete, sah ich das Tier mit seinem großen buschigen Schwanz vom Bett herunterspringen und unter dem Bett verschwinden. Inzwischen hatte ich mich aufgesetzt und schrie so laut ich konnte auf echt schlesisch: "Doas griene Viech, doas griene Viech!" Tatsächlich war das Tier meistens grün. Ein Grün hatte es, das dem grünen Licht explodie­render Feuerwerkskörper ähnelte. In manchen Nächten aber hatte es seine Farbe gewechselt und leuchtete rot, aber mit gleicher feuriger Intensität. Dann schrie ich natürlich: "Doas rote Viech!"

Meine Mutter, die einen leichten Schlaf hatte, war immer schon wenige Augenblicke nach meinem ersten Aufschrei an meinem Bett, in der Hand einen Leuchter mit brennender Kerze. Sie setzte sich auf den Bettrand und versicherte mir immer wieder, daß ich nur geträumt habe. Mein Traum war aber immer so lebhaft gewesen, daß ich das gar nicht glauben konnte. Für mich saß das Tier unter dem Bett und wartete nur darauf, daß meine Mutter das Zimmer verließe. Meine Mutter hatte viel Geduld, kniete schließlich mit mir vor dem Bett nieder und leuchtete mit der Kerze darunter, auch unter das Bett meines Bruders, bis ich einsah, daß ich doch nur geträumt hatte. Ich wunderte mich sehr darüber, daß die Erwachsenen bezweifelten, daß jemand farbige Träume habe. Mir haben sich diese Träume, wahrscheinlich durch ihre immer wiederkehrende Monotonie, so einge­prägt, daß ich noch heute beim Abbrennen von Feuer­werk, ja sogar beim Anblick von Weihnachtsbaumku­geln an diese Viecher denke, die mich so lange gequält haben.

In Neisse erlebte unsere vierköpfige Familie den Aus­bruch des Ersten Weltkrieges. Ich war fünf Jahre alt, und ich kann mich noch erinnern, wie wir unseren Vater am ersten Tag der Mobilmachung zu der Bezirkskommandatur begleiteten, wie er dann in der Landsturm uni­form mit Gewehr wieder herauskam, in der er für uns fremd und beinahe unnahbar aussah. Mein Bruder und ich begleiteten ihn, an seinen Händen hängend, noch bis zum Bahnhof, während meine Mutter ohne Unterbrechung mit ihren Tränen beschäftigt war.

Sehr deutlich in meiner Erinnerung zurückgeblieben sind jene stillen wehmütigen Abende, wenn meine Mutter an den Vater Feldpostbriefe schrieb. Ich saß dann neben ihr und malte ein Blatt voll, das dem Brief beigelegt wurde. Meistens malte ich Dampfer mit vie­len dunklen, barock gekräuselten Qualmwolken. An anderen Abenden saßen mein Bruder Alfred und ich mit der Mutter auf einem alten Sofa. Sie sang mit uns Volkslieder, erzählte uns Märchen oder etwas aus ihrem oder des Vaters Leben. Wenn lange Zeit kein Feldpost­brief gekommen war, weinte sie. Wenn dann endlich wieder ein Brief eintraf, war sie immer sehr aufgeregt und suchte hastig ein Instrument zum Öffnen. Dabei griff sie eines Tages - ich schnitt gerade feldgraue Soldaten aus - so heftig nach meiner geöffneten Schere, daß sie sich die Hand stark verletzte und ihr Blut auf meinen Modellbogen tropfte, während sie den Brief las.

Unsere Ernährung machte jetzt meiner Mutter oft große Sorgen. Aber wir hatten durch die Landbriefträgerzeit meines Vaters einige befreundete Bauemfamilien in den umliegenden Dörfern. Mein Bruder Alfred und ich machten jede Woche eine größere Wanderung, um diese Bauern zu besuchen. Wir brachten immer einen Brief meiner Mutter hin und dann einiges Eßbare im Rucksack zurück nach Hause. Selten kam meine Mutter mit, denn sie hatte, wahrscheinlich durch die schwere Arbeit in ihrer Jugend, deformierte Füße und bei länge­ren Wegen starke Schmerzen. Eines Tages hatten wir ein schönes Stück rohen Speckes bekommen. Meine Mutter verarbeitete es sofort zu Griebenschmalz. Als sie das heiße Schmalz in eine Tonschüssel goß, platzte diese, und das kostbare Fett floß auf den Fußboden. Kniend, verzweifelt und unter Tränen versuchte sie, die Kostbarkeit durch Zusammenkratzen zu retten. Ein anderes Mal hatten wir sogar drei regelrechte Specksei­ten ergattert. Um sie haltbarer zu machen, brachte sie meine Mutter zu einem Fleischer zum Räuchern. Wir haben den schönen Speck nie wiedergesehen. Er sei beim Räuchern in die Glut gefallen und verbrannt. Die Verzweiflung meiner Mutter in diesem Falle ist nicht zu beschreiben. Noch viele Jahre später war sie überzeugt, daß der Speck schlicht geklaut worden sei.

Ostern 1916, fast sieben Jahre alt, wurde ich in der katholischen Volksschule für Knaben in Neisse einge­schult. Im zweiten Schuljahr hatte ich eine gefährliche Krankheit zu überstehen, Gehirnhautreizung. Sie wurde von dem behandelnden praktischen Arzt nicht erkannt. Er behandelte mich auf Gelenkrheumatismus, weil ich von den gräßlichen linksseitigen Kopfschmerzen, die sich bis zur Hüfte hinzogen, ganz schief geworden war. Die Rheumasalben, mit denen ich ständig eingerieben wurde, hatten auf der linken Oberkörperseite schmerz­liche Entzündungen hervorgerufen. Ein Nervenarzt, der sich in der kritischen Zeit gerade in Neisse im Urlaub befand, wovon meine Mutter zufällig von Bekannten erfahren hatte, rettete mich schließlich durch heiße Seesalzbäder und anschließende Schwitzkuren. Drei Wochen lang mußte ich täglich eine Stunde lang nach dem Bad im Bett schwitzen. Unsere Wohnung hatte kein Bad. Meine Mutter trieb aber ein Monstrum von Badewanne aus Zinkblech auf, das holzverstärkt war. Von dieser zu spät behandelten Krankheit sind wahr­scheinlich die fürchterlichen Kopfschmerzen zurück­geblieben, die mich noch bis in den Zweiten Weltkrieg hinein quälten. Sie kamen jeden zweiten oder dritten Tag wieder und dauerten dann 5 bis 24 Stunden. Sie waren begleitet von heftigem Tränen der Augen und schnupfenartigen Anfällen. Ich konnte dann nichts anderes tun, als mit geschlossenen Augen zu liegen. Ich mußte viele Stunden in der Schule versäumen, weil diese Anfälle meistens am Vormittag einsetzten, manchmal aber auch schon während des Schlafes in den Morgen­stunden.

Im ersten Volksschuljahr hatte ich einen etwas farblo­sen Lehrer, im zweiten eine sehr liebe junge Lehrerin, die uns mit Legespielen den Rechenunterricht versüßte. Sie besuchte mich während der Hirnhautreizung, die mich ein halbes Jahr von der Schule fernhielt, in der elterlichen Wohnung und schenkte mir Süßigkeiten. Sie war die erste Lehrerin, die mich für meine Zeichnungen sehr lobte.

Im dritten und vierten Schuljahr aber erwarteten mich sehr schlimme Erlebnisse, die schlimmsten meiner Kindheit. Ich war nach Angaben meiner Lehrer ein gutartiger und fleißiger Schüler. Trotzdem wurde ich von meinem Klassenlehrer fast täglich wie jeder andere meiner 60 Mitschüler mit einem daumendicken Rohr­stock über die Hände geschlagen. Diese Prügelexzesse hatten ein peinlich genaues System, dem keiner ent­ging. Für jede falsche Antwort, für jeden Fehler, für die kleinste Ungezogenheit wurde man auf die Handfläche geschlagen, so daß sie sofort anschwoll. Gröbere "Ver­fehlungen" trugen zwei bis drei Schläge oder mehr auf das Hinterteil ein, wobei sich der Schüler über einen Stuhl legen mußte. Bei schriftlichen Arbeiten hatten wir die Verpflichtung, uns bei selbsterkannten Fehlern oder einem Klecks selbst zu melden und uns die Strafe vorn am Katheder abzuholen. Hierüber führte der Lehrer Buch. Bei der Durchsicht der schriftlichen Arbeiten fertigte er eine alphabetische Liste an, in der die Anzahl der Fehler jedes Schülers aufgeführt und die selbster­kannten, gemeldeten Fehler abgezogen waren. Bei der Rückgabe der Hefte wurde die Reststrafe nach der Liste von ihm verlesen, wir mußten in Schlange antreten und uns die Reststrafe abholen, die dann gewissenhaft auf dem "Blutzettel", wie wir das mit roter Tinte ausgeführ­te Register nannten, abgehakt wurde. Über den Unter­richtsstunden, über dem Schulweg und über den Schularbeiten schwebte immer eine fast erstickende Angst. Wegen der Schmerzen, die die Schläge verur­sachten, habe ich nie geweint. Eines Tages - mein Vater war gesund aus dem Kriege zurückgekehrt - konnten beim Mittagessen meine gefühllosen, geschwollenen Hände den Löffel nicht halten, weder die rechte noch die linke Hand. Ich versuchte es mehrere Male. Schließ­lich fiel der Löffel mit auffälligem Klirren in den Teller. Durch dieses Mißgeschick verwirrt, fing ich an zu weinen. Vater und Mutter fragten nun alles aus mir heraus.

Mein Vater, der sicher nichts von Sadismus wußte, begab sich sofort am nächsten Tag in die Schule. Während des Unterrichts klopfte es an die Tür unserer Klasse, sie wurde halb geöffnet, und ich sah meinen Vater in seiner blauen Postuniform mit den goldenen Knöpfen, den roten Biesen und den goldenen Litzen. Die Unterredung mit dem Lehrer in dem Korridor dauerte nicht lange. Seit diesem Tage hat mich Preißner-Kolle, wie wir diesen Lehrer nannten - er hieß Karl Preißner - nie wieder angerührt.

Ich war zum ersten Mal mit Bewußtsein stolz auf meinen Vater. Er war stärker als mein grausamer Leh­rer. Jetzt wunderte ich mich nicht mehr darüber, daß nach dem ersten Tage bei diesem Lehrer einer unserer Mitschüler, der sehr fein und sauber gekleidet war und aus einer angesehenen, vornehmen Neisser Familie stammte, für einige Tage verschwand, nachdem er für eine Vorwitzigkeit zwei Schläge über die Hand bekom­men hatte. Er tauchte in einer Parallelklasse wieder auf, die ein sehr gütiger Lehrer leitete. Er hatte sicher, so dachte ich damals, einen ähnlich starken Vater wie ich. Erst viel später begriff ich, daß Elternproteste gegen diesen Lehrer in aller Stille geregelt wurden, um jeden Skandal zu vermeiden.

Die Exekutionen an meinen armen Mitschülern gingen unverändert weiter. Eineinhalb Jahre lang mußte ich sie noch mitansehen. Der Unterricht bei diesem Lehrer war pedantisch, phantasielos, ohne jede Freude. Ich habe diesen Lehrer nie lachen gesehen, ich habe auch nie die leiseste freundliche Miene in seinem hageren, harten Gesicht bemerkt. Selbst sein Zeichenunterricht ließ uns nicht die geringste Freiheit. Alles wurde von ihm an der Tafel vorgezeichnet und von uns mit Hilfe von Zenti­metermaß, Zirkel und Lineal auf den Zeichenblock übertragen. Die Schülerzeichnungen waren deckungs­gleich und unterschieden sich lediglich durch den Grad der Sauberkeit. Unreparable Dreckstellen wurden be­straft. Er war der einzige Lehrer, der auch in die Turn­halle einen Stock mitnahm. Dieser Stock war etwas kürzer als die anderen. Er mußte in den Ärmel des Schülers passen, der ihn in die Turnhalle transportierte.

Für den Transport der Hefte besaß dieser Lehrer zwei aufklappbare Pappkästen, in denen je 30 Stück unterge­bracht wurden. Diese Kästen mußten reihum zwei Schüler vor der Brust auf den Unterarmen in seine Wohnung tragen, die etwa zwei Kilometer von unserer Schule entfernt lag. Dabei war es streng verboten, diese Kästen auf einem Mauervorsprung abzusetzen, um auszuru­hen. Der Lehrer ging hinter uns her. Jede Zuwiderhand­lung wurde am nächsten Tag bestraft. Die Schmerzen in den Armen waren sehr quälend.

Im fünften Schuljahr bekam ich einen älteren, außerge­wöhnlich gütigen Lehrer. Ich ging wieder gern zur Schule, obwohl mich beim Anblick der Volksschule immer wieder ein bedrückendes Gefühl beschlich.

Auf dem Schulweg begegneten wir oft einem freundli­chen, gut gekleideten alten Herrn, der eine Brille trug und den Kopf etwas schief hielt. Er war ein Original. Wir glaubten, er sei ein Dichter, weil er mit uns in Versen sprach. Ob er die Verse schon bereithatte oder sie aus dem Stegreif sagte, wußte keiner. Um einen solchen Vers aus ihm herauszulocken, fragten ihn die kleinen Schulgänger irgend etwas, z.B. wie spät es sei. Seine Antwort war einmal:


Es ist gleich acht. Geh `nur nicht zu sacht.

Sondern geh `recht schnell,

sonst gerbt Dir der Lehrer das Fell mit dem Stock und mit der Ell`.


Ein kleiner Junge, der ihn ein andermal das gleiche fragte und ihm dabei seine ungeputzte Nase präsentier­te, bekam zur Antwort:

Je Josel!

Du hast ja `n rotzig Nosel.

Ein anderes Original, das wir Kinder sehr liebten, war der Potschen-Schulze. Dieser hatte in der Breslauer Straße nahe am Ring, der der unverkennbare Mittel­punkt der Stadt war, in einem geräumigen zweckent­fremdeten Hausflur einen Laden eingerichtet, in dem er Schuhe, aber hauptsächlich Arbeitsschuhe und Potschen, wie wir in Schlesien die warmen Hausschuhe nannten, verkaufte. Besonders die Landbevölkerung kaufte gern bei ihm.

Dieser Hausflurladen war schon dadurch eine Sehens­würdigkeit, weil er auf eine kaum vorstellbare Weise mit Bergen von Schuhen, mit Pappkartons und von oben herabhängenden Schuhpaaren vollgestopft war. Seine Türen standen Sommer wie Winter weit offen und gaben den Blick auf den ganz vorn stehenden Käfig frei, in dem ein zahmer Marder hauste. Zur Mittagszeit, wenn die Schule aus war, fand sich dort täglich eine Schar Kinder ein. Wenn sie groß genug war, ging der etwas behäbige, bei Kälte abenteuerlich vermummte Potschen-Schulze zu dem schräg gegenüberliegenden Schönen Brunnen, legte in dessen schmiedeeisernen Käfig ein rohes Hühnerei, kam wieder zurück, öffnete das kleine Käfigtürchen, und der Marder flitzte in Windeseile über die Straße zu dem Ei, fraß es auf und kam, so schnell er konnte, wieder in seine Behausung zurück.

Die Grabenstraße, in der wir wohnten, kannten wir in allen Einzelheiten. Die Häuser waren fast durchweg Mietshäuser, die aus Vorder-, Seiten- und Hinterhaus bestanden. Jedes sogenannte Hinterhaus grenzte an eine Parallelstraße und hatte dort auch einen Hauseingang. Infolgedessen gab es viele Durchgänge zwischen den Parallelstraßen. Wir kannten alle diese Durchgänge, Höfe und dunklen Korridore, ein wahres Labyrinth für unsere Versteck-, Verfolgungs- und Räuberspiele, die immer mit einem Riesengeschrei verbunden waren. Kein Wunder, daß wir dabei von den braven Bürgern und Handwerkern oft mit kräftigen Schimpf- und Fluch­wörtern, auch mit Schlägen, Fußtritten und Wurfge­schossen vielfältiger Herkunft bedacht wurden.

Unsere Wohnung in der Grabenstraße lag im zweiten Stock und war eine Zweizimmerwohnung mit Küche. Diese drei Räume lagen in einer Linie hintereinander. Das Zimmer, das zur Grabenstraße hin lag, war das Schlafzimmer meiner Eltern mit Ehebett und Kleider­schrank und gleichzeitig eine Art gute Stube mit einem grünen, plüschbezogenen Sofa, mit einem ovalen Tisch davor, einem Vertiko, auf dem Nippes und Fotografien standen, und einem Spiegel, der schräg zwischen den beiden Fenstern über einem zweibeinigen Wandzier­tischchen hing, auf dem wiederum ein Spitzendeckchen lag und zwei überschlanke Glasvasen standen, in denen merkwürdige Puschel steckten. Wahrscheinlich cha­rakterisiert man diesen Raum als ein ziemlich ärmliches Derivat eines Makart-Zimmers. In ihm stand auch spä­ter ein Hügel, den die Eltern - sicher unter großen Opfern - für uns gekauft hatten. Eine Tür führte direkt zum Treppenhaus, war aber verschlossen und mit einem Regal ausgestattet, in dem meine Mutter das Einge­machte aufbewahrte.

Das andere Zimmer war genauso groß, etwa fünf mal sechs Meter, und lag zum Hof. Das war das Wohnzim­mer, in dem sich unser Leben abspielte. Vor einem der beiden Fenster stand die Nähmaschine, zwischen den Fenstern der Schneidertisch, an dem ich auch basteln durfte, an den Wänden standen die Betten für Alfred und mich, ein Sofa, ein schmaler Geschirrschrank, eine Kommode und ein Kleiderschrank, in der Mitte vor dem Sofa ein einfacher Ausziehtisch, der unser Eßtisch und Vaters Zuschneidetisch zugleich war.

Die Küche lag zwischen den beiden Zimmern am Trep­penhaus und war mit ihnen durch Türen verbunden, die je vier große Scheiben aus Milchglas mit durchsichtigen Blümchenmustern aufwiesen. Die Küche hatte keine Fenster. In einer ihrer Ecken war ein Holzverschlag, hinter dem sich das Wasserklosett verbarg, das ein Lüftungsfenster zum Treppenhaus besaß. Außerdem waren in der kleinen Küche noch ein gekachelter Koch­herd, eine Küchenkommode, ein Speiseschrank und ein Waschständer zu finden und eine Tür, die zum Treppen­flur führte, die also unser Wohnungseingang war.

Aus dem Fenster der Guten Stube erblickte man gegen­über die Fassade des Stadttheaters und die breite, hohe Mauer mit dem großen Eingangstor zum Armenhaus, das gleichzeitig auch das Polizeigefängnis enthielt. Wir erlebten als Kinder oft, wie mit Handschellen gefesselte Männer durch das große Tor geführt oder auch sinnlos Betrunkene, die oft lauthals johlten, auf zweirädrigen Schubkarren von Polizisten hineingeschoben wurden. Ich erinnere mich, daß diese beiden verschiedenartigen städtischen Institute mir als Kind viel zum "Denken" aufgaben.

Die Fenster des Wohnzimmers sahen zum Hof und zum Seitenhaus, in denen die Waschküche, der Lokus für die Parterrewohnung, eine Sattlerwerkstatt und ein Holz­schuppen mit Kaninchen- und Gänseställen unterge­bracht waren. Der Hof besaß außerdem eine Teppich­klopfstange, einen großen Holzklotz zum Holzhacken, eine Wasserleitung, die Müllkästen und eine Dunggru­be, aus der es bei bestimmter Witterung dampfte. Drei­mal am Tag konnten wir vom Fenster aus unten die alte Buhlen, die Mutter der Buhl-Grete, beobachten, wie sie ihre Gänse mit Gänsenudeln stopfte.

Unser Wohnhaus hatte im Parterre einen Stall, in dem zwei Pferde, manchmal auch mehr, gehalten wurden, deren Stampfen man bis in unsere Wohnung hinauf im zweiten Stock deutlich vernehmen konnte. Die Haustür war breit und hoch und führte in eine breite Durchfahrt bis zum Hof, damit man leicht den Dung abholen konnte. In dieser Durchfahrt standen immer zwei bis drei Wagen. Solange ein Droschkenkutscher in der Einzimmerparterrewohnung mit Frau und zwei hüb­schen Töchtern wohnte, standen da zwei Droschkenkupees, deren blitzblank schwarze Lackierung mit roten Zierstrichen abgesetzt war. Wir sahen diesem Mann gerne zu, wie er die Wagen, die Pferde und deren Geschirre pflegte und putzte.

Auch der Sattler, der bei gutem Wetter meistens im Hof arbeitete, fand bei uns großes Interesse. Jede seiner Arbeiten war für mich spannend: wie er das Sattlergarn an einem Ende aufzwirbelte und mit Pech und Wachs eine Schweinsborste daran befestigte, wie er mit seinem scharfen Messer das Leder schnitt oder abflachte, wie er mit seiner Ahle die Löcher stach und mit zwei vorberei­teten Fäden das Leder nähte, wie er die Federböden für Matratzen und Polsterstühle herstellte, das Polster aus Jute und Werg machte und schließlich die ganze lang­wierige Arbeit mit farbig leuchtenden und gemusterten Stoffen überzog. Beim Arbeiten konnte er ununterbro­chen spannende, skurrile und gruselige Geschichten erzählen aus seiner Jugend, seiner Lehrzeit und seiner Wanderzeit als Handwerksgeselle. Er hatte eine starke Phantasie. Wir glaubten ihm nicht alles, was er heraus­sprudelte. Oft stellte er seine Erzählung selbst in Frage, indem er der Geschichte eine überraschende Wendung gab und sie mit einem Witz beendete, der sehr drastisch sein konnte. Mit seinem Sohn Max, der mit uns gleichal­trig war, waren wir befreundet, und da er schon als Schuljunge bei seinem Vater arbeitete, konnte er uns beibringen, wie man schadhafte Schlagbälle und Fuß­ballhüllen selbst reparierte. Werkzeuge, Lederabfälle und Garn durften wir der väterlichen Werkstatt entneh­men.

Über uns im dritten Stock wohnten zwei sehr arme Familien. Ihre kleinen Wohnungen bestanden aus nur einem Mansardenzimmer und einer Küche, die kein Fenster hatte. Bei der einen Familie, die nur einen Sohn hatte, der die Englische Krankheit durchgemacht und deswegen einen verwachsenen Brustkorb und krumme Schienbeine zurückbehalten hatte, kam fast jedes Jahr ein Kind zur Welt, das aber schon nach einigen Tagen oder sofort nach der Geburt starb. Mehrere Male habe ich diese kleine Familie zum Friedhof gehen sehen. Die Mutter trug den winzigen weißen Kindersarg auf den Armen vor sich her, ihr zur Seite ging der Vater mit dem kleinen Paulchen an der Hand.

Die andere Familie hatte acht Kinder, von denen einige auch körperliche Fehler hatten. Die Kinder waren tags­über oft allein, weil beide Elternteile arbeiteten. Die älteste Tochter war noch schulpflichtig. Sie versorgte, so gut es eben ging, ihre sieben Geschwister, bis die Mutter von ihrer Nachmittagsarbeit zurück war. Meine Mutter stieg fast jeden Tag einmal hinauf, um nach dem Rechten zu sehen. Eines Tages, als sie vom Einkaufen zurückkam, sagte sie, sie habe im Treppenhaus Brand­geruch bemerkt, sie wolle mal schnell zu den Ferschkekindern hinaufgehen, es könne ja sein, daß sie mit Streichhölzern gespielt hätten. Ich ging mit hinauf. Das Wohnzimmer war voller Rauch. Wir machten beide Fenster auf und suchten nach der Ursache. Meine Mut­ter entdeckte einen feuchten Strohsack, den jemand zum Trocknen zwischen den überheizten Kachelofen und die Wand gestopft hatte. Sie war umsichtig genug, zuerst mit mir mehrere Eimer voll Wasser bereitzustel­len und dann erst den Strohsack hervorzuziehen. Tat­sächlich schlug sofort eine Flamme hoch, die mit einem Eimer Wasser gelöscht werden konnte.

Die Grabenstraße, in der viele solcher armen Leute wohnten, hatte viel Interessantes zu bieten. Theater und Armenhaus mit Polizeigefängnis erwähnte ich schon, dazu kamen noch die Druckerei der Neisser Zeitung, die Handelsschule, die Bischofsmühle mit ihrem dauern­den mahlenden Geräusch im Innern und dem tosenden fallenden Wasser der Biele, eines Nebenflusses der Glatzer Neisse, und mit den vielen Bauernwagen vor ihrem Tor, jenseits der Biele der barocke Bischofshof, die ehemalige Residenz der damaligen Neisser Bischö­fe, dann das Heimatmuseum und das Landgericht, das allerdings seinen Haupteingang in der Bischofstraße, einer Parallelstraße, hatte. Außerdem gab es noch zwei Gasthäuser, einen Lumpenhändler, einen Töpfermei­ster, zwei Bäckereien, eine Tischler- und Stellmacher­werkstatt und ein Kolonialwarengeschäft. In der Han­delsschule war die katholische Sankt-Borromäus- Bibliothek untergebracht, aus der wir unsere ersten Bü­cher entliehen.

Eine besondere Attraktion war das sogenannte Flei­scherfest, auch Hussitenfest genannt, das die Fleischerinnung alljährlich zur Erinnerung an die Hus- sitenschlacht bei Neisse, in der die Neisser Fleischer sich besonders tapfer gezeigt hatten, mit großem Um­zug feierte. Anfang des 15. Jahrhunderts war Neisse von den Hussiten belagert worden. In einem Ausfall der Bürgerwehren sollen die Fleischer mit ihren berufseige­nen Werkzeugen eine beispiellose Metzelei unter den Belagerern angerichtet und deren Flucht erzwungen haben. Im Festzug wurden mittelalterliche Kostüme gezeigt und die Beutestücke, wie Waffen und Fahnen, mitgeführt. Die Mitglieder der Fleischerinnung fuhren in Kaleschen und Landauern, die jüngeren nahmen hoch zu Roß teil, alle in knallroter Kleidung mit schnee­weißen Schürzen. Selbstverständlich war auch eine große Bläserkapelle beteiligt. Der Zug entfaltete sich am Gasthof zum Deutschen Haus, der schräg gegenüber unserer Wohnung lag, so daß wir aus unseren Woh­nungsfenstern dem bunten Treiben genußvoll zusehen konnten.

Auch die Märkte in der Stadt Neisse lagen nur 100 bis 300 Meter von der Grabenstraße entfernt. Unser Schul­weg ging mitten durch den Kartoffelmarkt, der eigent­lich ein Bauernmarkt war und jeden Sonnabend statt­fand. Das lebhafte Durcheinander von Bauern, Pferden, Käufern, das Schreien, Feilschen, Schimpfen, Rufen zwischen Säcken und Feldfrüchten, das Quieken der jungen Schweine usw. verzögerte unseren Schulweg jedesmal, so daß wir nach einem Blick auf die Rathausuhr dann bis zur Schule rennen mußten, um zu­rechtzukommen. Anschließend, vor der Fassade der Mädchenschule, fand man den Buttermarkt, wo die Bäuerinnen Butter und Eier in Körben feilboten. Nicht weit davon auf dem Ring, dem Mittelpunkt der Stadt, war der alltägliche Gemüsemarkt und einmal wöchent­lich der Geflügelmarkt, auf dem Hühner, Gänse, Enten, Tauben und auch Kaninchen lebend verkauft wurden. Die Märkte wimmelten immer von Menschen, manch­mal war kein Durchkommen.

Trotz dieser für Kinder sehr attraktiven Wohngegend besuchten wir mit Begeisterung unsere Großeltern in Schalkowitz. Den primitiven ländlichen Haushalt, die Tiere, die Feldarbeit, das Brotbacken, den Holzschup­pen mit den Werkzeugen, die Fahrten zum Bahnhof und zurück in der Postkutsche mit dem Großvater, die Weiten der Felder und die riesigen geheimnisvollen Wälder, das Beeren- und Pilzesammeln, die Storchennester auf den strohgedeckten Dächern, die hölzernen Windmüh­len liebten wir mehr als alles, was uns die Stadt bot.

Während meiner Volksschulzeit habe ich viel gemalt. Zum Geburtstag wünschte ich mir immer sogenannte Malbücher und Farben, später Zeichenblöcke. Wenn mich meine Eltern zu einem Besuch bei Bekannten mitnahmen, wurde ich von diesen sofort mit Papier und Farben oder Bleistift versorgt. Bis zum Heimweg brauch­te sich dann niemand mehr um mich zu kümmern. Ich fand auch immer jemanden, der mir weiterhalf. In der Nachbarwohnung wohnte die Juretzka-Trude, eine Verkäuferin, die in einem Papiergeschäft arbeitete. Sie schenkte mir oft angeschmutztes Papier und lädierte Modellbau- und Ausschneidebogen. In der Wohnung unter uns lebte die Buhl-Grete, eine Schneiderin. Sie brachte mir den Umgang mit Aquarell- und Pastellfar­ben bei und half mir bei komplizierten Basteleien mit Rat und Tat. Ich habe sie sehr bewundert. Ich durfte zu ihr kommen, wann ich wollte, und immer ließ sie sofort ihre Schneiderarbeit liegen, um mir zu helfen. Meine verpfuschtesten Basteleien konnte ich unter ihrer Anlei­tung wieder in Ordnung bringen. Besonders die Modell­bogen machten mir oft Kummer, weil mir nur Mehlklei­ster zur Verfügung stand. Das von mir heiß begehrte Syndetikon, ein Fischleim, war zu teuer. Schwierige Stellen, die nicht halten wollten, hat sie mir mit großer Geschwindigkeit von Hand zusammengenäht.

Sehr aufregend war es für mich, als mein Vater eines Tages aus Rußland schrieb, er wohne an der Front im Unterstand mit einem Kunstmaler zusammen, und die­ser habe sich sehr lobend zu meinen Briefmalereien geäußert. Ich wurde, soweit ich mich erinnern kann, überhaupt sehr gelobt für meine Malereien usw. Die Erwachsenen fanden, daß ich ein stilles und problemlo­ses Kind sei. Allerdings verhielt ich mich ganz anders, wenn ich mit Spielkameraden auf der Straße oder in der Umgebung unserer Kleinstadt unterwegs war.

Mein Bruder Alfred und ich hatten sehr unterschiedli­che Interessen. Während er schon mit sieben Jahren Bücher verschlang, saß ich in einer Ecke der Wohnung und spielte. In der Vorschulzeit beschäftigte ich mich oft mit einer Burg, die ich zu Weihnachten bekommen hatte. Sie war sehr klein und unscheinbar, und die Soldaten und Reiter, die mir gleichzeitig beschert wur­den, waren viel zu groß dazu, größer als die Gebäude der Burg. Ich kann mich nicht erinnern, was genau in mir vorging, wenn ich mit dieser Burg spielte. Aber es muß sich damals in meiner Phantasie und meiner Vorstel­lung viel begeben haben. Das wirkt sich noch heute aus. Ich kann an keiner Burg vorbeikommen, ohne eine tiefe Enttäuschung zu empfinden, wenn Zeit oder Gelegen­heit fehlen, sie zu besichtigen.

Noch lieber waren mir die Holzbaukästen. Eigentlich besaß ich nur einen kleinen, Alfred besaß einen größe­ren; da er aber lieber Bücher las, konnte ich mit beiden spielen. Ich baute mit Vorliebe Türme. Ich versuchte, sie immer höher zu bauen. Je höher sie waren, desto leichter fielen sie um, meistens schon, bevor sie fertig waren. Das enttäuschte mich nicht. Das Bauen machte mir anscheinend mehr Spaß als der fertige Turm.

Fertige Spielzeuge liebte ich nicht. Lieber waren mir solche, die ich verändern, vervollständigen, durch eini­ges Dazubasteln ergänzen konnte. Mein Bruder Alfred besaß einen Dampfer mit Schiffsschraube zum Aufzie­hen, der tatsächlich im Wasser Fahrt machen konnte. Ein solches Spielzeug interessierte mich überhaupt nicht. Begeistert war ich, als zwei Glücksfälle zusammentrafen. Ich fand am Ufer der Neisse einen etwa 60 cm langen Schiffskörper aus massivem Holz. Und da ich noch etwas früher ein solides Taschenmesser gefunden hatte, das außer den beiden Messerklingen noch fünf weitere Werkzeuge aufwies, war mein Glück voll. Der Schiffskörper wurde von mir mit Hilfe dieses Werkzeu­ges mit Takelagen phantastischster Art ausstaffiert, mit bunten Segeln und Wimpeln und Fahnen, und ich konn­te kein Ende finden, die Masten mit möglichst vielen Zwirnsfäden zu verspannen und mit Strickleitern und Fähnchen zu versehen. Als alles fertig war, ließ ich das Schiff in der leichten Strömung des schmalen Wallgra­bens fahren und lief unermüdlich mit einem langen Stock daneben her, um es zwischen den Sumpfpflanzen durchzulotsen. Ältere Kinder, die mir dabei zusahen, kritisierten, daß es so ein Schiff wie meines überhaupt nicht gäbe. Ich sah ein, daß sie recht hatten. Aber als sie mich deswegen verspotteten, stand ich ihnen verständ­nislos gegenüber.

Der Wallgraben - ein kaum zwei Meter breiter, künstli­cher Wasserlauf, der in früheren Zeiten zum Fluten der Festungsanlagen benutzt worden war, zog mich immer wieder an. Abgesehen davon, daß man in seinem seich­ten Wasser im Sommer herumwaten konnte, besaß er eine vielfältige Unter- und Überwasserwelt, die mich oft sogar mein geliebtes Segelschiff vergessen ließ: Wasserläufer, Libellen, Blutegel, Salamander, die schö­nen großen Gelbrandkäfer und große Fische, Hechte, Neunaugen und Weißfische und ganze Schwärme klei­nerer Fische, aber auch Schlangen gab es da, hauptsäch­lich Ringelnattern und Blindschleichen, aber auch gro­ße und kleine Kreuzottern, vor denen mich meine Eltern immer wieder warnten. Und dann das unermeßlich große Volk der grünen und braunen Wasserfrösche.

Besondere Freude machte es mir, mit einem älteren Jungen aus der Grabenstraße, er hieß Willi Reu, im Wallgraben fischen zu gehen. Er fing die Fische mit einer Blumendrahtschlinge, die an einem etwa 1,50 m langen Stock befestigt war. Wenn wir einen Fisch entdeckt hatten, der gegen die Strömung, nur mit den beiden Seitenflossen regulierend, stillstand, fädelte Willi vorsichtig die offene Schlinge von hinten über die Schwanzflosse bis zur Mitte der Rückenflosse, riß dann blitzschnell den Stock nach oben und der Fisch flog in hohem Bogen, von der Schlinge fest umschlossen, ins Gras neben dem Graben. Von diesen Fischzügen - die Beute betrug meistens nach stundenlangem Lauern und Suchen nur zwei bis drei Stück - erzählte ich eines Tages meiner Mutter. Sie war entsetzt. Das sei Diebstahl, was wir da trieben. Sie verbot mir sogar, mit diesem Jungen, den ich sehr bewunderte, weiterhin mich zu treffen.

Wir kannten eine große Anzahl von Spielen. Im Früh­jahr fing es an mit dem Kreiseln. Die Peitschen machten wir uns selbst. Die Kreisel konnte man kaufen: Kegel, Eier, Pilze. Die Pilze taugten nicht viel. Wir wußten noch nichts davon, daß diese bunten Dinger sich beim Drehen durch die Zentrifugalkraft aufrecht hielten. Aber wir wußten aus Erfahrung, daß die kopflastigen Pilze leichter bei einem Hindernis umfielen als die Eier und die Kegel. Das Spiel mit den bunten Reifen, die man in Läden kaufen konnte, verachteten wir; die waren für kleine Kinder. Wir benutzten richtige Fahrradreifen mit Speichen, natürlich ohne die Gummibereifung, weil sie so nackt und bloß viel schöneren Krach machten, beson­ders auf dem Katzenkopfpflaster. Aber auch kleine und große Kinderwagenreifen, nach denen wir eifrig auf dem Schuttabladeplatz auf Suche gingen, waren sehr beliebt. In die Nabe solcher Reifen wurde ein 10 cm langes Holz gekeilt, an dem man mit einem Stock beim schnellsten Laufen das Rad leicht und sicher vorwärt­streiben und präzise lenken konnte.

Sowie die sommerliche Wärme sich bemerkbar machte, fing das Schippein an. So nannten wir das Spielen mit Murmeln um Murmeln. Dieses Spiel war die Börse der Straßenkinder. Die "Währungseinheit" war die kleine Lehmkugel, die mit einer stumpfen Farbe überzogen war, die sich beim Spielen bald abnutzte. Glänzend lackierte Lehmkugeln waren schon 2 bis 3 Einheiten wert, sie hießen die Zweier und Dreier. Stahlkugeln aus Kugellagern und bunte Glaskugeln waren je nach Größe sehr wertvoll: Fünfer, Zehner usw. bis Hunderter. Wenn die Schippelsaison durch Voreilige eröffnet war, ging kein Kind mehr ohne seinen Schippelsack, in dem die Kugeln verwahrt wurden, auf die Straße. Wer ein sol­ches Glücks- und Geschicklichkeitsspiel wagen wollte, suchte sich einen Partner und handelte mit ihm aus, um wieviel Einheiten gespielt werden sollte. Dann suchten sich beide auf dem Bürgersteig ein Loch. Die Löcher waren noch vom letzten Jahr vorhanden und lagen nahe an den Häusern. Die beiden Spieler stellten sich nun in den Rinnstein, und jeder warf seine Kugeln. Wer die meisten dabei ins Loch getroffen hatte, fing mit dem Schippein an. Die außerhalb des Loches liegenden Kugeln mußten mit dem Daumen über den Zeigefinger oder umgekehrt ins Loch geschnipst werden. Traf eine Kugel nicht ins Loch, kam der andere dran. Gewonnen hatte der, der die letzte Kugel ins Loch bugsierte. Der technische Vorgang war genau festgelegt. Schieben der Kugeln war nicht erlaubt. Für manche Kinder war es schwierig, einen Partner zu finden. Das waren die sogenannten Säckler. Sie waren an den wohlgefüllten großen Kugelsäcken zu erkennen. Die Mädchen waren geschickter als die Jungen. Aus ihren Reihen kamen die meisten Säckler. Um einen Partner zu finden, mußte ein Säckler etwas anbieten, z.B. einen Zwanziger gegen zehn Einer. Man tauschte auch die Kugeln, so wie man Geld wechselt, z.B. eine Dreißiger gegen drei Zehner. Das alles ging nicht immer ohne Streit ab. Denn viele versuchten durch Tricks, den anderen zu übervorteilen. Wir nannten das schlicht "bescheißen". Bei den Keile­reien gab es Tränen, zerkratzte Gesichter, ausgerissene Haare, Beulen und blutende Nasen. Wir waren eben richtige Straßenkinder in der Grabenstraße. Aber ich muß auch sagen, unsere Kindheit war dadurch lebendig, daß die Grabenstraße Kinder in Hülle und Fülle auf­wies. Immer fand man einen Partner zum Spielen. "Pferd und Kutscher" spielten wir oft sechsspännig. Dazu mußten sich sieben Jungen zusammenfinden.

An Ballspielen kannten wir "Kaiser, König, Bettel­mann", Freiball, Völkerball und natürlich auch Schlag­ball und Fußball. Alles barfuß auf Granit-, Mosaik- und Katzenkopfpflaster. Unsere Knie und Fußballen waren voller Wunden, die oft lange eiterten und, noch nicht ganz verheilt, schon wieder aufgerissen wurden.

Die Mädchen hatten ihre eigenen Spiele. Bei jedem einigermaßen schönen Wetter hörte man sie bei ihren Ringelreihenspielen singen: "Häschen in der Grube", "Kriechel durch, kriechel durch, durch die goldne Brücke", "Dreh Dich nicht um, der Plumpsack geht um", "Wir wollen heiraten" usw. Ein Ballspiel, bei dem es um die Ermittlung der geschicktesten Spielerin ging, war besonders beliebt. Zehn verschiedene Arten, den Ball an eine Hauswand zu werfen und wieder aufzufan­gen, steigerten sich im Schwierigkeitsgrad. Wenn der Ball auf die Erde fiel, kam die nächste Spielerin dran. Wer zuerst alle zehn Übungen fehlerfrei absolviert hatte, war die Siegerin.


Am beliebtesten war bei den Mädchen Himmel-und-Hölle-Hopsen, deren Kästchenfiguren mit Kreide auf die Bürgersteige gezeichnet waren. Überall und uner­müdlich hopsten die Mädchen auf einem Bein, auf zwei Beinen, mit gekreuzten Beinen, in der Hockstellung oder blind mit geschlossenen Augen über die gezeich­neten Rechtecke und Halbkreise.

Das Drachensteigen kannten wir natürlich auch, aber die Drachen, die man kaufen konnte, schätzten wir nicht, weil sie durchweg so alberne Gesichter hatten, nie richtig funktionierten und viel zu viel Geld kosteten. Wir bauten uns lieber unsere Windspiele selbst, die nicht viel Arbeit machten, eine japanische Leichtigkeit hatten und uns nicht viel kosteten. Wir brauchten hierzu Zwirn, Wurstspeiler und farbiges Seidenpapier, außer­dem eine Rolle starken Zwirns, möglichst 150 Meter. Den Köpfen oder Tragflächen gaben wir die Form eines regelmäßigen Vier- oder Sechsecks. Zwei bis drei Wurstspeiler wurden in ihren Maßmitten zusammenge­bunden und bildeten die Diagonalen, um deren Enden mit Zwirn die Kantenlinien gespannt wurden. Diese federleichten Gebilde wurden mit Seidenpapier be­spannt. Der Schwanz war ein Zwirnsfaden, in den viele 20 cm lange Papierstreifen und am Ende eine ebenso lange Papierquaste eingeknüpft waren. Vorn wurde an dem Kopf die Steigeschnurwaage und hinten die Schwanzwaage aus Zwirn angeknüpft. Nach der Befe­stigung des Schwanzes wurde mit dem Windspiel ein Probelauf gemacht, um zu ermitteln, ob noch Korrektu­ren an den Waagen und an der Schwanzlänge erforder­lich waren. Erst wenn das Windspiel beim Laufen in einer leicht schräg aufwärts gerichteten Linie dahinschwebte, den Kopf ruhig hielt und der Schwanz sich sanft schlangenhaft bewegte, konnte die Freude des Drachensteigens beginnen.

Die primitiven Fallschirmballons oder wie man sie nennen soll, machten uns auch viel Freude, obgleich sie nach einmaligem Benutzen meistens schon verloren waren. Sie bestanden lediglich aus einem quadrati­schen, taschentuchgroßen Seidenpapier und 4 Fäden, die an den Ecken des Papiers angeknüpft und an ihrem anderen Ende zusammengeknotet und mit einem klei­nen Gewicht, z.B. mit einer Streichholzschachtel, ver­sehen wurden. Bei Aufwind an den Häuserfronten stie­gen sie leicht in die Luft und verschwanden dann über den Dächern. Unter großem Gebrüll verfolgten wir sie mit Augen und Beinen, solange es möglich war. Nur selten erlebten wir die Freude, sie noch einmal zu erwischen. Meistens verfingen sie sich schon beim Aufsteigen an den Häuserwänden an Blumenbrettern, Haussimsen, Dachrinnen und Telefonleitungen. Nur wenige machten uns die große Freude, das freie Luftge­biet außerhalb der Stadt zu erreichen und in weite Ferne zu entschweben.

Meine Mutter hatte mit der Wohnung in der Graben­straße viel Arbeit und Kummer. In unserer Toilette, die diesen vornehmen Namen kaum verdiente, war das Becken mit einem Bretterverschlag umgeben, so daß sich der darunter befindliche Raum jeder Kontrolle entzog. Jedenfalls vermutete meine Mutter, daß das Mauerwerk um die Abwässerrohre sehr locker und schadhaft sein müsse. Sie hatte Grund genug für diese Annahme, weil immer wieder Mäuse in unsere Woh­nung gelangten. Nachdem aber eine fangbereite Mäuseschlagfalle ständiges Requisit unserer Toilette war, kamen sie nur noch bis zu dieser letzten Station. Meine Mutter hörte im tiefsten Schlaf das Zuschlagen der Falle. Sie stand dann sofort auf, um die tote Maus durch den Lokus zu spülen und den Schlagbügel wieder zu spannen. In manchen Nächten ist sie mehr als fünfmal aufgestanden. Ein weiterer großer Kummer war die hoffnungslose Verwanzung des Hauses. Meiner Mutter wurde dadurch peinlichste Sauberkeit abverlangt. Kein Wunder, daß diese brave Frau freudig auflebte, als wir endlich in eine andere Wohnung umziehen konnten, die allerdings auch nicht vollkommen war.

Unsere Kinderzeit neigte sich schon ihrem Ende zu, als 1920 unser Bruder Hans zur Welt kam. Alfred und ich wurden von jetzt an als die Großen bezeichnet. 1925 kam noch Konrad hinzu, als wir schon in einer anderen Wohnung lebten. Beide Brüder kamen von Alfred und mir unbemerkt zur Welt. Meine Mutter war so korpu­lent, wie sie das selbst nannte, daß ihr niemand ansehen konnte, daß sie ein Kind trug. Hans wurde nachts geboren. Am Morgen kam unsere Mutter uns mit offe­nem Haar - wir sahen sie sonst nur frisiert - wecken; sie hatte das Frühstück vorbereitet und sagte, sie müsse sich gleich wieder hinlegen, sie sei heute etwas schwach. Und dann ging sie mit uns an ihr Bett und zeigte uns den neuen Bruder. Alfred und ich waren damals zwölf und elf Jahre alt. Hans wurde so etwas wie ein fortschrittli­ches Spielzeug für uns. Besonders ich nahm mich des Säuglings an. Ich wußte bald, wie man ein Kleinkind anfassen und wie man es trockenlegen und in die Win­deln wickeln konnte. Auch fuhr ich den Kleinen mit dem großrädrigen Kinderwagen spazieren, nahm die Schularbeiten mit und arbeitete auf irgendeiner Bank im Park oder in den Festungsanlagen. Als dann ein Sportkinderwagen, wie man das damals nannte, für die Ausfahrten benutzt wurde, fand auch Alfred Gefallen daran. Jedes kleine Gefälle der Wege wurde von uns ausgenutzt, um selbst mitzufahren. Nach einem kurzen Anlauf stellte sich der Wagenlenker auf die Hinterach­se, und hinunter ging's im Karacho unter dem vergnüg­ten Kreischen des kleinen Bruders. Zum Leidwesen der Mutter war die Hinterachse bald verbogen, und die Räder eierten alle vier. Als Hans laufen konnte, benötig­ten wir den Sportwagen nicht mehr. Alfred und ich waren sehr kräftig, so daß unser Schutzbefohlener auf unseren Schultern reiten konnte, wenn er müde war. Er konnte alle unsere Streifzüge mitmachen.


Einmal - Hans benutzte gerade mich als Pferd - hatte ich am Hals ein sehr klebriges Gefühl. Bei näherem Hinse­hen stellte sich heraus, daß das Brüderchen, das noch nicht ganz stubenrein war, beim Reiten seinen natürli­chen Bedürfnissen freien Lauf gelassen hatte. Erst waren wir ratlos. Dann ließ ich ihn einfach wieder aufsitzen und trabte mit ihm nach Hause, wo uns die Mutter mit kundiger Hand von dem Kleister befreite und wir den Ausritt von neuem beginnen konnten.

In den Festungsanlagen tauchte oft ein Mann auf, der die Aufgabe hatte, darüber zu wachen, daß die noch benutzten Wagenhäuser und Kasematten nicht erbro­chen und die verpachteten Grasflächen nicht zertram­pelt wurden. Wir nannten ihn den Schnicksack, weil er ältere Kinder, die er manchmal erwischte, verschnickte (schlesischer Ausdruck für verhauen). Uns hat er, auch wenn wir Hans bei uns hatten, nie erreichen können, denn wir konnten mit unserem Reiter ein gewaltiges Tempo rennen.

Als wir 1924 in die Obermährengasse umzogen, war Hans inzwischen dank unserer Erziehung ein wilder und temperamentvoller Junge geworden. Wir beiden älteren waren mit der höheren Schule, mit den Schularbeiten und mit unseren vielen Stundenschülern voll beschäf­tigt. Die einzige Extravaganz, die wir uns noch leiste­ten, war ein Taubenschlag, den ich in unsere Boden­kammer unter dem Dach einbaute. Die Tauben besorgte Alfred. Er bekam sie von den Eltern einiger Stunden­schüler geschenkt, die aus den umliegenden Dörfern kamen. Unsere Freude dauerte nicht lange, weil die geliebten Tierchen, es waren hauptsächlich Strasser, Kröpfer und Pfauentauben, sich so schnell vermehrten, daß sie zur Plage wurden. Sie saßen auf den Dächern und flogen um unser Wohnhaus herum, machten viel Dreck und weckten im Sommer die Bewohner schon früh um vier Uhr mit ihrem Gurren. Für die kleinen Brüder Hans und Konrad hatten wir nur noch wenig Zeit übrig. Wir brachten ihnen das Radfahren bei, nachdem wir ihnen ein Fahrrad von unserem durch Stundengeben verdienten Geld gekauft hatten. Sie wurden die reinsten Radartisten und fuhren wie die Teufel.

Mein Basteleifer bekam in der neuen Wohnung eine neue Richtung. Ich baute mehrere Flugzeugmodelle, die mir den Gefallen taten, zu fliegen. Als die ersten Radiogeräte auftauchten, diese geheimnisvollen Detek­torengeräte mit Kopfhörern, mußte ich natürlich auch so ein Ding haben und baute es selbst. Ich baute zu­nächst das primitivste, um dann ein komplizierteres mit selbstgewickelten Induktionsspulen folgen zu lassen. Ich fand auch einen Radioeinzelteilhändler, der mir viel beibrachte, so daß ich schließlich große Apparate mit vier bis sechs Röhren baute, hauptsächlich für die Nachbarn in unserem Haus. Schließlich baute ich noch einige Apparate, die den Netzstrom für die Radioapparate transformierten, so daß wir auf den Akku, der immer wieder aufgeladen werden mußte, und auf die Anoden­batterien, die teuer waren und sehr schnell leer wurden, verzichten konnten. Ich wurde für diese Radiobastelei­en von meinen Auftraggebern immer fürstlich entlohnt, wie ich meinte, denn alle bezahlten mehr, als ich ver­langte.

Die Obermährengasse lag in der Friedrichstadt, einem Stadtteil nördlich des Neisseflusses. Die Friedrichstadt war von Friedrich dem Großen hauptsächlich als Kaser­nenstadt angelegt worden. Sie besaß daher eine stattli­che Zahl von Kasernenbauten und einen riesigen Exer­zierplatz, den Wilhelmsplatz, auf dem wir herrlich radfahren konnten. Von Friedrich dem Großen zeugte noch das Rote Haus, ein großer Gasthof, der fast zinno­berrot angestrichen war. In ihm soll Friedrich der Große gewohnt haben. Nicht weit davon stand das Eichen­dorffhaus, in dem der Dichter 1857 gestorben ist. Und wieder nicht weit davon war sein Grab auf dem Jerusa­lemer Friedhof, wo auch mein Vater begraben wurde.

Dieser Friedhof war riesig groß. Die Toten wurden in Neisse von ihren Verwandten hoch in Ehren gehalten, und ihre Gräber wurden fast durchweg liebevoll be­pflanzt und gepflegt. Der Allerseelentag im November war immer ein zwar wehmütiges, aber strahlendes Fest der ganzen Stadt. Alle, auch die Bürger, die keinen Verstorbenen auf diesem Friedhof liegen hatten, waren auf den Beinen, um das eigenartige Fest der Toten am späten Nachmittag mitzuerleben. Schon tagelang vor­her wurde alles in den einzelnen Familien vorbereitet. Aus bunten, oft knalligen Seidenpapieren und Blumen­draht wurden Tausende von Papierblumen hergestellt, die dann einzeln an Holzstäbchen befestigt oder zu großen Kreuzen oder Kränzen zusammengefaßt wur­den. Am frühen Nachmittag des Allerseelentages ström­ten die Familien mit Wäschekörben voller Kunstblu­men und mit den bunten Kreuzen und Kränzen zum Friedhof hinaus, legten die großen Stücke oben auf die Grabhügel, besteckten die noch freigebliebenen Stellen mit den Einzelblumen und entzündeten unzählige Windlichter in farbigen Gläsern. Beim Einfall der Dämmerung wurde das Schauspiel überwältigend: ein Meer von strahlender Farbe und flackerndem Licht, auf dem sich schwarz gekleidete Menschen still und ernst bewegten.

Das einstöckige Haus, in das wir umgezogen waren, war ein früheres Pontonwagenhaus, das nach seinem Um­bau 16 Wohnungen besaß. Wir wohnten beinahe wie auf dem Lande. Hinter dem Hause lagen große Kornfel­der, neben ihm stand auf der einen Seite ein Pferdestall von einem Kavallerieregiment, auf der anderen hinter einigen Kartoffelfeldern eine Autoreparaturwerkstatt. Sonst gab es in der Obermährengasse viele Villen und kleinere Wohnhäuser. Hinter dem Pferdestall lagen ein kleiner Platz für Reitübungen und daneben der Militär­friedhof mit seiner langen Vergangenheit. Dahinter begannen dann die alten Festungsanlagen. Um das Wohnhaus herum lagen 16 kleine Gärten von je 50 qm Größe, für jeden Wohnungsinhaber also einer. Jede Wohnung besaß eine eigene Toilette, aber die 16 Toilet­ten waren in einem ebenerdigen Querhaus zusammen mit zwei Waschküchen untergebracht. Da dieses Häuschen nicht geheizt wurde, wurde im Winter das Wasser abgestellt. Die Abflußrohre froren oft ein, wenn sie nicht gewissenhaft mit alten Kleidungsstücken ab­gedeckt wurden. Das Spülwasser mußte man sich im Winter in einer Wasserkanne aus der Wohnung mitneh­men. Die neue Wohnung war etwas geräumiger als die frühere. Sie hatte eine große Wohnküche, in der sich unser Familienleben abspielte und in der auch zwei Betten für die jüngeren Brüder standen. Alfred und ich hatten ein Zimmer, in dem wir ungestört unsere Schu­larbeiten machen konnten, das andere Zimmer diente als Elternschlafzimmer. Der kleine Eingangs-Korridor bot nur Platz für eine Flurgarderobe und einen Vorratsschrank. Die Gute Stube hatte sich selbst überlebt und war beim Umzug sang- und klanglos verschwunden.

Meine Eltern lebten in dieser Wohnung, bis 1945 mein Vater starb und 1947 meine Mutter nach Königstein im Taunus übersiedelte, wo meine Brüder Alfred und Hans sich nach dem Kriege schon niedergelassen hatten.

Höhere Schule

Bis zum Ende des fünften Schuljahres hatte ich klare Vorstellungen für meine Zukunft. Starke Anziehungs­punkte in Alt-Schalkowitz waren für mich die Neubau­ten. Insbesondere die Holzarbeiten der Zimmerleute und eines Großonkels (Bruder meiner Großmutter), der neben der kleinen Bauernwirtschaft und einer Bienen­zucht das Tischlerhandwerk ausübte, hatten es mir angetan. Dort konnte ich stundenlang zusehen, wie eine Treppe, ein Dorflokus, ein Dachstuhl, ein Sarg, eine Bank entstanden oder wie Fensterrahmen repariert wurden. Überall, wo es nach Holz roch, wurde es für mich interessant. Noch heute bleibe ich bei jedem Sägewerk stehen, um mich sattzuriechen. Für mich stand damals fest, daß ich nach Absolvierung der Schulpflicht Tisch­ler werden wollte. Aber es kam anders. Meine Eltern gaben sich große Mühe, mich zu überzeugen, daß es besser sei, auf die höhere Schule zu gehen und später einen akademischen Beruf zu ergreifen. Ich wehrte mich lange, gab aber schließlich nach, ohne wirklich überzeugt zu sein. Meine Neigung zog mich woanders­hin.

Mein Bruder hatte schon die Sexta hinter sich, als ich 1921 an das Neisser Realgymnasium wechselte. Er hatte inzwischen den Ruf eines hochbegabten Muster­schülers. Er blieb auch konstant der Primus seiner Klasse bis zum Abitur. Ich hatte in gewisser Weise darunter zu leiden, weil die Lehrer mehr von mir erwar­teten, als ich leisten konnte, obgleich ich immer unter den ersten fünf der Klasse rangierte. Andererseits be­wirkte der Ruf meines Bruders, daß auch ich für einen Musterschüler gehalten wurde.

Der Anfang an der höheren Schule war allerdings sehr schwierig für mich. Mir fehlte wohl die innere Bereit­schaft. Meine Mitschüler mit ihrem oft sehr feinen Benehmen waren mir fremd. Vieles, z.B. die Kenntnis von Fremdwörtern, wurde vorausgesetzt. Ich mußte mir alles erst erarbeiten, wobei mir mein Bruder Alfred sehr geholfen hat. Aber nach einem Vierteljahr schon waren diese Schwierigkeiten überwunden. Ich fing an, den Lateinunterricht zu lieben, einige Jahre später auch die Mathematik. Unser Religionslehrer Prof. Clemens Neumann war für mich ein begeisternder Mann. Er war Mitbegründer der katholischen Jugendbewegung Quick­born, konnte hinreißend Klampfe (wie wir die Gitarre nannten) spielen und dazu viele Lieder singen. Er wanderte mit uns kilometerweit durch die Landschaft und kochte mit uns das Mittagessen im Freien, kehrte abends mit uns müde, manchmal vom Regen pitschnaß, aber immer singend und voller Fröhlichkeit in die Stadt zurück. Prof. Neumann war ein regelrechter Rattenfänger, dach­te ich damals oft, ähnlich wie der von Hameln. Wenn er am Nachmittag mit zwei oder drei Jungen singend und spielend durch die Stadt marschierte, vermehrten sich seine Begleiter bis zur Stadtgrenze auf 20 bis 30. Nicht nur katholische, auch evangelische und jüdische Schü­ler kamen mit. Er war in der Schule tonbestimmend, und ich glaube, daß er der Grund war, daß ich mich allmäh­lich in der neuen Umgebung wohlfühlte. Das hörte sofort wieder auf, als er - ich war in der Quarta - starb.

Mein Bruder und ich waren bald gesuchte Nachhilfe­stundenlehrer, die gute Erfolge verzeichnen konnten. Das Geld, das wir verdienten, war uns und unseren Eltern natürlich willkommen, weil das kleine Einkom­men meines Vaters unseren Bücherhunger und unseren Fahrradverschleiß, auch die Kosten für die Befriedi­gung meines Mal- und Basteleifers nicht decken konn­te. Wir waren jetzt in das arbeitsreiche Leben unserer Eltern integriert.

Von elterlicher Erziehung haben wir wenig gemerkt. Die Eltern ließen uns großzügig gewähren. Sie engten uns niemals ein, vertrauten uns auf eine selbstverständ­liche Weise, und mein Bruder Alfred und ich taten, so gut wir konnten, alles, um sie nicht zu enttäuschen. Nur unsere Spitzfindigkeiten und unsere verbalen Frechhei­ten den Erwachsenen gegenüber ließen meine Mutter manches Mal zornig werden, so daß auch zuweilen ihre Hand ausrutschte. Aber auch hierbei empfanden wir ihre unendliche Liebe, die bis zu ihrem Tode sich nicht verminderte. Sie hat aber auch oft herzlich gelacht über unsere Einfälle, z.B. über die Fixigkeit, mit der wir charakteristische Eigenarten unserer Bekannten fest­stellten und bewitzelten. Wenn einer sich mit einem Lieblingswort zu oft wiederholte, hatte er sofort dieses Wort als Spitznamen weg. Er war dann für uns eben nur noch der Herr Schnafte (damals ein Modewort für elegant) oder der Herr Newohr (Nicht wahr, mit sehr auffälliger Betonung auf der ersten Silbe).

An Erziehungsmaßnahmen meines Vaters kann ich mich nicht erinnern. Er liebte uns, ohne es uns direkt zu zeigen. Wir hatten oft das Gefühl, daß wir ihn nicht sehr interessierten, weil er sich nicht einmal unsere guten bzw. sehr guten Zeugnisse ansah. Meine Mutter mußte sie meistens unterschreiben. Da aber Vaters Postkolle­gen uns regelmäßig zu unseren guten Zeugnissen gratu­lierten, wenn sie uns zufällig trafen, wußten wir, daß er unsere Zensuren sehr wohl kannte und von uns vieles erzählte.

Ich liebte die Schule nicht sonderlich. Meine Neigungs­fächer Mathematik und Latein interessierten mich aber stark. Der Unterricht im Zeichnen langweilte mich nur deshalb nicht, weil ich seit meiner Kindheit gewohnt war, mich selbst zu beschäftigen. In den Zeichenstun­den ließ mich unser Zeichenlehrer gewähren, ich durfte auch außerhalb des Gymnasiums arbeiten. Die Natur in der nächsten Umgebung war gut dafür geeignet, und die nur 30 Meter entfernte Kreuzkirche, ein Hochbarock­bau, war für mich sowieso immer wieder ein Anzie­hungspunkt. Dreimal in der Woche hatten wir darin unseren Schulgottesdienst, währenddessen ich mehr Interesse für das riesige, ausgemalte Tonnengewölbe als für die Vorgänge am Altar hatte. Die neun Jahre währende regelmäßige Teilnahme an den Gottesdien­sten in dieser außergewöhnlich schönen und strahlenden Kirche hat wahrscheinlich dazu beigetragen, daß viele noch heute in meinen Bildern einen gewissen barocken Zug entdecken.

Die Kunstgeschichte war im Neisser Realgymnasium kein Unterrichtsfach; aber einer unserer Englischlehrer hielt jede Woche einen Vortrag mit Lichtbildern über die Kunst des 19. Jahrhunderts. Ich war voller Erwar­tung, als diese Vorträge begannen. Bald wurde ich aber uninteressiert. Courbet, Leibl, Feuerbach und C.D. Friedrich wurden als die höchsten Spitzen der Malerei gepriesen, die gewissermaßen den Höhepunkt des Er­reichbaren in der abendländischen Kunst darstellten, jenseits dessen ein Fortschritt nicht mehr vorstellbar war. Zum Beweis dieser These wurde auch eine Hand­voll Bilder von Impressionisten gezeigt, auch eines von van Gogh. An diesen wurde bemängelt, daß sie keine Idealvorstellungen, keine Inhalte, ja nicht einmal mehr (wie Leibl oder Courbet) die Realität spiegelten. Die Deutschrömer wurden in den Himmel gehoben. Ausge­nommen war allerdings Hans von Marees, dem auch wieder die Inhalte fehlten. Während ich dies nieder­schreibe, erscheint es mir fast unglaubwürdig. In gewis­ser Weise enttäuschte mich die Fertigkeit dieser Maler, weil ich in ihren Bildern keinen Pinselstrich entdecken konnte, das artistische Können war nicht durchschaubar und blieb mir rätselhaft. Ich konnte über das, was mich interessierte, über den Malvorgang, nichts erfahren. Beim einzigen Bild von van Gogh, das gezeigt wurde, konnte ich jeden Pinselstrich sehen, und gerade über ihn sprach der Lehrer sehr distanziert und deutete an, daß der Grund für die merkwürdige Auffassung und Mal­weise in der Geisteskrankheit des Urhebers zu finden sei. Und gerade dieses eine Bild von van Gogh hatte mich tief beeindruckt. Diese Vorträge haben den Zu­gang zur Malerei für mich eher verschüttet als freige­legt. Kein Wunder, daß mich von da an die Musik mehr interessierte als die Malerei. Ich machte jetzt nur noch Linolschnitte, meistens nach Motiven aus der Stadt Neisse. Der Linolschnitt reizte mich, weil in den Drucken der Arbeitsvorgang, die Werkzeugspur, klar sicht­bar war.

Seit meinem achten Lebensjahr bekam ich Violin- und seit dem zehnten Klavierunterricht. Ich habe viel Zeit in das Erlernen dieser Instrumente investiert und war gegen Ende meiner Gymnasialzeit sehr schockiert, als ich merkte, daß ich trotz großer Bemühungen nicht mehr weiterkam. Ich wollte aber nicht aufgeben, obwohl ich merkte, daß meine Fingerfertigkeit, meine artistischen Fähigkeiten, meine bescheidene Virtuosität, die ich durch fleißiges Üben erreicht hatte, sich nicht mehr steigern ließen. Ich ahnte zum ersten Mal, daß jedem Menschen Grenzen gesetzt sind, nicht nur geistige, sondern auch physische Grenzen. Allerlei Fragen tauch­ten auf. Ist die Fingerfertigkeit eine unverzichtbare Fähigkeit für einen schöpferischen Musiker? Braucht sie der Komponist oder der Dirigent? Hätte Chopin seine Kompositionen fertiggebracht, wenn er sich nicht die Virtuosität seiner Finger erarbeitet hätte? Kann ein Musiker schöpferisch sein, wenn er nicht ein Instrument oder mehrere virtuos beherrscht? Und wie steht es andererseits mit der Malerei? Muß ein schöpferischer Maler virtuos mit dem Pinsel umgehen können? Ich ahnte nicht im geringsten, daß diese Frage längst durch die Entwicklung der Kunst in den Zwanziger Jahren beantwortet worden war. Aber in Neisse wußte man nichts davon.

Der wichtigste Träger öffentlicher Kulturveranstaltun­gen war in Neisse das Stadttheater. Alfred und ich besuchten fast alle Sprechtheateraufführungen. Schulaufführungen liebten wir nicht, sie waren für uns nur ärgerlich. Die Unruhe einer theaterfüllenden Schar Jugendlicher verhinderte jede Konzentration. Wir gin­gen lieber in die Abendvorstellungen, die wir aus unse­rer eigenen Tasche bezahlten. Wir haben auf diese Weise neben den Klassikern auch viele, damals in Neisse noch mit Argwohn aufgenommene Stücke von Hauptmann, Sudermann, Ibsen und Strindberg kennen­gelernt.

Das Niveau dieses kleinen Provinztheaters muß beacht­lich gewesen sein. Denn meine Theatererlebnisse wäh­rend meiner Studienzeit in Berlin haben keineswegs meine Eindrücke im Neisser Stadttheater verblassen lassen.

Ich stand ein halbes Jahr vor dem Abitur, als ein junger Kunsterzieher (sein Name ist Werner Grundmann) als Referendar an unser Realgymnasium kam. Ich hatte keinen Unterricht bei ihm. Er stand eines Tages hinter mir, als ich in eine Zeichnung vertieft war, und sprach mich an, fragte allerlei und merkte bald meine Ahnungslosigkeit. Er lud mich zu sich ein. Er zeigte mir Bücher, die er aus Breslau mitgebracht hatte. Die Maler der Brücke und des Blauen Reiters, die Expressionisten, die Kubisten. Alles, was sich - von Neisse anscheinend unbemerkt - im 20. Jahrhundert in der Kunst getan hatte, lag vor mir. Ich war betroffen, erschüttert, begeistert. Erschüttert, weil ich nicht begreifen konnte, daß mir das alles unbekannt war. Begeistert, weil ich instinktiv spürte, daß hier die Lösung aller Fragen, die sich mir in dumpfer Unbestimmtheit gestellt hatten, zu finden war. Sah nicht alles in dieser modernen Kunst ziemlich unartifiziell aus? Aber die Bilder strahlten wie exoti­sche Sonnen. Und welche Vielfalt, welche verschie­denartigen persönlichen Leistungen und Erfindungen! Ich war geblendet von den vielen Möglichkeiten. Was für eine neue Welt hatte sich vor mir aufgetan! Ich war überzeugt, daß ich meinen Beruf gefunden hatte, zu­mindest ihn aber nun finden würde. Ich nahm mir viele der Bücher mit nach Hause, soviel mein Fahrrad tragen konnte. Ich durchstöberte die Buchhandlungen. Ich glaubte, ich hätte versagt, wäre bisher mit geschlosse­nen Augen durch die Bücherläden gegangen. Nein, ich fand nichts. Das war im Jahre 1929.

Und doch erinnere ich mich dumpf und undeutlich an eine Ausstellung in der alten Neisser Stadthalle unter dem Rathausturm, in der moderne Kunst gezeigt wurde. Das muß in der ersten Hälfte der Zwanziger Jahre gewesen sein. Ich war damals sicher noch viel zu unentwickelt, um die Fremdartigkeit dieser Bilder zu verdauen und das Neue, das sie verkündeten, zu begrei­fen. Ich sah dort ein Bild, dessen Rahmen bemalt war, so als ob sich das Bild auf dem Rahmen fortsetzte. Viel Weiß und Blau wies es auf. Ich erinnere mich daran sicher nur deswegen, weil, als ich dieses Bild betrachte­te, jemand neben mir sehr belustigt war und das Bild für einen Witz hielt. Wenn mich meine an dieser Stelle wirklich sehr unklare visuelle Erinnerung nicht trügt, könnte dieses Bild von Segal gewesen sein.

Einmal hat lange Zeit eine farbige Lithographie von Feininger im Schaufenster des Buchantiquariats der Berliner Straße gestanden. Dieses Blatt aus der Zeit der prismatischen Städtebilder Feiningers habe ich genau im Gedächtnis behalten, weil ich seinetwegen oft vor diesem Fenster stehen geblieben bin. Es muß eine mir nicht bewußt gewordene Anziehungskraft auf mich ausgeübt haben.

Zu meinen Mitschülern während der Gymnasialzeit hatte ich ein sehr normales Verhältnis, zu einigen, mit denen ich musizierte, Schach spielte, Radio bastelte, Fahrradtouren durch Deutschland machte oder durch andere Interessen verbunden war, entwickelten sich auch lose Freundschaften. Zu fünf Mitschülern ergaben sich zwei Jahre vor dem Abitur engere Bindungen. Sie zogen mich eines Tages ins Vertrauen und erzählten mir, sie hätten schon längere Zeit wöchentlich abendli­che Zusammenkünfte, die jeweils im Zeichen eines vorgegebenen Themas stünden, über das einer der Teil­nehmer nach mehrwöchiger Vorbereitung zu berichten habe, woran sich dann eine Diskussion bis in die späte Nacht anschlösse. Sie fragten mich, ob ich da mitma­chen wolle. Ihnen fehle jemand, der Referate über bildende Kunst halten könne.

Da ich zu allen fünf ein gutes kameradschaftliches Verhältnis hatte, stimmte ich zu. Zudem verbanden mich mit einigen von ihnen schon gemeinschaftliche Erlebnisse. Konrad Bloch hatte mich schon in den ersten Gymnasialjahren zu seinen Geburtstagen einge­laden. Auch hatten wir oft mit seinen herrlichen Stabil­baukästen Maschinen und Apparate gebaut und mit Hilfe eines kleinen Elektromotors in Bewegung gesetzt. Sein Vater war Rechtsanwalt und Besitzer einer Gardi­nenfabrik. Im Eßzimmer der Blochschen Wohnung sah ich 1929 drei Bilder des Malers Martin Bloch, der Konrads Onkel war. Diese drei Querformate, etwa 70 x 120 cm groß, waren für mich von einer bisher nie gesehenen, fast erschreckenden Klarfarbigkeit, Stilleben von großer Einfachheit, die lediglich drei oder vier stehende Krüge oder Vasen zeigten, die von der hinte­ren Kante einer Tischplatte hinterschnitten wurden. Diese Bilder erregten mich, waren mir fremd und gleich­zeitig auf eine unerklärliche Weise bekannt. Sie prägten sich mir so ein, daß ich sie noch heute vor mir zu sehen glaube.

Mit Carl Kunisch, dessen Vater Pfefferküchler und Hersteller des "Echt Neisser Konfekts" war, hatte ich schon Jahre vorher im Hof seines elterlichen Wohnhau­ses ein Faltboot gebaut - wir haben fast ein Jahr lang unsere Freizeit dafür geopfert -, mit dem wir dann erlebnisreiche Wanderfahrten stromabwärts auf der Glatzer Neisse unternahmen. Carls Mutter erzählte mir des öfteren, daß sie als Mädchen mit dem späteren Schriftsteller Max Hermann-Neisse in dessen elterli­cher Wohnung und unter seiner Regie Theater gespielt habe.

Rudolf Linich, dessen Eltern die größte Fleischerei unserer Heimatstadt besaßen und nach ihrem frühen Tod viel Geld hinterließen, konnte sorglos Philosophie studieren. Ich hatte mit ihm noch bis zum Zweiten Weltkrieg enge Verbindung, weil wir beide in Breslau und Berlin studierten und nach dem Studium in Berlin wohnten. Er ist nach Kriegsende an der Ruhr gestorben.

Georg Pietsch, der Sohn eines Lehrers, war unser Adonis, war sehr begabt und sehr sportlich, war der Schwarm aller Neisser Mädchen, ging nach dem Abitur zur Kriegs­marine und ist bald danach mit dem Segelschulschiff Niobe untergegangen. Auch Georg Schmidt, Sohn eines Buchhändlers, soll nicht mehr am Leben sein. Ich habe ihn nur noch einige Male während meiner Breslauer Studienzeit wiedergesehen.

Carl Kunisch wurde Jurist und hoher Regierungsbeam­ter und lebt seit Kriegsende in München. Wir stehen heute noch in Verbindung, aber besuchen uns nur selten. Konrad Bloch ist Jude; seine Familie konnte im Anfang der Nazizeit rechtzeitig in die USA flüchten. Nach ersten schlechten Jahren konnte er sein Chemiestudium beenden, wurde Universitätsprofessor und bekam den Nobelpreis für Biochemie. Er war in unserer Klasse durchgehend Primus. Nach dem Kriege erfuhr ich aus dem 'Who is who?' seine Anschrift. Er kommt alljähr­lich im Sommer für einige Monate in sein Haus in Oberitalien. Dort habe ich ihn vor einigen Jahren von Jugoslawien aus besucht.

Die Kontakte mit Konrad und Carl sind zwar immer noch erfreulich für mich, aber ich muß auch ehrlich zugeben, daß unsere Berufe weit auseinanderliegen und wir uns natürlich weit auseinandergelebt haben. Und durch sporadische Briefwechsel und Besuche kommt ein geistiger Austausch nicht mehr zustande. Man denkt dann nur wehmütig an die damaligen lebendigen und diskussionsfreudigen Zusammenkünfte, die abwech­selnd in den Wohnungen der Familien Bloch, Linich und Kunisch mit einem üppigen Essen begannen und nach eifrigen Debatten über Philosophie, Kunst, Ge­schichte, Politik und Weltanschauung bei Alkohol und blauem Dunst schließlich in Übermut und Fröhlichkeit übergingen, die manchmal auch in einem jugendlichen Schabernack in der nächtlichen Stadt gipfelten.

Nach dem Zusammentreffen mit Werner Grundmann änderte sich mein Leben. Ich glaubte zu wissen, was ich zu tun hatte, zum ersten Mal in meinem Leben besaß ich diese Gewißheit. Ich hatte keinen Berufswunsch mehr gehabt, nachdem man mir den Tischlerberuf ausgeredet hatte. Um überhaupt etwas nach dem Abitur anzufan­gen, wollte ich zur Handelsmarine gehen. Ich wollte viel sehen und erleben. Heute würde man sagen, mich dürstete nach visuellen Erlebnissen. Geige und Klavier rührte ich kaum noch an. Die Schule interessierte mich nicht mehr. Nach dem Unterricht gab ich zwar noch die verabredeten Nachhilfestunden, alle Freizeit gehörte aber dem Malen und Zeichnen. Abends erst versuchte ich die Schularbeiten zu erledigen. Ich schlief oft dabei ein. Ich ließ in meinen Leistungen nach. Das Abitur schaffte ich aber mit Leichtigkeit

Meine Mutter machte sich seit dieser Zeit Sorgen um mich, ein Zeichen dafür, wie ich mich verändert hatte. Als ich einmal aus irgendeinem Grunde allein das Mittagbrot aß, vergaß ich über dem Anstarren des neuesten Bildes, das ich vor mir aufgestellt hatte, das Essen. Meine Mutter, die das bemerkte, kam zu mir und sagte: "Junge, du wirst mir doch wohl nicht verrückt werden?!" Sie hatte recht: Ich befand mich in einem Rausch. Mein Leben hatte einen neuen Sinn bekom­men. Ich sah einen verlockenden Beruf vor mir.

Zwei Monate vor dem Abitur bewarb ich mich an der Breslauer Akademie für Kunst und Kunstgewerbe um Aufnahme für das Sommersemester 1930. Unser junger Kunsterzieher Werner Grundmann, zu dem ich inzwi­schen starke Bindungen empfand, die bis heute gehalten haben, half mir beim Aussuchen der Bewerbungsarbeiten. Ich wurde aufgenommen. Die Aufnahme erfolgte für jeden Bewerber grundsätzlich probeweise. Die endgültige Entscheidung fiel erst nach dem Probeseme­ster.

Ein langer Abschnitt meines Lebens lag hinter mir: die Kindheit, die noch heute in ihrem Reichtum an Erleb­nissen und in ihrer Vielfalt strahlend in meiner Erinne­rung lebendig geblieben ist, und die 14 Jahre Schulzeit, die ich in keiner Phase geliebt habe. Das bestandene Abitur war nur deswegen eine Freude für mich, weil ich die ungeliebte Schule hinter mir hatte. Die Freude wurde vergrößert, weil mir etwa gleichzeitig die Auf­nahme in die Breslauer Akademie geglückt war. Wozu ich das Abitur benutzen oder gebrauchen würde, wußte ich allerdings nicht.


Im ganzen habe ich trotzdem die 18 Jahre, die ich in Neisse lebte, als eine intakte, ruhige, problemlose und geordnete, aber auch ziellose, fast unbewußt verbrach­te, leidenschaftslose Phase meines Lebens in Erinne­rung. Ich fühlte mich geborgen und war zufrieden in der kleinbürgerlichen, spießigen und frommen Welt dieser Kleinstadt. Aber im letzten halben Jahre vor dem Abitur staunte ich selbst über meine Veränderung, die mich bereit machte, einiges über Bord zu werfen. Der feste Halt, den mir die Stadt Neisse so lange Zeit gegeben hatte, war plötzlich weg.

Heute ist von dieser langen Zeit kaum etwas übrigge­blieben. Ich habe mich auch nicht bemüht, mit meinen Schulkameraden oder meinen Lehrern Verbindung aufrecht zu erhalten. Mit Werner Grundmann, der jetzt in Oberstdorf im Allgäu lebt, habe ich noch immer Verbindung. Das ist nicht verwunderlich. Denn er war ja ein wichtiger Weichensteller in meinem Leben.

Meine katholische Erziehung wirkt noch bis heute nach. Vor allem das Erlebnis des Eingebettetseins in eine große Gemeinschaft, den Gleichklang Hunderter von Mitmenschen beim Gottesdienst, vor allem bei den Kirchenfesttagen, werde ich nie vergessen. Ein gleich tief greifendes Gemeinschaftserlebnis ist mir in mei­nem langen Leben anderswo nicht mehr beschert wor­den. Meine damalige feste Verankerung im katholi­schen Glauben löste sich schon während der ersten Studiensemester. Wie stark mich die katholische Erzie­hung aber in meiner Haltung zum Leben und zu meinen Mitmenschen geprägt hat, spüre ich bis heute deutlich und immer wieder.

Meine Heimatstadt Neisse möchte ich nicht mehr wie­dersehen. Ich habe das Stadtbild von Neisse noch in lebendiger Erinnerung. Die gotische Pfarrkirche Sankt Jakobus mit ihrem hohen Dach und dem zierlichen, nadelspitzen Dachreiter und dem wuchtigen, unvollen­deten Glockenturm, der gotische, fast hundert Meter hohe Rathausturm, das bemalte Kämmereigebäude mit dem herrlichen Renaissancegiebel, die strahlende Kreuz­kirche aus dem Hochbarock, der Schöne Brunnen mit seinem kunstvollen schmiedeeisernen Käfig, die ehr­würdigen Tortürme der mittelalterlichen Festung, die oft sehr schmalen Bürgerhäuser am Ring mit ihren schönen, phantasievollen Renaissance- und Barockgie­beln stehen mir noch deutlich und lebendig vor Augen, obgleich ich sie zuletzt vor über 40 Jahren gesehen habe. Das Wiedersehen mit Neisse fürchte ich, nach­dem ich einige Abbildungen in Büchern und Postkarten vom heutigen Zustand dieser Stadt gesehen habe. Trotz Wiederaufbaus einiger wichtiger Bauten stehen diese in einer neuen, mir unbekannten Stadt. Alles sieht auf den Fotos verstümmelt, amputiert und prothesenhaft aus. Neisse ist für mich verschwunden.

 


Studium

Ich siedelte nach Breslau über. Was würde mich dort erwarten?! Schon das Alleinsein im Zuge war ein Ge­nuß. Ich fühlte mich so frei wie nie zuvor. Keine Schule mehr, keine Schularbeiten, kein Stundengeben. Nur noch malen! Und zeichnen! Nur noch an meine ureigen­ste Arbeit denken, beim Schlafengehen, beim Aufste­hen! Ich fühlte mich prall und angefüllt mit Ideen und Einfällen. Was würde sich davon verwirklichen lassen? Und ich würde Lehrer haben, die mich anleiten, die gleiches oder ähnliches denken wie ich. Werner Grund­mann hatte mir gezeigt und entsprechende Bücher ge­liehen, was für Lehrer ich in Breslau haben würde. So voller freudiger und hoffnungsvoller Erwartung war ich bisher nie in meinem Leben gewesen.

Breslau war eine Großstadt, aber ein junger Mensch konnte fast alles zu Fuß erreichen. Mein erster Weg führte mich natürlich zur Staatlichen Akademie für Kunst und Kunstgewerbe. Sie sah vielversprechend aus. Die großen Atelierfenster! Sie blickten alle zur Oder und über die Oder zur Dominsel. Ich suchte in der Nähe der Akademie ein Zimmer, lief noch ein paar Stunden in der nächsten Umgebung herum, kaufte zum Essen ein und holte meine Koffer vom Bahnhof.

Breslau war eine schöne und übersichtliche Stadt, hatte damals über eine halbe Million Einwohner und war die drittgrößte Stadt Preußens. Es besaß mehrere Theater, ein besonderes Opernhaus und ein beachtliches Mu­seum. Nach kurzer Zeit hatte ich mich eingelebt und schwelgte im Breslauer Kulturleben, das mir eine Fülle von Erlebnissen und Bereicherungen vieler Art brachte. Ich konnte jede Woche, wenn ich wollte, ein- bis dreimal ein Theater, die Oper oder ein Konzert besu­chen. Das war alles damals billig und kurzfristig zu haben, weil es überall noch Stehplätze gab. Ich konnte mich immer noch gegen Abend für irgendetwas ent­scheiden. In den vielen schönen gotischen Kirchen mit ihrer reichen Barockausstattung habe ich viel geistliche Musik gehört, die in der kirchlichen Umgebung sehr eindringlich und nachhaltig auf mich wirkte. Ich habe mich später in Berlin, wo alles weitläufiger und schwie­riger zu erreichen war und Eintrittskarten hart ergattert werden mußten, manchmal nach Breslau zurückge­sehnt. Das Museum, in dem ich endlich die ersten Originale der modernen Kunst zu Gesicht bekam, bot jede Woche einen Lichtbildervortrag über einen moder­nen Künstler an, der immer durch eine kleine Ausstel­lung von graphischen Arbeiten, Handzeichnungen oder Aquarellen bereichert wurde.

Bei meinem ersten Besuch der Akademie ging ich zufällig zur gleichen Sekunde wie ein anderer junger Mann durch das Eingangsportal. Wir ahnten beide nicht, daß dies Symbolkraft für unser ganzes Studium haben sollte. Wir stellten fest, daß wir beide Neulinge waren, und machten uns miteinander bekannt. Er hieß Hans Berntsch und stammte aus Oberlangenbielau. Schon nach einigen Tagen war zu merken, daß sich eine Freundschaft anbahnte. Berntsch war ein sehr konzi­lianter, arbeitsamer, zielstrebiger und begabter Mensch. Unsere Freundschaft hielt durch das ganze Studium. Sie war für beide ein großer Gewinn. Wir haben sehr viel zusammen gearbeitet. Wir konnten uns unsere schlech­ten Arbeiten in Grund und Boden kritisieren und in Begeisterung geraten, wenn einer etwas Gutes zustande brachte, wir wetteiferten, einander in der Leistung zu übertreffen, um dann den Unterlegenen durch drasti­sche Selbstkritik wieder aufzurichten. Wir saßen oder standen in Italien in der größten Mittagshitze vor dem gleichen Motiv, schleppten uns halb tot an unserem Malkram, um ja immer mit dem richtigen Material an jedes Motiv heranzukommen. Reisen nach Italien und Jugoslawien machten wir gemeinsam.

Nach dem Examen ging er in seinen Heimatort zurück, ich blieb in Berlin. Während der folgenden Jahre haben wir uns viel geschrieben, bis wir im Krieg die Verbin­dung verloren. Das Wiedersehen nach dem Krieg war für mich erschütternd. Als Kind hatte er eine Mittelohr­vereiterung gehabt, der zufolge er schon während des Studiums Hörbeschwerden hatte. Jetzt war er fast taub. Ich merkte ihm an, daß er an seinem Leiden schwer trug. Aus dem früher so lebendigen, allseits interessierten und offenen Menschen war ein Isolierter geworden, der, wie er selbst sagte, seit Jahren unter einer Glocke lebte. Wir trafen uns noch einmal, dann erreichte mich bald die Nachricht von seinem Freitod.

Angesichts meiner hochgeschraubten Erwartungen lie­ßen die Enttäuschungen in Breslau nicht lange auf sich warten. Mein erstes Semester mußte ich in der Vorklas­se bei Paul Dobers absolvieren. Ich habe sehr viel von Dobers gelernt. Er war der einzige Lehrer meiner Stu­dienzeit, der sich viel Zeit für jeden seiner Schüler nahm. Er hatte eine großartige Fähigkeit, sich in jede Schülerarbeit zu vertiefen. Ich hatte das Gefühl, daß er fast jeden Strich beim Betrachten nachvollzog. Uns schien, daß er sich auf eine naive, unvoreingenommene Art in jedes Gegenüber versenken konnte. Er hielt dies auch für eine unverzichtbare Voraussetzung künstleri­scher Lehstätigkeit. "Wenn man ein Kamel zeichnen will, muß man eigentlich selbst ein Kamel werden." Solche und ähnliche Aussprüche, die sehr naiv waren und sich sehr komisch anhörten, konnte Dobers mit tiefem Ernst und großer Überzeugungskraft machen. Sie prägten sich gut ein, gerade weil darüber gewitzelt wurde. Wir spürten den Ernst dahinter. Wir zeichneten in dieser Vorklasse mit Bleistiften aller Härtegrade Materialstilleben, die wir vor uns stehen hatten: ein Brettchen, auf das verschiedene Materialstückchen montiert waren, die wir in zwei großen Kisten im Atelier vorfanden, als da sind: Blech, Draht, Wolle, Wollstoff, Leinen, Samt, Holz, Papier, Watte, Kunst­stoff, Steine, Blätter, Glas, Federn, Horn, Nägel, Me­tallspäne usw. Wir lernten die Ausdrucksmöglichkeiten der Härtegrade des Graphits zu erforschen und anzu­wenden. Neigungsmäßig fühlte ich mich allmählich kaum noch zu diesen Studien hingezogen. Viel lieber fuhr ich in die Umgebung Breslaus mit dem Fahrrad, um in den Dörfern und in der Landschaft zu malen und zu zeichnen. Auch diese freien Arbeiten wurden von Dobers bereitwillig und intensiv besprochen. Das war für mich sehr anregend. Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt keinen Mentor gehabt.

Ich fand die Arbeit an den Materialstilleben nicht unin­teressant. Vor allem merkte ich bald, daß jedes Werk­zeug eigene, aber auch beschränkte Ausdrucksmöglich­keiten besitzt, auch daß durch diese obligatorische Arbeit Hand und Auge sensibilisiert wurden. Daß man durch solche Arbeiten aber auch von dem hohen Roß, auf dem man als junger Mensch naturgemäß sitzt, heruntergeholt wurde, habe ich erst später gemerkt. Allerdings zweifle ich noch heute daran, ob das für jeden Studenten gut und richtig war. Manchmal fragten wir uns, ob unsere Arbeit noch etwas mit Kunst zu tun habe oder ob wir in irgendeiner abgelegenen Ecke des Kunstbetriebes nach Kniffen suchten, um unseren Blei­stiften eine möglichst zeit- und mühesparende Methode abzuluchsen für eine noch nicht gefundene Materialdar­stellung.

Sehr viel trockener ging es in der anderen Vorklasse zu, in der man das zweite Probesemester zu absolvieren hatte, in der Vorklasse von Professor Scheinen. Dort wurden Stilleben aus kleinen Gegenständen, z.B. Streich­holzschachteln, Mokkatäßchen, kleinen Kakteen usw., unter peinlicher Beibehaltung des Augenpunktes mit ab- bzw. anschwellender Linie genau, auf den halben Millimeter genau, gezeichnet. Der vorderste Gegen­stand mußte natürliche Größe haben. Die Korrektur wurde etwa so vorgenommen: Wenn die obere Ellipse des vorderen Kakteentöpfchens richtig ist, muß die untere noch um einen Millimeter in der senkrechten Achse zusammengedrückt werden. Die vordere Kante der Streichholzschachtel muß noch einen halben Milli­meter höher sein usw. Lediglich die optische Genauig­keit war dort oberstes Gesetz, das Endprodukt mußte peinlich sauber aussehen. Viel Radiergummi und sehr gutes Zeichenpapier wurden verbraucht. Ich gebe zu, daß ich mit Grausen daran dachte, daß ich das im zweiten Semester über mich ergehen lassen mußte.

An der Breslauer Akademie war es üblich, daß bei Semesterschluß jeder Student, gleichgültig welchen Alters, seine Arbeiten des verflossenen Semesters dem Professorenkollegium vorlegen mußte. Der Pedell gab Tag und Stunde bekannt, zu denen die einzelnen Klassen vor dem Schriftraum aufmarschieren mußten. Im Schriftraum saßen die Professoren unter Vorsitz von Oskar Moll auf Tischen und Stühlen. Jeweils ein Stu­dent (alphabetische Reihenfolge) ging mit seiner Map­pe nach Aufruf durch den Pedell hinein, legte die Mappe auf den Tisch vor den Direktor, öffnete sie und verließ den Raum. Nach einiger Zeit wurde er wieder hineinge­rufen. Moll gab dann eine kurze Zusammenfassung der Beurteilung, die darin gipfelte, daß der Student entwe­der weiterstudieren konnte oder daß ihm ein weiteres Probesemester gestattet wurde oder daß er aufgefordert wurde, die Akademie wieder zu verlassen. Im ersten Fall konnte der Student sich entscheiden, bei welchem Lehrer er im kommenden Semester studieren wollte. Zuletzt konnte der Student die über die Tische verstreu­ten Arbeiten in die Mappe zurückklauben und hinausge­hen. Die Prozedur verlief durchaus nicht zimperlich. Besonders die Mädchen litten darunter und kamen manchmal weinend mit ihrer Mappe heraus.

Bei diesem Vorgang bekam ich zum ersten Mal alle damals schon sehr bekannten Maler der Akademie zu Gesicht: Oskar Moll, Otto Müller, Johannes Molzahn, Alexander Kanoldt, Carlo Mense, Paul Holz, Oskar Schlemmer und die Bildhauer Bednorz und van Gosen. Als ich nach Durchsicht der Mappe wieder hineingeru­fen wurde, hörte ich gespannt das Urteil: Man sei zufrieden mit mir, ich hätte viel gearbeitet, man wolle mir das zweite Probesemester in der Klasse Scheinert erlassen, wenn ich die dort geforderten Arbeiten in den Semesterferien anfertigte, und im kommenden Seme­ster möchte er, Oskar Moll, mich in seiner Klasse haben.

Ich war sehr zufrieden, hatte mir eigentlich gewünscht, zu Moll zu kommen, weil ich gehört hatte, daß bei ihm der Student große Freiheit hatte bezüglich seiner Arbeit. Ich ahnte damals noch nicht, daß diese Freiheit im Grunde genommen und in meinem Falle ein Alleinge­lassensein werden sollte. Ich hatte mich schon während des ersten Semesters in allen Klassen ausreichend umgesehen. Die Vielfalt und Verschiedenartigkeit der Schülerarbeiten in der Klasse Moll hatten mir sehr zugesagt. In anderen Klassen schien mir ein zu straffes und eingeengtes Arbeitssystem zu walten. Bei Otto Müller wurde nur Kopf gezeichnet, und zwar mit dicker Kohle, mit Temperament, Ton in Ton gewischt und überlebensgroß. Wir nannten das "Müllern". Die Resul­tate sahen zwar sehr lebendig aus, aber wie von einer Hand, nur wenige individuelle Unterschiede waren zu bemerken. Bei Kanoldt zeichnete man ebenfalls Kopf, aber mit spitzem Bleistift. Hier waren Lebensgröße, optische Genauigkeit, Ähnlichkeit und Sauberkeit obli­gatorisch. Diese Köpfe wirkten steinern. Jede Emotion war ausgeschaltet. Zu Mense, Molzahn und Schlemmer hatte ich damals keine innere Beziehung. Zu Paul Holz schon, aber es gab bei ihm nur in den Abendstunden einmal wöchentlich Tafelzeichnen für die letzten Se­mester.


 


Als ich das zweite Semester begann, war Otto Müller bereits tot. Ich hatte mir vorgenommen, im dritten Semester bei ihm zu studieren trotz der Aussicht, mona­telang Köpfe mit dicker Kohle zeichnen zu müssen. Von meinem Lehrer Moll, bei dem ich zwei Semester blieb, war ich bald enttäuscht. Ich fühlte mich verschau­kelt. Ich hatte den Lehrer, den ich mir wünschte, aber er lehrte nicht oder nicht mehr. In zwei Semestern habe ich ihn fünf- oder sechsmal im Atelier gesehen. Er sagte nichts zu meinen Arbeiten außer: "Sehr schön, machen Sie so weiter." Kein Gespräch, kein praktischer Rat. Ich war wieder allein. Immerhin hatte ich meine Kommili­tonen. Später verstand ich die Schweigsamkeit Molls. Die ersten nationalsozialistischen Studenten waren aufgetaucht, bildeten eine Aktionsgruppe und versuch­ten, überall Stunk zu machen. Moll hatte als Direktor und Jude wohl am meisten darunter zu leiden und war vorsichtig geworden.

Moll hatte zwei Schülerateliers. In dem einen waren Studenten, die sehr geschmackvoll, anscheinend in der Gefolgschaft des Meisters, malten, aber auch einige, die, viel bewundert, modernistisch arbeiteten, mir aber wenig imponierten. Moll hatte wohl sofort aus meinen Arbeiten gespürt, wohin ich gehörte, und mich in sein zweites Schüleratelier eingewiesen. Dort war ich in der richtigen Gesellschaft. Alle arbeiteten mit starker Emotion vor der Natur. Von meinen Arbeiten aus dieser Zeit existieren noch drei: Eine Kohlezeichnung und ein Aquarell auf grundierter Pappe nach einem Lumpen­sammler und ein gespachteltes Ölbild nach einer Markt­frau (drei Portraits). Wir waren sieben Studenten. Vier davon befanden sich im siebenten und achten Semester, zwei von ihnen schienen mir in ihren Arbeiten schon stark individuell ausgeprägt.

In einer Ecke dieses Ateliers stand eine große, auf einen Keilrahmen aufgenagelte Pappe, daneben viele große Packpapierrollen, die mit Kohle bezeichnet waren. Ich war immer schon um sieben Uhr morgens in diesem Atelier. Ich empfand es als wohltuend, daß ich bis zehn Uhr allein arbeiten konnte, weil meine Mitstudenten immer sehr spät kamen. Aber schon nach wenigen Tagen erschien ein etwas älterer Mann, der aussah, als sei er einem Bild Otto Müllers entsprungen: Hager, scharfe Gesichtszüge, schwarze Haare. Ich hielt ihn sofort für einen Zigeuner. Er war aber keiner. Er hatte vor Jahren bei Otto Müller und Oskar Moll studiert, hatte Hausverbot, weil er nach zehn Semestern sich nicht mehr von der Akademie trennen wollte. Er befe­stigte jeden Morgen eine von den zusammengerollten Zeichnungen oder ein neues Packpapier auf der Pappe und arbeitete bis zehn Uhr. Dann verschwand er, nach­dem er die Spuren seiner Anwesenheit wieder verwischt hatte. Moll dürfe ihn nicht sehen, sagte er. Sein Name war John. Er war schwer magenkrank und nährte sich nur von Obst, Zwiebeln und Nüssen, wie er mir mitteil­te. Bei unserer ersten Begegnung guckte er mir nach der Begrüßung tief in die Augen und sagte: "Sie sind krank." Ich fragte: "Wieso?" "Ich sehe das in Ihren Augen. Der Feind sitzt im Dickdarm. Sie müssen sich anders ernähren", war seine lapidare Antwort. Im Laufe der zwei Semester bei Oskar Moll versuchte er wieder­holt, mich zu seinem Ernährungsglauben zu bekehren. Die großen Zeichnungen, die er mir liebevoll vorführte, interessierten mich gar nicht. Es handelte sich um Figurenkompositionen, die sich an Otto Müller anlehn­ten. Mir erschienen sie fad und kraftlos. Für mich war die Begegnung mit John deprimierend. So hatte ich mir einen Absolventen der Breslauer Akademie und einen Schüler Müllers und Molls allerdings bisher nicht vor­stellen können.

Unter dem Dach der Akademie hatten etwa acht Mei­sterschüler ihre kleinen Ateliers. Unter diesen entdeck­te ich keinen, der mich interessierte. Um einige von ihnen wurde viel Wind gemacht. Sie setzten mich aber nur in Erstaunen wegen ihres unproportionierten Selbst­bewußtseins.

Die meisten Studenten in Breslau strebten den Kunster­zieherberuf an. Allerdings schienen in diesem Beruf die Aussichten schlecht zu sein. Jeder Student, der sich in der Breslauer Akademie einschreiben ließ, mußte einen Revers unterschreiben, daß er davon Kenntnis genom­men habe, daß keine Aussicht bestehe, nach der Ersten Prüfung für das Künstlerische Lehramt an höheren Schulen in den Staatsdienst eingestellt zu werden. Diese Frage interessierte mich nicht sonderlich. Ihre Lösung kam später von selbst. Nach 1933 wurde in allen höhe­ren Schulen fakultativer Unterricht in Flugzeug- und Schiffsmodellbau eingeführt (zwei bis vier Stunden in der Woche), wodurch die Kunst- und Werkerzieher plötzlich Mangelware wurden.

Das, was in Breslau als Kunsterzieher-Studium neben den künstlerischen Disziplinen angeboten wurde, schien mir sehr geringfügig und leicht zu absolvieren: Schrift, Tafelzeichnen, Gestaltungslehre und die Werkstätten für Holz, Metall, Papier und Weberei. Diese Gebiete interessierten mich ohnehin. Mir schien unter diesen Umständen das Kunsterzieherexamen leicht erreichbar. Außerdem wußte ich, daß ich damit meinen Eltern eine große Freude machen konnte. Noch etwas halbherzig entschied ich mich im zweiten Semester, das Kunster­zieherexamen anzustreben, und weil dazu auch ein wissenschaftliches Zusatzfach gehörte, schrieb ich mich sofort in der Universität als Nebenhörer für Mathematik ein und wanderte jeden Tag für ein oder zwei Vorlesungs- oder Übungsstunden an dem Oderufer entlang zu den Wissenschaftlern, bei denen ich mich allerdings nie ganz heimisch fühlte. Der schöne, prächtige und riesige Barockbau der Universität bildete einen recht drasti­schen Gegensatz zu dem unpersönlichen Studienbetrieb im Innern, in dem ich mir wie der kleinste Teil eines aufgeregten Ameisenhaufens vorkam. Es kostete mich nach der Anfangsbegeisterung über meinen Entschluß doch einige Überwindung dabeizubleiben. Später in Berlin wurde es noch schwieriger, weil dort die Entfer­nung zur Universität größer war. Ich habe schließlich nur noch An- und Abtestate geholt.

Die Werkstätten der Akademie übten eine starke Faszi­nation auf mich aus. Am Ende des dritten Semesters entschloß ich mich, in den Werkstätten für Holz, Metall, Papier und in der Weberei zu arbeiten. Mein alter Basteltrieb war wieder erwacht. Zu den Werkstattlei­tern hatte ich sofort ein gutes Verhältnis. Ich habe in diesem einen Semester durch Selbsttun und Zusehen viele handwerkliche Fähigkeiten erworben, die mir im Leben sehr geholfen haben. Holz-, Papier- und Pappar­beiten waren mir schon aus der Pennälerzeit sehr ver­traut. Die Metallarbeit und die Weberei waren neue Gebiete für mich. Jo Vinecky, ein Tscheche, war den Werkstattleitern als Formmeister übergeordnet und war für die Formgebung der in den Werkstätten entstehen­den Gegenstände verantwortlich bzw. zuständig. Zu ihm und seiner Frau Li Vinecky, die die Weberei leitete, ließ sich ein freundschaftliches Verhältnis an. Ich habe von diesen beiden vieles über das Bauhaus und dessen Ideen erfahren. Sie waren mit Oskar Moll und Otto Müller befreundet und kannten auch einige Bauhausmeister persönlich. Auch später in Berlin hatte ich noch Kontakt mit diesen beiden interessanten Menschen. 1935 fand ich ihre Wohnung eines Tages leer vor. Ich habe nie erfahren, was mit ihnen geschehen ist.

Durch meinen Schulfreund Rudolf Linich lernte ich in Breslau Hede Symanczik kennen. Sie war seine Tante, die Schwester seiner Mutter, war auf einem Dorf in der Nähe von Neisse aufgewachsen und hatte sich, obgleich sie nur über eine Dorfschulbildung verfügte, zu einer hochintelligenten und gebildeten, hauptsächlich litera­risch gebildeten Frau entwickelt. Sie war mit einem Doktor der Volkswirtschaft verheiratet, der aber, da sein Studium kurz vor der Inflation in den Zwanziger Jahren endete, in seinem Fach keine Arbeit fand, deswe­gen ohne weiteres Studium allmählich in den höheren Schuldienst wechselte und es dort bis zum Oberstudien­rat brachte. Sie hatten einen Sohn im schulpflichtigen Alter. Die Wände der Wohnung dieser Familie waren mit Bücherregalen bepflastert, denn auch der Mann war ein Büchernarr.

Die Seele der Familie war die Frau. Sie besaß eine erstaunliche Weltoffenheit, war diskussionsfreudig, war dabei aber auch eine angenehme und bereitwillige Zuhörerin, liebte es, junge Leute, also auch die Freunde ihres Neffen, einzuladen und zu bewirten, machte über ihren Leibesumfang selbst Witze, fragte schalkhaft, wenn wir mit ihr zusammen ein Konzert oder anderes besuchten, ob wir uns mit so einem dicken Weib über­haupt sehen lassen wollten, qualmte Pfeife und rauchte dicke Zigarren, war in meiner damaligen Umgebung der einzige ältere Mensch, der sich die Mühe machte, mit mir über Kunst zu sprechen und zu streiten, wurde für mich so etwas wie eine Mentorin in allen wichtigen Lebensfragen. Sie war im besten Sinne des Wortes unbürgerlich, hatte keine Komplexe und kannte keine Vorurteile. Sie spielte auch leidenschaftlich Skat. Fast jede Woche verbrachte ich in dieser Familie einen Abend. Ihre Freundschaft war für mich ein großer Gewinn.

Die Symancziks sind bei Kriegsende aus Breslau ge­flüchtet und nach Bockenem im Harz verschlagen worden, wo ich sie nach dem Krieg mit meiner zweiten Frau, Cornelia, noch mehrere Male besuchte. Unser letzter Besuch in Bockenem galt Hedes Grab. Das war vor 25 Jahren.

Am Ende meines vierten Studiensemesters - es war das Wintersemester 1931/32 - wurde durch eine Notverord­nung unter Reichskanzler Brüning die Breslauer Aka­demie geschlossen. Wo sollte ich weiterstudieren? Da ich mich für das Kunsterzieherexamen entschieden hatte, war es das vorteilhafteste, an die Staatliche Kunstschule Berlin-Schöneberg zu gehen, weil diese das Preußische Zentralinstitut für Kunsterziehung und der Sitz des Künstlerischen Prüfungsamtes für ganz Preußen war und auch ein Werklehrerseminar besaß.

Daß ich mich dort in das Atelier von Georg Tappert (Worpswede, Novembergruppe) einschreiben ließ, ist auf meinen Studienfreund Hans Berntsch zurückzufüh­ren. Mia May, Tappertschülerin und Textildesignerin, die mein Freund als die einzige künstlerische Persön­lichkeit seines Heimatortes gut kannte, hatte ihm so viel Interessantes über Tappert erzählt, daß unser Entschluß schnell feststand. Und ich habe dann bei Tappert auch alles gefunden, was ich bei Oskar Moll vermißt hatte.

Mein erster Eindruck von Tappert, den ich damals registrierte, war so: klein, untersetzt, unsportlich, Bauch, weiße Haare, halbe Brille mit goldener Fassung, rosa Hautfarbe, blauer Anzug und das auffallendste: auf­merksame, flinke, bewegliche, funkelnde Augen, de­nen nichts zu entgehen schien.

Da es nichts Besonderes ist, wenn jemand raucht, stellte ich erst einige Tage später ein weiteres Merkmal fest: immer ein Zigarillo im Mund. Dann bemerkte ich auch die Ausbeulung seiner linken Jackentasche: eine Hun­derterkiste Zigarillos. Während der Korrekturen blieb das rauchende Zigarillo im Mund, die Asche fiel auf die blaue Jacke und wurde jedes Mal unter Husten und Prusten mit der Hand abgeklopft. An dem Minimalstummel des zu Ende gehenden Zigarillos wurde sofort ein neues angezündet. Tapperts Raucherhusten war schon zu hören, ehe er zur Tür hereinkam.

Diese Äußerlichkeiten paßten besser zusammen, als man es beschreiben kann. Sie gehörten zu einer hervor­stehenden Eigenschaft Tapperts. Er war im besten Sin­ne des Wortes menschlich. Ein Mensch stand da vor einem, der nicht mehr scheinen wollte, als er wirklich war. Alles Äußere gehörte selbstverständlich zusam­men. Nichts war aufgesetzt, nichts daran war künstlich zusammengebastelt, nichts wurde versteckt

Auch seine cholerischen Zornanfälle gehörten dazu, sie kamen kurz und prägnant, aber wenn herausgesprudelt war, was er sagen wollte, war der Zorn schon verraucht.

Die künstlerische Arbeit der Studenten interessierte ihn lebhaft, aber er tastete die darin enthaltene persönliche Auffassung nicht an, im Gegenteil, er tat alles, um sie zu fördern. Seine Korrekturen konnten meistens nicht als Einzelkorrekturen verstanden werden, sondern als Be­lehrung allgemeiner Natur. Aber auch das ist nicht zutreffend. Eher ist das Wort Lehre richtig. Tappert benutzte die einzelne Schülerarbeit dazu, über ein allge­meines Problem der Kunst oder der Malerei zu sprechen wie Komposition, Verformung, Abstraktion, Einheit­lichkeit des künstlerischen Ausdrucksmittels, über Valeurs, Tonigkeit, Stufung, Modellierung, Modulie­rung usw. usw. Dadurch fühlte sich jeder anwesende Schüler angesprochen. Tappert sah auch manchmal nur kurz auf eine Arbeit und sagte nichts. Das - die schon länger bei Tappert arbeiteten, verrieten es uns - bedeu­tete Anerkennung: Nicht stören, hier malt einer!

Da Tappert viele Studenten hatte - im Sommersemester 1932 waren es über dreißig -, hatte der einzelne Student verständlicherweise nur wenig persönlichen Kontakt zu ihm. Ich wunderte mich darüber, daß die Studenten nie in das Atelier des Meisters hineinkamen, daß man an der Tür sehr kurz abgefertigt wurde, wenn man ihn schon einmal störte. Aber immer erschien er in der Tür mit Riesenpalette und Zigarillo und einem ganzen Bouquet von Pinseln. Er arbeitete also stets. Daß seine politische Wachheit ihn schon damals vorsichtig machte und er fürchten mußte, daß sich unter seine Studenten auch der eine oder andere Nazi mischen könnte, wurde uns schon bald vor Augen geführt. Und als ich nach zwei Seme­stern Werkstudium und nach bestandenem Werk­lehrerexamen im Oktober 1933 mein für ein Jahr unter­brochenes Malstudium wieder aufnahm, war Tappert bereits von den Nazis die Hochschultätigkeit untersagt worden, was aber widerrufen wurde.

Während des kurzen Sommersemesters 1932 hatte ich kein einziges persönliches Gespräch mit Tappert führen können, auch hatte ich nie ein Bild von ihm zu sehen bekommen. Keine persönliche Beziehung zu ihm hatte sich anbahnen lassen - so meinte ich. 1948, 16 Jahre später, wurde ich von ihm eines besseren belehrt. Er hatte mich sehr wohl in Erinnerung behalten.

Das Sommersemester 1932 und die darauf folgenden Semesterferien verbrachte der an der Kunstschule Schö­neberg lehrende Malprofessor Curt Lahs mit seinen Studenten auf Istrien in Italien in der kleinen Fischer­stadt Pirano (jetzt Piran, jugoslawisch). Am Ende dieses Semesters, meines fünften, ergab sich für mich eine Gelegenheit, mit zehn anderen Studenten ebenfalls dorthin zu reisen. Dieses Vierteljahr in Pirano wurde für mich sehr entscheidend. Die Intensität, die ich dort beim Malen und Zeichnen entwickeln konnte, überstieg meine bisherigen Vorstellungen. Und Curt Lahs war ein sehr einfühlsamer Lehrer, dem ich viel verdanke. Damals kam mir zum Bewußtsein, daß ich wahrscheinlich mein Leben lang nicht mehr von der Malerei wegkommen würde.

Curt Lahs stellte für uns Studenten einen Einzelfall dar, weil im derzeitigen Professorenkollegium noch alles mit Vorbehalt betrachtet wurde, was über den Expres­sionismus hinausging, der durch Georg Tappert, Willi Jäckel und Rudolf Großmann würdig vertreten und daher auch respektiert wurde.

Unter den damals außerordentlich lebhaften und debat­tierfreudigen Studenten ging das Gerücht, Lahs sei ein Feind alles Gegenständlichen und dulde nur das Gegen­standslose. Wie unbegründet dieses Gerücht war, stellte sich für mich sehr schnell heraus. Seine erste Korrektur zeigte mir schon, wie sehr er mit der sichtbaren Welt vertraut, wie sehr seine Gesamtpersönlichkeit von ihr durchdrungen war und wie selbstverständlich es ihm war, daß der Künstler seine Impulse, vielleicht sogar seine gesamte Potenz aus dem Erlebnis der sinnlich wahrnehmbaren Natur beziehe. Andererseits hörte ich zum ersten Mal in meinem Studium aus dem Munde eines Professors, daß auch das freie Spiel mit den vom Gegenstand losgelösten Formen und Farben von den Sinneserlebnissen des Malers die Kraft zur Gestaltung erhalte und nicht allein vom Verstände. Diese damals bestimmt nicht selbstverständliche, von ihm bis in seine letzten Lebensjahre beibehaltene Einstellung zur künst­lerischen Gestaltung hat aus ihm eine Künstlerpersön­lichkeit werden lassen, die außerordentlich produktiv, aber auch gleichzeitig als Lehrer hervorragend geeignet war.



Im sechsten und siebenten Semester stürzte ich mich in das Studium des Faches Werkerziehung und schloß es durch die Werklehrerprüfung ab.


 


Das Werklehrerstudium brachte mir unter anderem auch wenigstens ein Teilerlebnis des Berufes, den ich mir in meiner Kindheit gewünscht hatte. Endlich konnte ich mich, so viel ich wollte, in der Holzarbeit mit richtigen Werkzeugen austoben. Ich bin wie ein Handwerker täglich um sieben Uhr morgens in den Werkstätten gewesen und habe oft bis zum Abend durchgearbeitet Dabei machte mir die Arbeit in den Werkstätten für Metall und Papier ebenfalls viel Freude. Die Metall­werkstatt stand unter der Leitung von Wilhelm Wagen­feld, der damals als Designer schon viel von sich reden machte. Die Papierwerkstatt leitete Harro Siegel, der zu dieser Zeit ein bekannter Puppenspieler (Marionetten) war. Er hatte auch in der Kunstschule eine Werkstatt für Marionettenbau und -spiel eingerichtet. Es war für mich selbstverständlich, daß ich auch bei ihm arbeitete. Alle diese handwerklichen Disziplinen machten mir wenig Schwierigkeiten. Ich fühlte mich nach diesen beiden Semestern durch viele neue Fähigkeiten bereichert. Dieses Jahr war für mich ein glückliches Jahr, auch in ganz anderer Beziehung.

Nach der Werklehrerprüfung, bei Beginn meines achten Semesters, wollte ich mich wieder vermehrt der Malerei widmen. Ich fand eine vollständig neue Situation vor. Die meisten künstlerischen Lehrer waren von den Nazis verjagt worden. Der Januar 1933 lag schon fast ein dreiviertel Jahr zurück. Der Direktor Heinrich Kamps, Willi Jaeckel und Curt Lahs waren zu "entarteten Künstlern" erklärt worden, hatten Malverbot erhalten und ihre Lehrtätigkeit aufgeben müssen. Auch unseren hochgeschätzten Kunsthistoriker Dr. Oskar Fischel hatte man, wegen seiner jüdischen Abstammung, entfernt. Georg Tappert hatte zwar im Sommer 1933 seine Lehr­tätigkeit wieder aufnehmen dürfen, aber ich habe nichts davon erfahren, wußte auch nicht, daß er mit seinen Studenten in der Fränkischen Schweiz arbeitete. Auch habe ich Tappert nach 1933 nicht mehr wiedergesehen. 1937 wurde er schließlich entlassen und erhielt Ausstellungs- und Malverbot, seine Bilder wurden aus den Museen entfernt.

Noch anderes war in dieser Zeit passiert. Ich war damals erster Vorsitzender der Studentenschaft der Kunstschu­le Schöneberg. Eines Tages - bis dahin (etwa Februar 1933) hatten wir zwar schon gestiefelte Studenten, die sehr unter unserem Spott zu leiden hatten, sie verhielten sich aber zurückhaltend - eines Tages also wurde ich auf in der Kunstschule angeklebten Plakaten als Marxist bezeichnet, der die Studentenschaft nicht länger "füh­ren" dürfe. Die Plakate wurden von zwei Kommilitonen mit Hakenkreuzbinden am Arm bewacht.

Einige Tage später - ich arbeitete gerade in dem kleinen Zimmer, das für die wenige Büroarbeit des Studen­tenausschusses zur Verfügung stand - wurde die Tür zu diesem Raum von außen sperrangelweit aufgerissen, und vor mir standen etwa 20 Hakenkreuzbinden tragen­de Mitstudenten, ganz vorn mein Stellvertreter, der sich bis dahin nie als Nazi zu erkennen gegeben hatte. Dieser kam auf mich zu und sagte mit leiser Stimme, man fordere mich auf, den Vorsitz niederzulegen und die Schlüssel der nationalsozialistischen Studentenschaft auszuhändigen, und fügte noch leiser hinzu, er bitte mich, keinen Widerstand zu leisten, weil man ent­schlossen sei, dann Gewalt anzuwenden. Die Über­macht war überzeugend. Proteste waren sinnlos. Der Wechsel wurde schließlich vom Kultusminister sank­tioniert, der sich sogar dazu herabließ, den bisherigen Vorstand zu empfangen.

Im gleichen Frühjahr überfiel ein SA-Sturm, an seiner Spitze der SA-Sturmführer Otto Andreas Schreiber, die Kunstschule Schöneberg. Schreiber war ein ehemaliger Student des Hauses, war inzwischen als Assessor im Schuldienst tätig, galt als eine große Begabung und hatte sogar einmal in der Berliner Galerie Ferdinand Möller zusammen mit einer Künstlergruppe ausgestellt, die sich der "Norden" nannte. Während des Überfalls holten seine SA-Leute die Mitglieder des Künstleri­schen Prüfungsamtes aus der gerade stattfindenden Sitzung und stellten sie auf die Straße, darunter den Vorsitzen­den des Künstlerischen Prüfungsamtes, Philipp Franck, den Direktor der Kunstschule Schöneberg, Heinrich Kamps, und meine Lehrer Tappert und Lahs, hißten eine Hakenkreuzfahne auf dem Dach, trieben die anwe­senden Studenten zusammen, schlugen einige, die sich zur Wehr setzten, mit Gummiknüppeln, suchten sich jüdisch aussehende Studenten heraus, um sie in der Toilette zu untersuchen, ob sie beschnitten seien. Ein gütiges Geschick hat mich vor diesem makabren Erleb­nis bewahrt, indem es mich kurz vor dem Überfall mit der U-Bahn zum Straußberger Platz fahren und Holz einkaufen ließ.

Im Sommer 1933 reiste ich mit zwei Studienkameraden - der eine war Hans Berntsch -, einem Studienassessor (Kunsterzieher), einem Schriftsteller und dessen Frau nach Jugoslawien. Gideon, der Schriftsteller, war der Initiator. Er kaufte einen alten Steyr mit sechs Sitzen für 200 Reichsmark, ließ ihn durchsehen, und wir fuhren los.

Vorher hatte dieser tüchtige Mann den jugoslawischen Gesandten in Berlin aufgesucht, hatte ihm von unserer Jugoslawienbegeisterung vorgeschwärmt, unsere ge­ringen Finanzen offengelegt und um Unterstützung gebeten. Er ergatterte ein Empfehlungsschreiben, das in Serbisch abgefaßt war - wir wissen bis heute nicht, was darin stand -, und hatte mehrere große, bebilderte Bü­cher geschenkt bekommen. Das Schreiben entpuppte sich sofort an der jugoslawischen Grenze, als wir es zum ersten Mal vorzeigten, als ein Sesam-öffne-dich. In Belgrad begab sich Gideon mit mir zum Kultusminister.


Das Schreiben verschaffte uns eine Audienz bei ihm. Der Minister stellte mit uns eine Balkanrundreise zu­sammen und schickte uns mit einem Brief zur Bahnverwaltung, aus der wir mit einem Freifahrschein erster Klasse wieder herauskamen. Die Strecke lautete: Bel­grad - Zagreb - Skoplje - Ochrid - Sarajevo - Dubrovnik - Split - Belgrad. Den Steyr ließen wir in Belgrad.

Dies war eine der herrlichsten Reisen, die ich je mitge­macht habe. Alle Erlebnisse zu schildern, ist nahezu unmöglich. Ich zähle nur unvollständig auf: die orienta­lische Exotik in den südlichen Städten, die abgeschiede­nen Dörfer in den Bergen am Ochrider See, der See selbst mit dem Kloster Sveti Naum, Bauchtänze, Ha­remsbesichtigungen, Heiratsmarkt in Sarajevo, in Och­rid ein riesengroßes Zigeunerdorf, Umtrunk mit dem Primas, eine Leibesvisitation durch Zöllner mit vorge­haltenen Karabinern in den Ochrider Bergen, weil man uns für Schmuggler hielt, eine vierstündige Verhaftung in Zagreb aus dem Zug heraus, weil man uns den Riesenfreifahrschein nicht glaubte und ihn für gefälscht hielt, und vieles, vieles mehr.

Wir hatten wenig Geld mitgenommen, allerdings alles, was wir auftreiben konnten. Für Verpflegung hatte jeder nur fünfzig Pfennige täglich zur Verfügung. Trotzdem konnten wir jeden Morgen ein Täßchen Mokka trinken, für fünf Pfennige. Für den gleichen Preis konnte man damals ein Kilo Tomaten kaufen. Alles war sehr billig, und die Gastfreundschaft war überall groß. Auch die Großherzigkeit gegenüber jungen Menschen war für uns überraschend und kaum glaublich. In Sarajevo sprach uns z.B. ein Fremdenführer dreimal an. Wir mußten ihm dreimal einen Korb geben, weil uns das Geld fehlte. Schließlich traf er uns noch einmal, hatte zwei Herren aus der Tschechoslowakei mitgebracht und forderte uns auf, an seiner Führung teilzunehmen. Um die Bezahlung sollten wir uns keine Sorge machen, die beiden Herren hätten schon genügend bezahlt.

Diese Reise war sicher in mancher Beziehung für mein Leben entscheidend. Sie war meine zweite Auslandsrei­se. Ich hatte eine - trotz der nur punktuellen Erlebnisse - sehr beeindruckende Einsicht in diesen außerordent­lich interessanten, vielfältigen, abwechslungsreichen Vielvölkerstaat gewonnen. Heute liegen 30 Jahre hinter mir, von denen nur zwei oder drei mich nicht in Jugosla­wien sahen.

Während der Durchreise durch die Tschechoslowakei hatte ich mehrere Slowakendörfer kennengelernt, und ihre freundliche Farbigkeit, man kann auch sagen, ihre unbefangene Buntheit hatte mich so gefangengenom­men, daß ich ein Jahr später wieder hinfuhr, um dort zwei Monate zu malen.

Im Herbst 1933 trat die gesamte männliche Studenten­schaft der Kunstschule Schöneberg in die SA ein, d.h. die Vorsitzenden hatten sie, ohne jemanden zu fragen, "eingetreten". Ich war entsetzt, daß ich nicht daran gedacht hatte, meinen Austritt aus dieser umgewandel­ten Studentenschaft zu erklären. Ich habe schließlich meinen Austritt aus der SA erklärt und, da dieser gerade gesperrt war, mich bis zur Aufhebung der Sperre beur­lauben lassen. Tatsächlich bekam ich nach vielen Wochen ein Schreiben vom SA-Sturmbann, die Austrittssperre sei aufgehoben. Der Rest war eine Formalität. Alles ging verhältnismäßig einfach. Ich glaubte es beinahe selber nicht. Man sagte mir - wahrscheinlich wollte man mich dadurch umstimmen, daß man mich aus den Büchern so streichen würde, daß ich niemals würde behaupten bzw. nachweisen können, daß ich der SA angehört hätte. Man begriff natürlich nicht, welchen Gefallen man mir damit tat.

Ende 1933 hatte sich die Lage beruhigt. Wir bekamen zunächst einen kommissarischen Leiter und später Alexander Kanoldt als Direktor und die Maler Schrimpf, Rössing, Schorling als neue Malprofessoren. Mir waren sie alle verdächtig, weil ich annahm, daß sie alle Partei­genossen seien, auch ihre Kunst war mir verdächtig, weil die NSDAP alles, was ich bisher liebte und schätz­te, zur "Entarteten Kunst" erklärt hatte.

Welchen Lehrer sollte ich mir wählen? Tappert war in der Fränkischen Schweiz, Lahs war entlassen. Ich ging zu Konrad von Kardorff. Ich hatte ihn nur einige Male gesehen. Er war mir sympathisch, wenn er mit seinem grauen Mops durch das Kunstschulportal hereinkam, seinen Kamelhaarmantel im Vestibül auszog, ihn so unter den Arm klemmte, daß er auf dem Fußboden neben ihm herschleifte. Und immer begann in diesem Moment das gleiche Spiel: Der Mops verbiß sich mit wütendem Gekläff und heftigem Knurren in ein Man­telende und ließ sich von seinem großen, stattlichen Herrn, der dabei eine merkwürdig lässige, aber hoheits­volle Würde zur Schau trug, in den ersten Stock hinauf- und den Korridor entlangschleifen.

Zu Kardorff gewann ich bald ein gutes Verhältnis. Auch zu seinem Privatatelier hatte ich Zugang und konnte mir in Ruhe seine Bilder, auch in ihrer Entstehung, ansehen. Es entwickelte sich fast eine Vater-Sohn-Beziehung. Zum ersten Mal hatte ich einen Lehrer, mit dem ich meine geheimsten Gedanken, z.B. über die Nazis, aus­tauschen und den ich um Rat fragen konnte. Er war mit Rudolf Großmann befreundet, dem ich oft in Kardorffs Atelier begegnete. Kardorff und er enthielten sich mir gegenüber nicht ihres bissigen Sarkasmus, mit dem sie sich über das neue Regime unterhielten. Sie waren auch die letzten Professoren, die sich in den Prüfungen für die noch vorhandenen jüdischen Kommilitonen einsetzten. Kardorff war dann auch der einzige beamtete Hochschullehrer, der den Mut hatte, Liebermann 1935 auf seinem letzten Weg zu begleiten. Er wurde 1940 vorzei­tig pensioniert. Seine Gegnerschaft zum Naziregime war offensichtlich.

In seiner Malklasse war Kardorff natürlich vorsichtig. Soweit ich das beurteilen konnte, befand sich kein Hakenkreuzträger unter seinen Schülern. Andererseits waren sie sämtlich politisch uninteressiert, sie waren sich aber einig in ihrem Widerwillen gegen den Natio­nalsozialismus. Die politische Uninteressiertheit vieler Studenten hatte sich bei der entscheidenden Wahl im Januar 1933 gezeigt. Viele, sehr viele, waren nicht zur Wahl gegangen. Daß ich wählen ging, war ihnen unver­ständlich.

Künstlerisch habe ich von Kardorff viel gelernt. Seine große Erfahrung im Portraitmalen und im Aktzeichnen befähigte ihn zu einem ausgezeichneten Lehrer. Beim Aktzeichnen ließ er sich ein Transparentpapier über die Studentenzeichnung legen und zeichnete über die durch­scheinende Zeichnung in atemberaubender Geschwin­digkeit mit einfachster Linie in etwa ein bis zwei Minuten einen Akt, der uns deutlicher als alle Worte zeigte, was wir übersehen hatten. Von ihm erfuhr ich auch vieles über Eigenschaften der Ölfarbe und darü­ber, welche Farben im Malkasten fürs Portraitmalen unentbehrlich sind.

Im Sommer 1934, am Ende meines neunten Semesters, legte ich die Prüfung für das Künstlerische Lehramt an höheren Schulen ab. Die Leistungen, die mir abverlangt wurden, waren bescheiden. In diesem Zusammenhang denke ich mit großer Hochachtung an die Leistungen, die die Studenten in späterer Zeit, als ich Leiter des Künstlerischen Prüfungsamtes war (1958 -1969), nach­weisen mußten. Nicht nur das künstlerische Niveau, sondern auch die Breite der wissenschaftlichen und pädagogischen Ausbildung waren gegenüber meiner eigenen Studienzeit um ein Vielfaches gestiegen.

Sofort nach Beendigung des Studiums reiste ich für zwei Monate in das große Slowakendorf Devinska Nova Ves am March-Donau-Zusammenfluß, das ich auf der Jugoslawienreise 1933 kennengelernt hatte. Mich be­gleitete eine Kommilitonin, Marion Weiß, geboren 1907 in Alienstein in Ostpreußen, die später meine Frau wurde. Sie hatte am Ende des Studiums viel Ärger mit dem nationalsozialistischen Rassenrummel, weil man hinter ihrem Namen und ihrem Gesichtsschnitt eine Jüdin vermutete. Devinska Nova Ves mit seinen bunten Häusern, seiner Riesenrinderherde, der ebenso riesigen Ziegenherde, den vielen Scharen von Gänsen an der March, mit seiner bunten dörflichen Betriebsamkeit war für mich der richtige Ort. Ich war damals ein Maler, der den Gehalt seiner Bilder aus der sinnlichen Freude am optischen Erlebnis bezog und frei war von jeglichem gedanklichen Ballast.

Im Winter 1934 unterzog ich mich am Provinzialschulkollegium in Breslau einer wissenschaftlichen Prüfung in Mathematik als Zusatzfach. Ein wissenschaftliches Zusatzfach wurde überall in Deutschland für den Kunst­erzieher gefordert, weil man ihn angeblich sonst nicht im Schuldienst verwenden konnte. Während der Gym­nasialzeit galt ich als sehr begabt für das Fach Mathe­matik. Das Studium hatte mir gezeigt, daß ich kein Mathematiker war. Ich hatte mir in der Schule die mathematischen Vorgänge immer fast bildlich vorstel­len können. An der Universität war das nicht mehr möglich. Ich kam bald ins Schwimmen und hatte große Mühe, die vorgeschriebenen Übungen zu schaffen. Auch die Prüfung habe ich mit Ach und Krach überstanden. Die Mathematik fängt anscheinend dort erst richtig an, wo sie sich aller bildlichen Vorstellung entzieht.

Nach dieser Prüfung in Mathematik bekam ich mein Zeugnis über die Prüfung für das Künstlerische Lehramt an höheren Schulen ausgehändigt. Ich konnte jetzt in den Schuldienst gehen, wenn ich wollte.

Ich wollte.


 


Schuldienst

Meine Studienzeit hatte mich verwandelt. Ich hatte in Breslau und Berlin die Vorzüge der Großstadt kennen­gelernt, merkte aber während des gesamten Studiums, daß ich ohne Kontakt mit ländlichen Gegenden und einfachen Menschen nicht auskam. Die Semesterferien hatte ich oft in dem primitiven Bauernhaus meines Großvaters in Alt-Schalkowitz verbracht. Dort, in einer ganz anderen Umgebung, unter ganz anderen Men­schen, in die ich nahezu verliebt war, wuchsen mir mehr Kräfte für meine Malerei zu als in der Stadt. Anderer­seits merkte ich auch, daß das Großstadtleben eine notwendige Ergänzung für meine Entwicklung bedeu­tete. So wurde ich in der Studienzeit das, was ich noch heute bin: Ein Hin- und Hergezogener zwischen Groß­stadt und Dorf, zwischen Großstadtbetrieb im weitesten Sinne und dörflicher Stille.

In Berlin wohnte ich damals mit Marion in der Spichemstraße 16 im Bezirk Wilmersdorf in einem winzi­gen Giebelraum unter dem Dach. Wir hatten ein Atelier, zwei solcher Giebelräume, eine Küche - beim Kochen mußte man einen Gasautomaten mit Groschen füttern - und eine Toilette gemietet, die alle einzeln von einem Dachbodenkorridor zu erreichen waren, wohnten aber zunächst sehr bescheiden in dem einen kleinen Raum, während wir das Atelier und den anderen Raum so vermietet hatten, daß wir umsonst wohnen konnten. Ende 1934 konnten wir dann das Atelier beziehen, das eine gewisse Tradition hatte. In diesem Atelier hatte einige Jahre zuvor Bert Brecht und noch früher Helene Weigel gewohnt. Noch heute besitze ich einen Tisch, den Brecht für eine improvisierte Bühne angeschafft hatte. (Dieser ausziehbare Tisch befindet sich heute in der UdK Berlin – Anm. U. Thoma)

Unsere sehr kleine Wohnung hatte keine waagerechte Decke, so daß zum Aufrechtstehen nur etwa fünf Qua­dratmeter zu gebrauchen waren. Alles spielte sich darin ab: Wohnen, Schlafen, Waschen, Malen und Essen. Zum Heizen benutzten wir im Winter einen kleinen Petroleumofen, der fürchterlich stank. Aber man konnte auch auf ihm kochen. Küchen- und Toilettenbenutzung teilten wir mit unseren Untermietern.

Auf dem langen Dachbodenflur lagen noch zwei wei­tere Ateliers. In dem einen wohnte und arbeitete ein alter Maler, der für Pep Eters - einen der größten Berliner Kitschbilderläden in der Friedrichstraße, Ecke Leipziger Straße, mit dem trefflichen Werbespruch: "Soll's ein Ölgemälde sein, kauf es bei Pep Eters ein" - am laufenden Band Stilleben malte. Er besaß fünf Staffeleien, auf denen immer mindestens drei frische, deckungsgleiche, gleich weit entwickelte Ölbilder stand­en. Sie prangten in eß- und trinkbaren Kostbarkeiten wie Südfrüchten, Fasanen, Auerhähnen, mit Wein gefüllten Karaffen und Weintrauben, alles in prächtigen Tellern, Gläsern, Schüsseln auf einem kostbaren Teppich oder Tischtuch. Die fertigen Bilder wiesen eine gewisse vornehme, dunkle, barocke Tonigkeit auf, aus der die kalten Glanzlichter sich funkelnd abhoben.

In dem anderen Atelier neben uns wohnte ein Oberkell­ner mit seiner Frau; er kam immer erst in den Morgen­stunden von seiner Arbeit zurück. Er schien ein leiden­schaftlicher Geiger zu sein. Wenn er mittags ausge­schlafen hatte, stellte er das Radio an und spielte alles, was aus dem Kasten herauskam, als Solist mit. Die Wand zwischen seinem schönen geräumigen Atelier und unserem verwinkelten winzigen Giebelraum war so dünn, daß wir täglich in den vollen Genuß der virtuosen Darbietungen gekommen wären, wenn wir uns nicht nach kurzer Zeit angewöhnt hätten, in den frühen Nach­mittagsstunden unsere Besorgungen zu machen, spazie­ren zu gehen oder sonstwie unsere enge Bleibe zu meiden. Die Frau unseres virtuosen Nachbarn liebte ihren Mann innig und verehrte ihn aufrichtig. Diese gute Frau schenkte uns jede Woche einen großen selbstge­backenen Kuchen, weil sie ganz richtig vermutete, daß es um unsere Kasse nicht zum besten aussah. Wir brachten es als Gegenleistung nicht übers Herz, uns über die täglichen akustischen Exzesse ihres Mannes zu beschweren. Als wir später in unser Atelier umziehen konnten, lag der Giebelraum als akustischer Puffer zwischen den Konzerten und uns. Unser neuer Unter­mieter, ein Studienfreund, hatte gute Nerven. Ihn störte nichts.

1935 unternahm ich einen Versuch, meine Kopfschmerzen loszuwerden, die seit meiner Kindheit nicht aufge­hört hatten, mich zu quälen. Ich ließ mich in der Berliner Charité kreuz und quer untersuchen. Der abschließende Befund war ganz und gar negativ. Man schätzte, daß meine Kopfschmerzen migränoider Natur seien und verschrieb mir eine einmalige Kur mit 20 Tabletten Lubrokal. Nach zwei Wochen waren die Kopfschmer­zen weg. Achtzehn Jahre hatte ich mich damit gequält. Ich glaubte nicht an dieses Glück. Und die Schmerzen kamen noch dreimal wieder, zuletzt 1942 während des Rußlandfeldzuges. Jedesmal wiederholte ich die Kur, dann sind die Schmerzen bis heute weggeblieben.

Meine Bilder aus der Zeit zwischen Studium und Zweitem Weltkrieg malte ich immer direkt vor der Natur. Sie waren Nachempfindungen des Sehbildes. Trotzdem wurden meine Bilder in keiner Ausstellung angenom­men. Sie kamen immer mit einem kurzen, höflichen Begleitschreiben zurück, sie seien für Ausstellungen, die einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht würden, zu problematisch. Ich wußte, was das bedeutete. "Unser Führer" hatte ja in seiner Rede zur Eröffnung der ersten Großen Deutschen Kunstausstellung im Haus der Kunst in München gesagt, daß entartete und poblematische Kunst im Tempel der deutschen Kunst keinen Platz hätten. Und ich hatte immer gedacht, meine Bilder seien harmlos und unproblematisch.

Meine Erfolgschancen als Maler waren also gleich Null. Unter diesen Umständen fiel es mir gar nicht schwer, mich Ostern 1935 um Aufnahme in den höheren Schuldienst zu bewerben. Die prekäre Lage unserer Finanzen erforderte es.

Marion, die das erste Staatsexamen zur gleichen Zeit wie ich abgelegt hatte, ging nicht in den Schuldienst. Wir stimmten darin überein, daß es so besser sei. Einer von uns sollte sich von den Belastungen und Spannun­gen des Berufstrotts freihalten. Einige Jahre später, als ich zum Kriegsdienst eingezogen war, hat sie sich dem Referendardienst doch noch unterzogen und ist schließ­lich Studienrätin geworden.

Während der Studienzeit hatte ich meinen Eltern auf der Tasche gelegen. Sie hatten mir während des gesamten Studiums monatlich 60,— Mark geschickt, wovon ich je ein Drittel für Zimmer, Malmaterial und Verpflegung benutzte. Ich kam mit diesem Geld gut aus. Nach dem Examen schien es mir an der Zeit zu sein, mich finan­ziell auf eigene Beine zu stellen. Ich schrieb meinen Eltern, mir in Zukunft kein Geld mehr zu schicken. Außerdem teilte ich Ihnen mit, daß Marion und ich am 17. Januar 1935 heiraten würden. Ich war mir klar über die finanziellen Aussichten. Als Studienrefendar hatte man damals keinen Anspruch auf Entgelt. Die Referen­darzeit galt als Ausbildungszeit und mußte von dem Referendar selbst finanziert werden. Die zwanzig Mark Waisenrente, die Marion monatlich bekam, fielen nach der Heirat weg. Womit wir unseren Lebensunterhalt finanzieren würden, war ungewiß. Aber wir waren jung und hatten alle möglichen Fertigkeiten während unseres Studiums erlernt Es würde schon gehen. Und es ging: mit Anstreicherarbeiten, Postaushilfe, Webstuhlbau, Schriftschreiben usw. Bei Beginn des zweiten Halbjah­res der Referendarausbildung ging es uns dann besser, weil wir auf Antrag einen staatlichen Unterhaltszu­schuß von monatlich 50,— Mark, während des zweiten Jahres sogar 80,— Mark und dann 100,—Mark beka­men, immer abzüglich der zehn Prozent Gehaltskür­zung, die aufgrund einer Notverordnung des Reichs­kanzlers Brüning auch während der Nazizeit noch prak­tiziert wurde. Aber das Geldverdienen durch Gelegen­heitsarbeiten ging weiter bis zum Ende meiner Referen­darzeit. Marion arbeitete vor meinem Assessorexamen ein halbes Jahr als technische Zeichnerin bei Telefun- ken, damit ich ungestört meine Hausarbeit schreiben konnte.

Während meiner Tätigkeit als Lehrer hatte ich viel Glück. Mein erstes Referendarjahr 1935/36 hatte ich im

Prinz-Heinrich-Gymnasium in Berlin-Schöneberg ab­zuleisten. Dort unterrichtete der mir schon durch mein Studium bekannte Maler und Kunsterzieher Otto Möl­ler, ehemaliges Mitglied der Novembergruppe, ein hervorragender Kenner der Kinderzeichnung und ein ebenso hervorragender Theoretiker des Kunstunterrichts, der lange in dem Berliner Zentralinstitut für Erziehung und Unterricht als Mitarbeiter tätig war. Er war mein Tutor und trug durch sein großes pädagogisches Kön­nen, durch seine vorbildliche Menschlichkeit und Güte viel dazu bei, daß sich in mir in kurzer Zeit Begeisterung für meinen Brotberuf einstellte. Möller verdanke ich fast mein ganzes pädagogisches Können. Außerdem gewann ich bald in ihm einen väterlichen Freund und auch einen künstlerischen Mentor, mit dem ich frucht­bare Gespräche über Kunst und über unsere eigenen Bilder führen konnte.

Eine gründliche Darstellung des Menschen und Malers Otto Möller habe ich in einem Vorwort für dessen Retrospektivausstellung in der Galerie Nierendorf im Jahre 1969 versucht. Dieses Vorwort ist in der Nummer 16 der Kunstblätter der Galerie Nierendorf abgedruckt.

Das Prinz-Heinrich-Gymnasium in der Grunewaldstra­ße - nur 300 Meter von der Kunstschule Schöneberg entfernt, wo ich studiert hatte - war ein von wenig Kunstsinn zeugender roter Backsteinbau. Wenn dieser bei meinem täglichen Schulweg an der letzten Straße­necke plötzlich vor mir auftauchte, wurde mir jedesmal übel; wenn ich dann die Haustür und die Windfangtür hinter mir hatte, verstärkte sich dieses häßliche Gefühl, das mit einem gewissen Angstgefühl gekoppelt war. Mir war der Vorgang unverständlich, weil verstandes­mäßig kein Grund dafür zu finden war. Nach etwa einem halben Jahr hatte ich mich damit abgefunden. Aber eines Tages, an der schon erwähnten Straßenecke, tauchte in meiner Erinnerung ein anderer Backsteinbau auf, die "Katholische Volksschule für Knaben" in Neis- se, in der ich - ich schilderte es schon - zwei Jahre von einem grausamen Lehrer unterrichtet wurde. Hiernach dauerte es nur noch kurze Zeit, bis ich von dieser störenden Übelkeit befreit war. In meinem Unterbe­wußtsein hatte sich also eine visuelle Assoziation zu dem Backsteinbau der Neisser Volkschule eingestellt und die Angstgefühle meiner Schulzeit aktiviert, die dann noch beim Betreten des Hauses durch den Geruch des Fußbodenöls, anscheinend dem gleichen wie in der Volksschule, verstärkt wurden.

Die unangenehmen Schulerlebnisse aus meiner Kind­heit trugen sicher auch eine Mitschuld daran, daß ich in diesem ersten Ausbildungsjahr gewisse Disziplinschwie­rigkeiten beim Unterrichten hatte. Als ich mich für den Schuldienst entschloß, hatte ich mir vorgenommen, daß es die Schüler bei mir besser haben sollten als ich bei meinen Lehrern. Ich war deshalb zu den Schülern

Mein Leben - Eine Collage


 


 


ausnehmend freundlich. Das ließ sich zunächst gut an. Aber im Laufe des Jahres geriet die Disziplin in einen irreparablen Zustand. Dabei waren die Schüler keines­wegs absichtlich destruktiv eingestellt. Sie waren viel­mehr zutraulich wie verspielte junge Schäferhunde. Ich war froh, als das Jahr vorbei war und ich in einer anderen Schule einen weiteren Versuch beginnen konnte. Ich stimmte dort meine Freundlichkeit um erhebliche Pro­zente zurück, und siehe da, die Schwierigkeiten waren nur noch unerheblich. Ich hatte den richtigen Ton ge­funden. Die Schüler liebten mich trotzdem.

Zur Ableistung meines zweiten Referendarjahres 1936/ 37 wurde ich an das Real-Gymnasium in Berlin-Pan- kow versetzt. Ich fand dort wieder einen sehr verständi­gen und versierten Tutor, den Maler Paul Kuhfuß. Er half mir, in Pankow ein Atelier zu suchen. Wir fanden schließlich eins in der Wolfshagener Straße Nr. 82, ganz in der Nähe des Realgymnasiums. In jungen Jahren hatte Kuhfuß dieses Atelier mehrere Jahre selbst be­wohnt. Es war als Wohnung ungeeignet, kostete aber nur 20 Mark Miete und war uns deswegen höchst willkommen. Es bestand aus dem Atelier (etwa fünf mal sechs Meter) und zwei winzigen Nebenräumen, einer winzigen Küche und einer winzigen Toilette. Es lag im viertenStock unter dem Dach. Die Wände und das Dach waren nicht isoliert. Im Sommer war es unerträglich heiß, im Winter reichte ein großer Dauerbrandofen zum Heizen nicht aus. Das Atelier hatte zwei große schräge Fenster, eins nach Norden mit einem Balkon davor und eins nach Süden.

Kuhfuß wurde für mich zum Beispiel und Beweis dafür, daß man als Kunsterzieher sehr wohl auch noch viel malen konnte. Schon Otto Möller hatte mir das erste Beispiel dafür geliefert. Paul Kuhfuß übertraf in dieser Richtung aber alle meine Vorstellungen. Er hatte sogar in einem Raum neben dem Zeichensaal eine Staffelei stehen. Dort roch es immer nach frischer Ölfarbe, genau wie im Atelier seiner Wohnung. In diesem Raum malte er während der Pausen und während seiner Hohlstun­den. Dabei rauchte er seine unvermeidliche Zigarre. Überall folgte ihm eine Wolke von Zigarrenrauch. Für ihn war ein Kunsterzieher, der nicht künstlerisch pro­duktiv war, ganz und gar indiskutabel. Im Nebenraum des Zeichensaals war eine ganze Wand in drei Etagen mit Wechselrahmen bepflastert. Kuhfuß erwartete, daß jeder Referendar wenigstens einmal monatlich Beispie­le seiner neuesten künstlerischen Produktion dort prä­sentierte.

Sein praktischer Mal- und Zeichenunterricht beschränk­te sich auf rein technische Ratschläge und Hilfen. Be­sonders in den unteren Klassen waren dadurch seine Schüler, die er ansonsten gewähren ließ, regelrechte kleine Maltiere. Überhaupt war Kuhfuß durch und durch Praktiker. Hatte ich bei Otto Müller die innere Disziplin des Kunstunterrichts erlernt, bekam ich nun eine einge­hende Lektion in der äußeren Disziplin. Ich verdanke auch ihm viel für meine spätere Unterrichtspraxis. Wir blieben bis zu seinem Tode freundschaftlich verbunden.

Paul Kuhfuß hatte die äußere Ordnung im Zeichensaal bis ins kleinste durchorganisiert. Jeder Schüler brachte zum Kunstunterricht eine Zigarrenkiste mit folgendem Inhalt mit: Tuschkasten mit Deckfarbennäpfchen, Haarpinsel, Borstenpinsel, Leinenlappen, schwarze Tusche, Federhalter mit Kugelspitzfeder, Bleistift, Bleistiftanspitzer, Radiergummi. Dieses Werkzeug genügte, um jederzeit vom Malen zum Zeichnen und umgekehrt überzugehen, so daß die sonst nötigen Ein­tragungen in die Aufgabenbücher und andere Erinne­rungshilfen vermieden wurden. Die Zeichenblöcke - selbstverständlich nur solche, deren Blätter an drei Rändern perforiert und fest an die stabilisierende Pappe geheftet waren - blieben im Zeichensaal, waren immer unbeschädigt und griffbereit, weil jede Klasse ein ge­sondertes, abschließbares Schrankfach besaß, in das die Blöcke von Ordnungsschülern eingeschlossen bzw. in der nächsten Stunde wieder herausgeholt und verteilt wurden. Jedem Schüler stand zum Malen ein Einlitera- luminiumtopf mit Henkel zur Verfügung. Diese Töpfe standen in einem großen, flachen Ausgußbecken geord­net in fünf Zehnerreihen, wenn man sie nicht brauchte. Die mit Wasser gefüllten Töpfe wurden in der Pause vor dem Zeichenunterricht von Ordnungsschülern verteilt, genauso wie die Zeichenblöcke. Die Schüler brachten lediglich ihre Zigarrenkiste mit den Werkzeugen mit, und die Arbeit konnte sofort beginnen. In der Pause zwischen den Stunden wurden die Töpfe von zwei Schülern wieder mit frischem Wasser gefüllt und Pa­pierschnitzel von den Tischen und vom Fußboden in den Papierkorb befördert. Die wenigen Abfälle, die beim Malen oder Zeichnen anfielen, konnte jeder Schü­ler auf den Fußboden werfen. Auf diese Weise hatte kein Schüler einen Grund, seinen Platz zu verlassen. Gearbeitet wurde bis zum Pausenzeichen. Die Blöcke blieben auf den Tischen liegen. Jeder Schüler hatte nur sein Werkzeug einzuräumen und mit der Zigarrenkiste den Raum zu verlassen. Die Ordnungsschüler sammel­ten die Blöcke ein, noch nasse Blöcke wurden an der Rückwand des Saales auf dem Fußboden abgelegt und nach dem Trocknen von der folgenden Klasse in das entsprechende Schrankfach eingeordnet. Diese peinli­che Ordnung bewirkte eine Arbeitsdisziplin, die sich auf die entstehenden Schülerarbeiten fruchtbar aus­wirkte. Nach einer kurzen unruhigen Phase am Anfang jeder Stunde waren nur noch die üblichen Arbeitsgeräu­sche zu hören, wozu natürlich auch kleine Unterhaltun­gen der Schüler gehörten. Pflegliche Behandlung jeder Schülerarbeit war oberstes Gesetz. Vor dem Abtrennen einer Arbeit vom Block besprach Kuhfuß mit dem betreffenden Schüler genau, ob die Arbeit schon fertig war oder nicht. So wurde vermieden, daß auf einem lockeren Blatt weitergearbeitet werden mußte. Es gab nur wenige Schüler, die solche Notwendigkeiten nicht

Helmut Thoma


 


 


einsehen wollten.

Nach 1933 war das Realgymnasium in Berlin-Pankow in Carl-Peters-Schule umgetauft worden, nach dem Kolonialpolitiker und Afrikaforscher, der 1884/1885 Deutsch-Ostafrika in kaiserlichen Besitz gebracht hat­te. Diesen neuen Namen hatte Paul Kuhfuß klug und listig ausgenutzt, um in der ganzen Schule Negerkunst auszustellen. Er bekam auch von allen möglichen Sei­ten afrikanische Masken, Waffen, Kultgegenstände, Werkzeuge, Gefäße aus Privatbesitz geschenkt. Außer­dem ließ er sämtliche Korridore besonders von Schü­lern der unteren Klassen mit Motiven von Urwäldern, Palmenstränden, Negerdörfern, Tierjagden usw. aus­malen. Die Art und Weise, wie hier Gestaltungen von Negern und deutschen Kindern zusammenklangen, war überwältigend. Einwände, die meistens von Erwachse­nen erhoben wurden, bei denen die nazistischen Kunst­theorien schon gezündet hatten, Einwände, die meist schon Verdächtigungen, wenn nicht sogar schon Ankla­gen gegen Kuhfuß waren, wurden von ihm mit überle­gener und belehrender Eloquenz abgewehrt. Dabei war er von einer sehr bescheidenen und beinahe vorsichti­gen Höflichkeit, so daß es fast niemandem schwerfiel, ihm recht zu geben.

Die Carl-Peters-Schule war durch ihn zu einer regiona­len Sehenswürdigkeit geworden. Besichtigungen durch ganze Klassen anderer Schulen waren keine Seltenheit. Denn die Korridore enthielten auch viel Wissenswertes über den schwarzen Kontinent, z.B. Übersichtskarten über Rohstoffvorkommen und Naturprodukte oder über die Bodenbeschaffenheit usw., außerdem Statistiken und geschichtliche Übersichten. Alles war augenfällig und einprägsam dargestellt

Paul Kuhfuß war handwerklich außerordentlich ge­schickt und technisch versiert. Rahmen zu machen, sie echt zu vergolden, Möbel zu polieren, japanische Lackarbeiten zu restaurieren - viele solcher Dinge konn­te er. Seine Wohnung war voller gediegener Möbel und Gegenstände der verschiedensten Epochen. Er kannte sich auf diesem Gebiet gut aus. Ich hatte das Gefühl, daß nicht der Wert dieser Dinge für ihn wichtig war, sondern ihre optische Gegenwart. Er mußte solche Gegenstände immer vor Augen haben. Seine Augen brauchten immer viel Futter. Auch in seinen Bildern ist ja eine gewisse barocke Fülle zu erkennen. Es interessierte ihn z.B. nicht, daß die schöne Biedermeierstanduhr nicht mehr ging, aber sie war wunderschön poliert. Hinter der Tür ihres Ketten- und Gewichtskastens hingen fein säuber­lich hintereinander Hosen an Spannern. Auf dem herr­lichen großen Barockschrank standen zwei große, aus­gesucht schöne Delfter Deckelvasen. Aber nur eine davon war echt. Es war ihm ein besonderes Vergnügen, seine Besucher und Freunde in Verlegenheit zu bringen. Dazu stieg er auf einen Stuhl, nahm eine der Vasen unter sichtlicher Anstrengung herunter und gab sie dem Nächststehenden in die Hand. Das passierte auch mei­ner Frau Marion, die die Vase mit einem leichten Aufschrei fallen ließ. Diese Vase war nämlich unerwar­tet leicht, weil sie aus Holz gedreht und von Kuhfuß täuschend genau nach dem Original bemalt und lackiert worden war.

Ich fand Kuhfuß in einem liebenswerten Sinne abson­derlich und skurril. Bei ihm war alles anders als bei anderen Menschen. Wenn ich eine schriftstellerische Begabung besäße, würde ich sicher eine ganze Novelle über ihn schreiben können. In tiefster Seele war er ein Romantiker. Von seiner Wohnung aus malte er oft und zu allen Jahreszeiten den Amalienpark. Dieser war ein sehr schöner, aber winziger bürgerlicher Platz mit gro­ßen Bäumen und Rondellen. Kuhfuß machte aber einen Urwald daraus, in dem man vor Überraschungen nicht sicher war. Auch seine geliebten Ferienorte Rowe und Nidden, die er uns anhand seiner Bilder und Zeichnun­gen schilderte, um uns dafür zu begeistern, waren in seinen Arbeiten phantastische, märchenhafte Orte geworden. Jedenfalls konnten diese Ostseedörfer mei­nen durch Kuhfuß hervorgerufenen Erwartungen nicht standhalten; ich mußte erst eine gewisse Ernüchterung überwinden, als ich diese Orte kennenlernte.

Im Sommer 1938 waren Marion und ich mit Kuhfuß zusammen in Nidden, um dort zu malen. Eines Tages sahen wir ihn in der Dorfstraße auf einem abgestellten Bauernwagen sitzen, den Aquarellblock mit einer ange­fangenen Arbeit neben sich, den Aquarellkasten mit dem Pinselbündel in der rechten Hand, - er malte stets mit der linken Hand. Er schien uns sehr traurig zu sein, als habe er einen großen Kummer. Anteilnehmend fragten wir ihn. Er zog schweigend einen Pinsel hervor, der sehr mitgenommen aussah. Nach einiger Zeit sagte er: "Hier, der Pinsel!" Da wir schwiegen, fügte er kummervoll hinzu: "Der konnte Gras machen." Traurig betrachtete erden Pinsel, den ich wegen seines Borsten­schwundes längst weggeschmissen hätte, und sagte: "Der hat soeben eine Borste verloren, jetzt kann er es nicht mehr", und indem er einen anderen Pinsel hervor­zog: "Der kann es vielleicht in 14 Tagen, jetzt ist er noch nicht so weit". Als ich ihm vorschlug, diesem Pinsel einige Borsten auszureißen, schüttelte er mißbilligend den Kopf: "Das geht nicht, man muß ihm Zeit lassen. Der lernt es von allein". Dabei ergriff er seinen Block und malte weiter, sprach dazu und zeigte uns, wie verschiedene Eigenschaften seine Pinsel besaßen; der eine konnte Sand, der andere Wolken, der dritte Laub­werk machen usw. Es war interessant, ihm zuzusehen. Seine Geschicklichkeit und die Schnelligkeit, mit der er malte, waren bewundernswert. Auf dem Heimweg sagte er zu mir, ich hätte es ja einfacher mit den Pinseln als er, denn ich malte ja nicht Gras oder Wolken oder Sand, sondern nur deren Farbe. Er hatte recht.

Mein Leben - Eine Collage


 


 


1937, kurz nach meinem Assessorenexamen,bekam ich eine halbe Stelle in Pankow, wenig später konnte ich im Luisenstädtischen Realgymnasium (Nähe Spittelmarkt) eine Planstelle antreten. Ich fand dort ein angenehmes Lehrerkollegium und in Alfred Homeyer einen außeror­dentlich verständnisvollen Direktor. Er legte, als er gemerkt hatte, wieviel ich neben der Unterrichtstätig­keit malte, meine Unterrichtsstunden auf fünf Wochen­tage, so daß ich den Montag immer frei hatte. Er begründete das so: Kollegen, die neben ihrer Unter­richtstätigkeit wissenschaftlich produktiv seien, hätten ein Recht auf einen freien Wochentag. Das gleiche Recht habe auch ein Kunsterzieher, wenn er nebenher künstlerisch produktiv sei.

Das war eine große Hilfe für mich. Ich hatte nun in jeder Woche zwei freie Tage, an denen ich von früh bis abends malen konnte. Unterricht ist eine schwere Ar­beit, selbst wenn sie dem Lehrer Freude macht. Sie kostet viel Kraft. Ich probierte verschiedene Tagesein­teilungen aus, um auch Kraft genug zum Malen zu haben. Z.B. stand ich im Sommer vor Morgengrauen auf, um beim ersten Tageslicht an der Staffelei zu stehen. Aber wenn ich das wochenlang durchgehalten hatte, überfiel mich schon gegen zehn Uhr früh starke Müdigkeit, was sich sehr negativ auf die Qualität mei­nes Unterrichts und auf die Disziplin der Schüler aus­wirkte, so daß ich gezwungen war, den Tag wieder anders einzuteilen. Marion, die selbst auch viel malte, nahm mir verständnisvoll alle sonstigen Arbeiten ab. Trotzdem begriff ich, daß es schwer werden könnte, durchzuhalten.

Es gab aber noch andere Schwierigkeiten. Ich hatte, als die ersten Unterrichtsresultate vorlagen, die schönsten Arbeiten der Unterstufe in Korridoren und Klassenzim­mern ausgehängt. Etwa drei bis vier Tage später waren viele Rahmen nach dem Muster der Ausstellung "Entar­tete Kunst" mit Sprüchen überklebt wie "Judenkunst", "Demnächst hier Ausstellung Entartete Kunst" oder "Hier hing ein Bild des deutschen Malers Albrecht Dürer" usw. Die Urheber vermutete ich in den Schülern der Oberklassen. Ich hatte ja ständig Mitglieder der Hitlerjugend, auch höhere Chargen, vor mir sitzen. Ich ließ die überklebten Rahmen abhängen und im Zeichen­saal aufhängen, gab in den nächsten drei Wochen in den Oberklassen nur Kunstbetrachtungsstunden über "pri­mitive" Kunst und deren Verwandtschaft zu Kinderar­beiten, über die Kunst vor und nach dem Ersten Welt­krieg, insbesondere über Impressionismus und Expres­sionismus und über Kitsch. Natürlich mußte ich dabei auch auf die "Entartete Kunst" zu sprechen kommen. Die Schüler waren ja gespannt darauf und fragten da­nach. "Da hing früher mal ein Bild im Treppenhaus, hieß wohl Turm der blauen Pferde. Det war doch wohl entartete Kunst, wa?" sagte einer. Das war eine will­kommene Anregung für mich. Ich holte den sehr schö­nen, immer noch vorhandenen Piperdruck aus dem

Schrank und analysierte im Frage- und Antwortspiel mit den Schülern das Bild. Farbsymbolik, psychische Wirkung der Farben, Goethes Farbenlehre, Zusammen­hänge zwischen Farbe und Form, stilbedingte Verände­rungen des Erscheinungsbildes der Natur durch den Künstler usw. wurden erörtert. Beispiele, besonders aus der mittelalterlichen Kunst, die in ihrer Farbsymbolik zu dem Marcschen Bild in Beziehung stehen (z.B. zinnoberroter Himmel, blaue und rote Engel) wurden zum Vergleich herangezogen. Am Ende kamen die Schüler selbst zu dem Schluß, daß ein so logisch durch­dachtes Bild nicht als Entartung bezeichnet werden könne. Einer fand sogar, daß zum Malen eines solchen Bildes mehr Grips gehöre, als wenn einer von der Natur einfach abpinsele. Ich muß gestehen, daß ich selten so interessierte Schüler wie in diesen drei Wochen gehabt habe. Der von mir beabsichtigte Effekt dieser Kunstbe­trachtungsreihe trat auch ein. Ich ließ die gereinigten Rahmen mit den gleichen Kinderarbeiten wieder an den gleichen Stellen aufhängen. Es ist dann nichts mehr passiert.

Daß ich dabei viel Glück hatte, erfuhr ich erst später nach dem Kriege, als ich mit einigen früheren Schülern zusammentraf. Sie sagten mir, daß sie gerade bei diesen Kunstbetrachtungen sehr deutlich gemerkt hätten, daß ich den Nationalsozialismus nicht schätzte. Ich hatte auch kein Abonnement auf irgendein NS-Druckerzeug- nis. Jede Woche gingen Fragebogen durch das Lehrer­kollegium wie z.B.: Lesen Sie den Völkischen Beob­achter? Wenn nein, warum nicht? Und schließlich die Aufforderung, ab sofort ein Abonnement zu bestellen. Ich antwortete immer: Nein, ich halte die Frankfurter Zeitung. Schließlich erweiterten sich die Fragebogen auf Fragen nach NS-Kampforganisationen und sonsti­gen NS-Verbänden. Meine Fragebogen hatten nichts vorzuweisen. Einige meiner unverdächtigen Kollegen rieten mir, wenigstens in die NSV (Volkswohlfahrt) oder den NSLB (Lehrerbund) einzutreten. Ich tat es schließlich.

Die Sommerferien des Jahres 1937 verbrachte ich mit Marion in dem Dorf Rowe an der Ostsee, das mir durch Erzählungen von Kuhfuß und Bilder von Brückema- lem, vor allem von Max Pechstein, bekannt war. Auch Aquarelle von Karl Schmidt- Rottluff, die er am Lebasee gemalt hatte, hatten mich auf diese Gegend aufmerksam gemacht. 1938 und 1939 reisten wir im Sommer nach Nidden auf der Kurischen Nehrung. Wir verlebten dort glückliche Wochen. Meine Vorliebe für ländliche Gegenden bekam hier einen neuen Akzent, weil sich in mir eine merkwürdige Liebe zum Meer, zu seiner Weite und zu seinem waagerechten, geradlinigen Horizont entwickelte. Ich empfand dort zum ersten Mal stärker als im Süden (Pirano), daß der waagerechte Verlauf des Meereshorizontes für jedes Bild eine wich­tige Bezugskraft wurde und dadurch die anderen Rich­tungen und Krümmungen in ihrer Bildbedeutung

Helmut Thoma


 


 


leichter ablesbar wurden. Auch die Ruhe, die Beruhi­gung, die diese eine Waagerechte einem Bilde gibt, trägt wesentlich dazu bei, die Spannung zwischen den Bildelementen sofort und fast unmittelbar erkennbar zu machen. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich auch die Empfindung, daß ich auf so etwas wie einen eigenen Bildstil zusteuerte.

Aber die Zeitläufe waren beängstigend. Jeder sprach nur noch vom Krieg. Als wir 1939 am Ende der Ferien in abgeschlossenen Bahnabteilen durch den polnischen Korridor fuhren, sahen wir, wie die polnischen Bauern und Arbeiter, die in der Nähe der Bahnstrecke arbeite­ten, mit erhobenen Fäusten, mit Gabeln und Sensen in Richtung des fahrenden Zuges drohten und sogar mit Steinen warfen. Sehr beunruhigt und voller Sorge kamen wir in Berlin an.

Im Frühjahr schon hatten wir den Krieg auf uns zukom­men gespürt. Um ihm auszuweichen, hatten wir den Entschluß gefaßt, ins Ausland zu gehen. Ich hatte mich daher um eine Stelle als Auslandslehrer in Konstantino­pel beworben. Man hatte mir beim Schulamt große Hoffnungen gemacht, daß ich am 1. Oktober schon dorthin übersiedeln könnte.

Ein Anruf beim Schulamt sofort nach unserer Rückkehr aus Nidden ergab, daß ich mir am nächsten Tage Papie­re und Anweisungen abholen könne. Voller Spannung war ich schon früh um acht Uhr dort. Ich bekam die Papiere nicht. Die Deutschen seien alle aus dem Aus­land zurückgerufen worden. Neue Auslandslehraufträ­ge gäbe es nicht mehr, auch sei die Ausreise ins Ausland gesperrt. Wir wußten jetzt genau, was uns erwartete.

Gleich zu Beginn des Krieges wurden zwei der Natur­wissenschaftler des Luisenstädtischen Realgymnasiums eingezogen. Ich mußte, da kein Ersatz zu bekommen war, nur noch Mathematik unterrichten. Die Kunster­ziehung fiel weg. Obwohl ich das Fach Mathematik als begabungsfremd für mich empfand, fiel es mir kinder­leicht, darin bis zur Oberprima zu unterrichten. Der Bildungsplan schrieb ja für Mathematik den Stoff genau vor, während der Kunsterziehung viel Freiraum zuge­standen wurde, den der Lehrer nach Neigung ausfüllen konnte, so daß er viel Zeit darauf verwenden mußte, Unterrichtsgegenstände und -einheiten selbst zu finden und zu planen. Außerdem konnte man im Mathemati­kunterricht weltanschaulich oder politisch selbst vom raffiniertesten Schüler kaum in Verlegenheit gebracht werden. Trotzdem: Ohne den Kunstunterricht schmeck­te mir die Schule nicht mehr.

lebten, war belastet durch das Warten auf meine Einbe­rufung zum Kriegsdienst.

Abschließend zu diesem Lebensabschnitt, der nur fünf Jahre dauerte, sich aber wesentlich verlängert, wenn man alles, was ich im Studium als Vorbereitung dazu brauchte, hinzurechnet, - abschließend muß ich also noch deutlich aussprechen, daß diese Zeit doch sehr wichtig für mich war. Vor allem hat sie mich sicherer und unbefangener im Umgang mit Menschen gemacht. Eine Erfahrung besonders bekam für mein späteres Leben große Bedeutung, nämlich daß eine natürliche Fähigkeit zum bildnerischen Gestalten in jedem jungen Menschen steckt, daß vieles davon verschüttet wird durch ahnungslose Eltern und Lehrer, auch durch schlecht vorbereitete Kunsterzieher. In den beiden Schulen, die ich in meinen drei Assessorenjahren kennenlernte, kamen in jeder Oberklasse bei Beginn meiner ersten Unter­richtsstunde einzelne, manchmal ganze Gruppen von Schülern auf mich zu, um mir zu berichten, sie seien gänzlich unbegabt für mein Fach, auch mein Vorgänger habe das einsehen müssen und habe sie von jeder praktischen Arbeit im Kunstunterricht befreit; er habe ihnen gestattet, sich mit Schularbeiten oder Bücherle­sen zu beschäftigen usw. Diese angeblich Unbegabten notierte ich mir namentlich sorgfältig, drückte ihnen mein Bedauern, ja Mitleid aus, daß sie so verkannt worden seien, und versprach ihnen, alles in meinen Kräften Stehende zu tun, um sie von ihrem Komplex zu befreien. Das ist mir auch immer gelungen.

Die intensive Beschäftigung mit den primitiven Anfän­gen bildnerischen Gestaltens, speziell mit der Kinder­zeichnung, noch dazu in der engen Nachbarschaft zu meinen beiden Tutoren Möller und Kuhfuß, hat mir mehr Einblick in das Wesen und die Grundlagen künst­lerischer Arbeit gebracht als die gesamte Studienzeit. Insbesondere die Anleitung, die ich durch Otto Möller - auch für die Kunstbetrachtung und die Analyse von Kunstwerken in den Oberklassen - erfuhr, hat mir feste Fundamente für meine spätere praktische Lehrtätigkeit an der Hochschule geschaffen.

In meiner Studienzeit hatte ich mich fast gar nicht um Kunsttheorien gekümmert. Nur im Zusammenhang mit Hans von Marpes, den ich eine Zeitlang sehr verehrte, stieß ich zunächst auf eine Broschüre: "Aus der Werk­statt eines Malers" von Pidoll, einem Mareesschüler, und damit auch auf Conrad Fiedlers Kunsttheorie, zu der ich auch noch die Doktorarbeit des Berliner Malers Hermann Konnerth aufstöberte. Selbstverständlich kam dann noch Adolf von Hildebrandts "Problem der Form" dazu. Im Kunstgeschichtsseminar hielt ich ein längeres Referat über die Kunsttheorien des Mardeskreises.


 


 


Für meine Tätigkeit als Kunsterzieher konnte ich davon

Ein halbes Jahr blieb ich noch vom Kriegsdienst ver­schont. Aber der seelische Zustand, in dem wir nun

Helmut Thoma


 


 


Krieg und Gefangenschaft

Zum 1. April 1940 wurde ich eingezogen. Ich kam zur berittenen schweren Artillerie, wurde in Küstrin und in dem kleinen Dorf Bouy in der Nähe von Chalons sur Marne in Frankreich ausgebildet und überstand dann vom ersten bis zum letzten Tage den Rußlandfeldzug.

Die Ausbildung mit ihren schweren Strapazen, mit den gefühlsrohen und in Soldatenstolz aufgeblähten Vorge­setzten, mit deren unflätigen, meist beleidigenden, dabei entsetzlich dummen und stereotypen Redensarten, das meistens sinnlose Hin- und Herhetzen auf dem Kaser­nenhof, das alles war für mich bisher eine unvorstellba­re Welt menschlichen Zusammenlebens gewesen. Die grausame Wirklichkeit, mit der ich konfrontiert wurde, gab mir viel zu denken. Hatte das alles einen Sinn? Ich merkte bald, daß es einen Zweck hatte: den eigenen Willen des Neulings zu brechen, um ihn den Befehlen des Vorgesetzten und der Kriegsmaschinerie Untertan, hörig zu machen. Die andauernden körperlichen Strapa­zen, die bis zum Schmerz gesteigert wurden, die mecha­nischen Exerzierbewegungen und -Übungen ohne und mit Kriegsgerät, die hauptsächlich mit Drill und kaum etwas mit Einübung von Kriegstechniken zu tun hatten, bewirkten im Laufe weniger Wochen zu meiner großen Verwunderung einen Solidaritätseffekt unter den Re­kruten, den man so leichthin als Kameradschaft zu bezeichnen sich gewöhnt hat, ein aus der gemeinsamen Machtlosigkeit und dem gemeinsamen Geschunden­sein erwachsenes Zusammengehörigkeitsgefühl, das einen für jedermann hilfsbereit machte, weil man selbst an­dauernd des Zuspruchs und der tätigen Hilfe des ande­ren bedurfte.

Die vielen Erlebnisse, mit denen mich der Krieg kon­frontierte, will ich nur aufzählen: die Trennung von meiner Frau, deren letzte Besuche in Küstrin, die end­gültige Trennung, die Isolierung von allen bisherigen Lebensinhalten, die sinnlosen Saufereien der Soldaten und besonders der Unteroffiziere und auch der Offizie­re, die Weite der russischen Landschaft, die hinreißende Schönheit und quälende Grausamkeit des russischen Winters mit seiner wahnsinnigen Kälte und seinen ent­nervenden Schneestürmen, meine Sympathie mit den russischen Bauern, die mich an das Heimatdorf meines Vaters erinnerten, der Rückzug im ersten Rußlandwin­ter mit den den Weg säumenden Leichen, Pferdekada­vern und stehengelassenen Fahrzeugen, die Leiden der hin- und herflüchtenden Bevölkerung, die brennenden Dörfer, die Kämpfe und Stoßtruppunternehmen, die Brückenkopfkämpfe mit ihren Trommelfeuern, die Tieffliegerangriffe, die drei armseligen Urlaube, die ich in dieser Zeit hatte, mit dem schmerzvollen Wahr- scheinlich-für-immer-Abschiednehmen, die unerfahre­nen Offiziere mit ihren Kriegsgerichtsdrohungen, wenn man sie auf unsinnige, menschenverschleißende Be­fehle aufmerksam machte, - all diese Erlebnisse dieses wahnsinnigen Krieges haben mich wesentlich verän­dert. Keine Wandlung in meinem Leben läßt sich damit vergleichen.

Ich verzichte bewußt darauf, Kampfhandlungen und meine vielen damit verbundenen Erlebnisse zu schil­dern. Zu leicht kommt der Erzähler von Kriegserlebnis­sen in den Verdacht, daß er sich als Held aufspielen möchte. Ich habe in diesem Krieg kein Heldentum wahrnehmen können. Junge Männer waren oft unbe­kümmert, leichtsinnig und fahrlässig, manche auch abgestumpft und gleichgültig. Wenn alles gut ging, sahen sie hinterher, an ihrem Erfolg gemessen, wie Helden aus und wurden dekoriert. Andere wieder führ­ten auf Befehl Himmelfahrtskommandos durch in dem Bewußtsein, daß eine Weigerung ein Kriegsgerichts­verfahren mit tödlichem Ausgang zur Folge haben würde. Wieviele bei solchen Kommandos das Leben lassen mußten, war hinterher an keinem Ritterkreuz abzule­sen. Ich habe den Krieg in seinen schrecklichsten Ein­zelheiten kennengelernt, besonders in meinen zahlrei­chen Einsätzen als vorgeschobener Beobachter bei der Infanterie, und wurde zweimal verwundet. Oft habe ich mich gewundert, daß ich noch am Leben war, während mein Nebenmann sterben mußte. Ich halte jedoch diese fünf Jahre, genauso wie die folgenden drei Jahre Gefan­genschaft, für verzichtbar. Denn sie haben mir nichts eingebracht außer einem gewissen Pessimismus hin­sichtlich der Entwicklung der Menschen, den man auch Hoffnungslosigkeit nennen könnte.

Wie oft habe ich in den Bedrohungen des Krieges gedacht, daß er vielleicht endlich die Überzeugung bringen könnte, daß Krieg zur Austragung oder zur Klärung zwischenstaatlicher Streitigkeiten ungeeignet ist. Diese Hoffnung kann ich heute nur noch mit meiner damaligen jugendlichen Unbefangenheit und meinem damaligen unverbesserlichen Optimismus erklären. Heute kann ich nicht mehr daran glauben. Was ist aus der UNO geworden? Sie war für mich eine ganz große Hoffnung. Jetzt bin ich schon froh darüber, wenn alle noch mitein­ander sprechen. Aber die Liste von kriegerischen Ereig­nissen und widerrechtlichen Landbesetzungen ist lang, und das Reden hat nur in wenigen, kaum ins Gewicht fallenden Fällen genutzt. Hoffen wir, daß meine Be­fürchtung, das Schicksal des Völkerbundes könnte auch die UNO eines nahen Tages ereilen, nicht eintritt. Handfeste Gründe für diese Hoffnung sind nicht vor­handen. Kein Mensch sollte sich darüber wundern, daß in meinen Bildern keine heile Welt gespiegelt wird. Denn sie existiert nicht, und ich glaube auch nicht mehr daran, daß es sie je geben könnte.

Zwei Erlebnisse will ich aber doch hervorheben. 1944 bekam ich zum dritten und letzten Mal Urlaub. Ich hatte inzwischen in Rußland eine große Anzahl Aquarelle

Mein Leben - Eine Collage


 


 


gemacht und wollte sie jemandem zeigen. Meine jünge­ren Freunde waren alle nicht verfügbar oder schon gefallen, die älteren wegen der Bombenangriffe aus Berlin geflüchtet. Ich war so naiv, nach mir bekannten Künstlernamen im Berliner Telefonbuch zu forschen und fand den Namen Erich Heckel. Mein Anruf verlief positiv. Heckel bestellte mich zu sich. Erwartungsvoll suchte ich ihn mit meinen Aquarellen auf. Er führte mich in einen Raum, in dem kein Bild hing. Ich fing an zu ahnen, was nun kommen würde. Ich täuschte mich nicht. Er sah sich meine Arbeiten an, sagte, sie seien sehr schön, ich brauchte keine Hilfe, ich solle einfach so weitermalen. Ein Gespräch kam nicht zustande, weil er sehr einsilbig blieb. Als ich von meinem Bedauern sprach, daß ich kein Bild von ihm an den Wänden sah, sagte er nur kurz, er male nicht mehr. Ich sagte ihm deutlich, was ich von Hitlers Kunstpolitik und vom Malverbot hielt. Er blieb dabei, er male nicht mehr und habe auch keine Bilder mehr von früher. Ich begriff. Er kannte mich nicht und mußte vorsichtig sein. Es blieb mir nur noch übrig, mich zu verabschieden. Ich ärgerte mich ob meiner Unbefangenheit. Es tat mir auch leid, daß ich ihn beunruhigt hatte.

Während eines wochenlangen Stellungskampfes ent­wickelte sich eine Freundschaft zu einem Zwanzigjäh­rigen. Wir lebten in einem kleinen Bunker und teilten uns die Scherenfernrohrwache rund um die Uhr. Er war ein Dichter. Seinen Namen habe ich vergessen. Er schrieb unentwegt an seiner Lyrik, konnte noch Tage später das, was er geschrieben hatte, aus dem Gedächt­nis hersagen. Wir richteten uns gegenseitig auf in unse­rem eintönigen, hoffnungslosen Leben im Graben und im Unterstand und fanden immer genug Gesprächsstoff. Durch unser Gleichgestimmtsein und gegenseitiges Verständnis fühlten wir uns bald heimisch in unserem engen Rattenloch. In einer sehr ruhigen Nacht - meine Wachzeit war abgelaufen - ging ich durch das kurze Grabenstück in unseren Bunker zurück und weckte den anderen. Er schlief tief auf unser einzigen Pritsche und war kaum wachzukriegen. In diesem Augenblick deck­te uns der Russe mit Trommelfeuer ein. Ich sagte zu meinem Freund, er solle ruhig liegen bleiben, ging wieder hinaus und kroch zum Scherenfernrohr. Nach zehn Minuten war die Nacht wieder so ruhig wie vorher, und ich wartete nun auf die Ablösung; aber mein Freund kam nicht. Im Bunker fand ich ihn tot auf der Pritsche liegen. Eine Granate hatte den Grabenrand getroffen, ein Splitter hatte das winzige Fenster durchschlagen und war meinem Freund in die Brust gedrungen. Das weitere war, wie immer im Kriege, wenig pietätvoll. Ein Infanterist half mir im Morgengrauen, den Toten aus dem Bunker zu tragen und ihn über den Grabenrand zu wälzen. In der nächsten Nacht nahm unser Verpfle­gungswagen den Leichnam mit zum Troß.

Mehrere Tage nach Kriegsende - die Truppe hatte sich schon aufgelöst - geriet ich in der Tschechoslowakei in sowjetische Kriegsgefangenschaft.

Nach drei Wochen im Freien auf dem Flugplatz in Deutsch-Brod ging es im Fußmarsch bei großer Hitze nach Preßburg, wo wir mit einer handbetriebenen Schaf­schurmaschine kahlgeschoren wurden. Auf dem Marsch schössen uns die sowjetischen Wachmannschaften mit Warnschüssen die Brunnen und Pumpen frei, weil die tschechische Bevölkerung uns mit allen möglichen Mitteln und mit Waffen in der Hand am Trinken hindern wollte. Die Verpflegung unterwegs bestand hauptsächlich aus Wehrmachtskonserven, einer Art Erbsenpüree in Pul­verform, und aus Kartoffeln, die auf Anordnung der Wachmannschaft aus den am Wege liegenden Kartof­felmieten entnommen und bei der Mittagsrast in Wäl­dern gekocht wurden. Von Preßburg ging es mit der Bahn in Viehwagen nach Focsani in Rumänien in ein Lager, in dem ich einen Totentanz erlebte, der mir schlimmer als der Krieg vorkam, weil ich Muße zum Beobachten hatte. Hunderte von Gefangenen starben an der Ruhr. Ihre Leichen wurden auf zweirädrigen Bau­ernkarren mit Menschenkraft abgefahren, während die noch Lebenden an kleinen Feuern hockten und mit ernsten, teilnahmslosen Gesichtern Eichenrinde koch­ten, um den Gerbsäuresud zu trinken. "Gut gegen Ruhr", sagen sie. Von Focsani fuhren wir nach Constanza am Schwarzen Meer, wo uns der sowjetische Lagerkom­mandant zur Marschmusik einer Zigeunerkapelle jeden Abend im Stechschritt und mit angelegten Kriegsaus­zeichnungen - sonst war es verboten, sie zu tragen - an sich vorbeimarschieren ließ. Dann ging es nach Odessa auf einem großen Passagierdampfer, der gefährlich überladen war. MitFußtritten und Gewehrkolben Stößen wurden wir bis in die letzten Ecken des Schiffes zusam­mengepfercht Ich landete unten im Kiel des Schiffes in einem Laderaum, in dessen glühender Hitze wir wie halbtote Fische nach Luft schnappten und uns die schweiß­durchnäßten Kleider vom Leibe rissen. Die Massenla­trine war auf dem obersten Deck eingerichtet, die Fäka­lien wurden auf Rutschbahnen aus Brettern schräg über die unteren Decks ins Meer geleitet. In Odessa wurden wir wiederum wie eine geliebte Herde wertvoller Tiere in ein schönes, trockenes Lagerhaus am Hafen gesperrt, wurden bei Tage an den Sandstrand geleitet und durften stundenlang im Meer baden und in der Sonne liegen.

Von Odessa gelangten wir nach einer endlos langen Bahnfahrt nach Mordwinien (500 km südostwärts von Moskau) und wurden in einem Massenlager unterge­bracht, das in ein Hauptlager und zehn Nebenlager gegliedert war, wovon jedes etwa 2000 Gefangene beherbergte.

Inzwischen war schon ein Vierteljahr seit Kriegsende vergangen. Unser Lager, ein Nebenlager, stand in ei­nem riesigen Wald- und Sumpfgebiet, das von Nachti­gallen wimmelte, deren liebliches Quietschen und

Helmut Thoma


 


 


Zwitschern, Pfeifen, Flöten und Schluchzen keines­wegs unser trostloses Dasein versüßte. Es lag dicht an einem Verbanntendorf mit etwa 25 Panjehütten, durch das ein eingleisiger Bahnstrang führte, der auch gleich­zeitig die Dorfstraße darstellte. Das Dorf hieß auf Rus­sisch RB AC (sprich Jawas). Mit den Verbannten kamen wir in Berührung, wenn der eine oder andere von uns mit einem Posten wegen irgendeiner Besorgung in der Bahn zum Hauptlager fahren mußte. Unser Lager war rechteckig angelegt und von einem inneren Stachel­drahtzaun und einem äußeren vier Meter hohen Palisa­denzaun begrenzt, zwischen denen ein sogenannter Todesstreifen mit immer frisch geharktem Sand lag. An den Ecken des Palisadenzaunes standen Wachttürme. Diese Lager waren gut geführt, die Verpflegung war gut und regelmäßig, aber für größere Menschen nicht aus­reichend. In unserem Lager wurde das Holz der umlie­genden Wälder verarbeitet. Wir besaßen Werkstätten für Tischler-, Böttcher-, Holzschuhmacher-, Stellma­cher- und Drechslerarbeiten, ein Sägewerk, eine Leim- kocherei und eine Holztrocknerei. Den elektrischen Strom lieferte ein alter Traktor.

In den großen Wohnbaracken , in denen wir auf zwei­stöckigen Pritschen saßen und schliefen, herrschte ein bestialischer Gestank. Die Unterkünfte waren so ver­wanzt, daß viele der Gefangenen erst nach mehreren Monaten richtig schlafen konnten, als wir gegen diese Insekten immun geworden waren. Die Wanzen fielen uns manchmal beim Essen von der Decke in die Suppe. Und wenn am Abend nach dem Essenfassen das Licht ausfiel, löffelte man sich diese stinkenden Biester, die genau wie ihr Geruch schmeckten, in den Mund. Nichts wurde dagegen unternommen, weil es aussichtslos war, denn die Baracken waren aus Holz. Läuse hatten wir nicht. Wir waren alle gegen Fleckfieber geimpft. Wenn bei Gesundheitsbesichtigungen eine Laus gefunden wurde, wurde die gesamte Belegschaft einschließlich Wach­mannschaft in der folgenden Nacht durch die Sauna gehetzt. Wir besaßen auch ein eigenes, etwa 80 Betten fassendes Lazarett.

Noch lange Zeit nach meiner Heimkehr waren mir Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen zuwider. Im Theater, im Kino oder im Flugzeug konnte mir unbehaglich, sogar übel werden, weil mich meine Erinnerung, angeregt durch die Anwesenheit vieler Menschen, in die eklig stinkenden Gefangenenbarak- ken zurückversetzte.

Als wir für die Lagerwerkstätten eingeteilt wurden, entschied ich mich für die Drechslerbrigade. Wir fingen mit Holzschalen an. Die verwendeten Birkenstämme waren frisch und feucht. Die Drehspäne zischten bis zu zwei Meter hoch. Das dabei sprühende Birkenwasser durchnäßte unsere Kleidung bis auf die Haut - ein unangenehmer Nebeneffekt in den kalten Wintern. Zuerst hatten wir etwa eine Woche Zeit, um uns einzuarbeiten, darauf wurde eine Norm festgesetzt. Sie betrug zu­nächst fünf Schalen (ca. 10 cm Höhe und 15 cm Durch­messer) am Tag. Sowie diese Norm von uns mühelos und regelmäßig erreicht wurde, setzte man die Norm höher. Nach eineinhalb Jahren drehte jeder von uns 15 Stückan einem Tag. Das Erreichen der Norm bedeutete, daß wir am nächsten Tag eine Prämie von 200 Gramm Brot zu der normalen Verpflegungsration bekamen. Aber: Wer 15 Schalen drehen wollte, mußte wegen des frischen und ästigen Holzes mit 20 bis 40 Prozent Aus­schuß rechnen. Wir mußten also 20 bis 25 Stück pro Tag drehen. Die fertigen Schalen wurden von anderen Ge­fangenen, die im Trockenraum arbeiteten, in Tonschlick getaucht und zum Trocknen aufgestellt. Dadurch, daß das Holz die Feuchtigkeit zunächst an die dünne Ton­schicht und nicht direkt an die Luft abgab, wurde das Reißen der Schalen vermieden. Die trockenen Schalen wurden in Leinöl getaucht, bis sich das Holz damit gesättigt hatte, und dann in größerer Hitze so lange getrocknet, bis sich das Leinöl zu einem wasserun­durchlässigen Lack verfestigt hatte.

Die Produktion von Holzsohlen, Wagenrädern, Fässern und Schemeln (wohlgemerkt: alles aus noch feuchtem oder nicht normal ausgetrocknetem Holz hergestellt) nahm gigantische Ausmaße an. Die Wagenräder und Schemel wurden in Kellern untergebracht, die anderen Gegenstände wurden zu hohen Quadern im Freien auf­geschichtet und mit Planen provisorisch zugedeckt. Als dann eines Tages ein Güterzug vorfuhr und alles einge­laden wurde, zeigte sich, daß die Holzsohlen schon Schimmel angesetzt und in den unteren Lagen sogar verfault waren und daß die Räder und Schemel sehr vorsichtig transportiert werden mußten, damit sie nicht auseinanderfielen, bevor sie im Waggon landeten. Wir haben nicht daran gezweifelt, daß die von uns geleistete Arbeit kaum noch einen Dreck wert war. Die kleinen Arbeiten der Drechsler allerdings, die Holzschalen und Schachfiguren, waren verwendungsfähig. Wenn ich im Zusammenhang damit daran denke, mit wieviel Mühe und Arbeit z.B. die Arbeitsvorgänge bei der Holzsoh­lenherstellung durch selbsterfundene große Hebelmes­sermaschinen und Fließbandarbeit rationalisiert wor­den waren, mit welchem Ernst dies alles mit russischen Technikern besprochen und geplant worden war, kann ich heute diese Arbeit der Gefangenen nur noch als Folge einer geistlosen Beschäftigungstaktik verstehen.

Immerhin hat diese sinnlose Arbeit doch bewirkt, daß wir nicht untätig im Lager herumsaßen. Beschäfti­gungslos in Gefangenschaft zu sein ist wahrscheinlich schlimmer als sinnlos zu arbeiten. Wir haben das ge­merkt, als der Russe am Anfang noch nichts Rechtes mit uns anzufangen wußte. Wir hatten damals zur Selbsthil­fe gegriffen, organisierten die vorhandenen Möglich­keiten, um mehrere Vorträge über die verschiedensten Gebiete am Tage hören zu können. Dies lief aber nur

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zwei Wochen, dann wurden die Ansammlungen, wie der Russe das nannte, verboten und durch die Wach­mannschaften auseinandergetrieben, wenn sich einmal zufällig 10 oder 15 Mann zusammenfanden. Eine Zeit­lang wurden Trupps von 15 Mann mit nur einem Posten in den Wald zum Himbeerensammeln für die Kranken geschickt. Dazu konnten sich die Gefangenen freiwillig melden. Ich habe das gerne mitgemacht. Allerdings mußte man dabei sehr aufmerksam sein, damit man sich nicht in den unermeßlichen Wäldern Mordwiniens ver­irrte. Einigen ist das passiert. Sie kamen dann meistens halb verhungert nach mehreren Tagen in einem anderen Lager an, von wo sie dann zu unserem Lager zurückge­bracht wurden.

Das Hauptlager hatte ein großes Orchester und eine große Theatergruppe. Mehrmals im Jahr wurden von diesen eine Oper oder eine Operette oder auch ein Konzert in unserem Lager aufgeführt. Ich erinnere mich, "La Traviata", "Die lustige Witwe" und zwei Konzerte mit Beethovensymphonien erlebt zu haben. Frauenrollen waren natürlich mit Männern besetzt. Wir besaßen einen primitiven Theatersaal mit Bühne, der auch zum Essen benutzt werden konnte. Er faßte etwa 500 Personen. Auch Schachmeisterschaften wurden ausgetragen, immer natürlich an Sonntagen oder nach Feierabend.

Unsere antifaschistische Bibliothek war voller primiti­ver Umschulungsschriften, die eigens für die deutschen Gefangenen entwickelt worden waren. Ich fand sie außergewöhnlich geistlos. Einige Schriften und Bücher von Marx, Lenin, Engels und Stalin waren in mehreren Exemplaren vorhanden. Ich fand auch Romane von Zola. Andersen-Nexö war mit seinen Werken anschei­nend lückenlos vertreten.

Der Stumpfsinn konnte trotzdem nicht ausbleiben. Schlimmer wurde es für mich, als ich mit einem zer­quetschten linken Zeigefinger ins Lazarett kam. Als ich vom deutschen Ambulanzarzt ins Lazarett geschickt wurde, war der Finger dick geschwollen und vereitert. Die Fingerkuppe wurde mit einer Nagelschere aufge­schnitten und der Nagel mit einer kleinen Flachzange entfernt. Betäubungsmittel gab es nicht. Der oberste Fingerknochen faulte später heraus. Das einzige Heil­mittel war Seifenwasser, Medikamente waren Mangel­ware. Einige Leidensgenossen starben nur deswegen. Mein Lazarettaufenthalt dauerte etwa ein Vierteljahr. Auch eine Ruhrepidemie erlebte ich dort. Sie wurde aber gemeistert, weil rechtzeitig Medikamente eintra­fen. Der deutsche Ambulanzarzt verschwand eines Tages, weil sich herausstellte, daß er gar kein Arzt war, sondern dies nur vorgegeben hatte, um nicht arbeiten zu müssen. Was ihm passiert ist, weiß ich nicht.

Das Lager betrieb auch Landwirtschaft. Dafür wurden im Frühjahr und im Herbst viele Gefangene von den Handwerkerbrigaden für die Feldarbeit abkommandiert. Im Herbst trugen wir mit Rucksäcken Kartoffeln, Kraut­köpfe und Mohrrüben in die bunkerartigen Keller des Lagers. Die Wege gingen durch sumpfige und morasti­ge Stellen. Mit Wagen war es unmöglich durchzukom­men. Es war uns sehr angenehm, zu diesen Trägerkolon­nen abkommandiert zu werden. Man konnte sich wäh­rend der Märsche unbemerkt mit frischen Feldfrüchten vollfressen. Wir stopften alles, was wir runterkriegten, in uns hinein, auch rohe Kartoffeln. Etwas ins Lager zu schmuggeln war unmöglich, weil wir am Lagertor abgetastet wurden wie heutzutage vor jedem Flug.

Die Drechslerbrigade, der ich angehörte, hatte einen großartigen Brigadier. Ich habe heute noch Verbindung zu ihm; wir sehen uns fast in jedem Jahr einmal. Er war ein einfacher Mann, der seinen Verstand am richtigen Platz hatte. Er war sehr praktisch veranlagt, wußte mit jedem Werkzeug umzugehen und konnte sehr schnell und sicher arbeiten. Außerdem war er sehr findig. Als eines Tages Kartoffeln einen ganzen Tag lang von Waggons an unserer Werkstattür vorbei in die Keller getragen wurden und die Träger mit den vollen bzw. mit den leeren Säcken einige Male schon hin- und herge­pendelt waren, holte er sich einen ihm bekannten Träger herein, steckte ihm einige Zigaretten zu, nahm ihm den Sack ab und ging selbst Kartoffeln holen, nicht ohne mich vorher genau informiert zu haben. Als er mit dem vollen Sack in unsere Werkstatt zurückkam, hob ich mit einer Axt zwei Dielenbretter unserer Werkstatt hoch, und er schüttete seine Last in die Öffnung. Der niedrige Hohlraum unter den Brettern war zum Keller geworden, in dem nach kurzer Zeit etwa drei Zentner Kartoffeln lagen. Diese Kartoffeln zu kochen war allerdings ge­fährlich. Wer dabei erwischt wurde, wanderte drei Tage in Arrest bei 300 Gramm Brot und Wasser. Wir rieben daher die Kartoffeln mit Hilfe selbstgefertigter Reiben in unsere Eßgeschirre und ließen uns die heißen Suppen beim Essenempfang daraufgießen, wodurch wir einen dicken Pamps erzielten, der herrlich sättigte.

Unser Brigadier - sein Vorname war Wilhelm - besaß eine gehörige Portion Zivilcourage. Er hatte öfter kleine Plänkeleien mit dem russischen Technika- unseres Lagers, der die Arbeit der Gefangenen in den Werkstätten überwachte und in Begleitung eines Dolmetschers täg­lich kontrollierte. Wir nannten ihn Potschemu (Akzent auf der letzten Silbe, auf Deutsch: Warum), weil er jede Kritik mit diesem russischen Wort eröffnete. Eine Tages hatte er an unserer Produktion besonders viel auszuset­zen und hatte schon mehrere Male Potschemu-Sätze gesprochen, die reichlich aggressiv klangen. Das war unserem Wilhelm plötzlich zuviel. Er nahm - wir hatten gerade Holzschalen gedreht - eine Schale nach der anderen, schleuderte sie einzeln mit immer wiederhol­tem Potschemu dem Techniker vor die Füße, daß sie

Helmut Thoma


 


 


schließlich sämtlich zerbrochen auf dem Fußboden lagen. Potschemu war währenddessen Schritt für Schritt rück­wärts gegangen, drehte, da er Wilhelm ohne Munition sah, sich schnell um und verließ mit dem Dolmetscher den Raum, während Wilhelm noch seine Werkzeuge hinterherfeuerte.

Wir mußten natürlich an diesem Abend auf die 200 Gramm Brot verzichten, die wir für die Erfüllung der Arbeitsnorm hätten bekommen können. Glücklicher­weise ist unserem Wilhelm nichts passiert wegen seines Ausfalles. Immerhin hatte er sich eine nicht gerade geringfügig zu nennende Disziplinlosigkeit geleistet und durch die Zerstörung der Tagesproduktion seiner Brigade Sabotage begangen. Aber es geschah nichts. Potschemu war also anscheinend ein grundgütiger Mensch. Wir konnten ihm seither unsere Achtung nicht mehr versagen.

Im Winter 1946/47 wurde ich mit 200 anderen Gefange­nen nach Kaluga verlegt. Wir sollten dort so etwas wie eine Autofabrik aufbauen. Wir wurden bei 30 Grad Kälte in einem leeren Betonschuppen untergebracht und bekamen sechs Wochen Zeit, um ihn wohnlich einzurichten. Das schien zunächst unmöglich, aber es wurde geschafft. Die darauf folgende Arbeit war sehr verschiedenartig und nicht so stumpfsinnig wie die im vorherigen Lager. Aber unsere Verpflegung, die sowie­so meist verspätet kam, wurde zum Teil vom Lager­kommandanten an die Bevölkerung von Kaluga ver­schoben. Wir haben dadurch oft mehrere Tage nichts zu essen gehabt, nachdem der Koch schon Tage vorher das noch Vorhandene zu strecken versucht hatte. Einige Male gelang es mir, erfrorene Kartoffeln zu klauen und in den Hosenbeinen ins Lager zu schmuggeln. Sie waren schon matschig und stanken nach Alkohol. Gekocht schmeckten sie mir trotzdem. Außerdem verkaufte uns der Kommandant nach Arbeitsschluß an Privatleute, die immer schon am Lagertor warteten. Wir gingen ganz gern mit ihnen, weil sie uns mit dem, was sie gerade hatten, fütterten. Wir arbeiteten auch in der Gasanstalt. Dadurch bekamen wir Kohlen zum Heizen unseres Betonschuppens. Soviel wir tragen konnten, durften wir mitnehmen.

Ich bekam bald Hungerödeme und konnte nicht mehr arbeiten. Eine etwa sechsköpfige russische Kontroll­kommission besuchte eines Tages unser Lager und stellte innerhalb von drei Tagen die Mißstände ab. Die Wachmannschaft einschließlich des Kommandanten wurde abgelöst. Die Zustände waren durch Ärzte eines Kalugaer Krankenhauses aufgedeckt worden, nachdem dort zwei unserer Leidensgenossen eingeliefert worden waren. Sie hatten einen Fluchtversuch gemacht, waren wieder ins Lager zurückgebracht worden und von Wachmannschaften so mit dicken Knüppeln geschla­gen worden, daß sie schwere Blutergüsse und Knochen­brüche davontrugen. Vor der Exekution hatten sie sich nackt ausziehen müssen. Von da an ging es uns wieder besser, aber wenige Wochen später war die Autofabrik hergerichtet, und wir wurden im Winter 1947/48in ein Erholungslager in der Nähe von Moskau gebracht. Dort erholten sich viele sehr schnell und wurden wieder in Arbeitslager verlegt.

Meine Wasserbeine blieben, so daß man mich in ein Entlassungslager nach Brest-Litowsk abschob. Dieses Lager war ein Erdbunkerlager. Obgleich wir alle nicht mehr gesund waren, wurden wir dazu benutzt, die Fracht der aus Deutschland eintreffenden Güterzüge von der deutschen Normalspur auf die russische Breit­spur umzuladen. Das war natürlich eine schwere Arbeit. Ich entschloß mich daher, mich bei sich bietender Gelegenheit für eine andere Arbeit zu melden. Eines Tages wurde beim Morgenappell ein Maler gesucht. Ich meldete mich zusammen mit vielen anderen. Aber die anderen waren alle Stubenmaler. Ich blieb übrig und wurde einem Maler aus Berlin-Charlottenburg zuge­teilt, der mir die Arbeit, die vor uns stand, erläuterte. Vor dem Lagereingang waren zwei Riesentafeln ge­plant. Die eine sollte ungefähr 24 lebensgroße Brustbil­der der bekanntesten und wichtigsten sowjetischen Generäle, die andere die gleiche Anzahl von Mitglie­dern des Obersten Sowjets zeigen. In der Mitte jeder Tafel sollte Stalin als Ganzfigur überlebensgroß stehen, einmal als Generalissimus in Generalsuniform, auf der anderen Tafel als Vorsitzender des Obersten Sowjets in grünem Joppenanzug. Oben sollten die Tafeln von einem Arrangement aus Fahnen, Lorbeerzweigen, Trom­peten, Waffen und natürlich auch der Weltkugel mit dem Sowjetemblem mit Hammer und Sichel gekrönt werden.

Wir hatten bald einige Portraits fertig. Sie wurden nach Zeitungs- und Illustriertenausschnitten gemalt. Der russische Politruk, dem wir unmittelbar unterstanden, war ein sehr netter Mann. Er besuchte uns fast jeden Tag, um sich mit uns über alles Mögliche zu unterhal­ten. Er sprach ein flüssiges, mit Jiddisch vermischtes Deutsch. Ihm ging unsere Arbeit zu langsam. Als ich ihm sagte, das ginge nicht schneller, antwortete er: "Größeren Pinsel, schnelleren Arbeit".

Nach drei Wochen Malerarbeit wurde das Lager nachts geweckt. Feueralarm! Der Bunker, in dem wir malten, brannte. Mein Kollege und ich, aus Sorge, unseren körperlich erträglichen Job zu verlieren, wenn unsere Farben verbrannten, waren sofort zur Stelle. Wir dran­gen in den verqualmten Bunker ein, um unsere Farben zu retten. Wir konnten nur auf allen Vieren vorwärts kommen. Plötzlich wurden wir mit Füßen getreten und zur Tür gewaltsam hinausbefördert. Stark mitgenom­men von dem eingeatmeten Qualm, waren wir dankbar für die frische Luft und sahen erst jetzt, daß ein Feuer-

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wehrwagen am Bunker stand. Nach einigen Minuten kamen auch die mit Gasmasken versehenen Feuerwehr­leute heraus. Sie hatten unsere Farben gerettet. Gott sei Dank! Sie trugen die Farben allerdings zum Fahrzeug, schlössen sie sorgfältig ein und begannen nun erst in aller Ruhe mit der Löscharbeit. Die Farben haben wir nicht mehr wiedergesehen.

Wider Erwarten bekamen wir sofort einen neuen Platz für unsere große Aufgabe, ein leerstehendes kleines Privathaus außerhalb des Lagers, nur 150 Meter vom Lagertor entfernt. Neue Farben wurden von den auf dem Bahnhof arbeitenden Leidensgenossen in Gasmasken­büchsen in großer Menge mitgebracht, aber wahllos: Ölfarben, Lackfarben, Spiritusfarben, Beizen, Pulver­farben, Metallfarben usw. Für die dortigen Ansprüche kamen wir gut damit aus. Zu dieser Zeit etwa erhielten wir einen neuen, einen sehr geschickten, technisch versierten und liebenswerten Kollegen zugeteilt, Pro­fessor Blasius Spreng aus Nürnberg.

Uns drei Malern ging es gut Die sowjetischen Wach­mannschaften entdeckten bald unsere Fähigkeiten. Sie bestellten bei uns lebensgroße Portraits (Schulterstük- ke) nach Fotos von ihren Freundinnen und Bräuten, die sie seit Kriegsbeginn nicht mehr wiedergesehen hatten, ließen uns auf ihre Zigarettenschachteln auf russisch: "Raucht Kameraden!" aufmalen. Viele von ihnen hat­ten Frauen und Kinder im Lager, wir haben auf etwa zehn Kinderkackstühlchen Blümchen gemalt usw. Alles wurde von unseren Auftraggebern gewissenhaft und reichlich mit Lebens- und Genußmitteln bezahlt. Wir bekamen Milch, Fische, Brot, Margarine, Speck, Ziga­retten, ja sogar einmal einen kleinen Ballen Tabakblät­ter, aus dem Blasius Spreng ausgezeichnete Zigarren für uns drehte. Diese russischen Soldaten sind in mei­nem Leben meine einzigen Kunstmäzene gewesen.

Lager isoliert, wir gaben unsere alte Kleidung ab und wurden, nachdem wir gebadet und entwest waren, fast nagelneu eingekleidet. Erst einige Tage später ging der Transport tatsächlich ab, als ich schon nicht mehr an mein Glück glaubte.

Bei der Reise im Viehwagen bekamen wir gute Verpfle­gung, unsere Pritschen hatten Matratzenauflagen. Während der Fahrt durch Polen wurden wir sehr scharf und lückenlos bewacht. Keiner von uns durfte ausstei­gen. Erst in Frankfurt an der Oder stiegen wir nach 5 Tagen Fahrt aus und wurden deutschem Abwicklungs­personal übergeben. Diese Abwicklung dauerte wieder mehrere Tage, und wieder fing ich an zu zweifeln. Aber endlich bekamen wir den Entlassungsschein.

Nach acht Jahren Krieg und Gefangenschaft machte ich wieder eine Reise als Privatmann. Ich war sehr sauber angezogen: Auf dem Kopf eine russische Militärmütze mit hochgebundenen Ohrenklappen, am Körper russi­sches Militärunterzeug, darüber russische Militärwatte­kleidung, an den Füßen amerikanische Militärschnür­stiefel, dazu trug ich einen nagelneuen deutschen Mili­tärmantel mit Koppel und Brotbeutel. Ich kam mir sehr gepflegt und gut angezogen vor.

Am 25. März 1948 erreichte ich am späten Mittag das Wohnhaus Wolfshagener Straße 82 in Berlin-Pankow und klingelte schließlich im 1. Stock an der Tür der Familie Schneider. Der achtjährige Sohn öffnete mir, sah mich mit großen, fast entsetzten Augen an, ließ die Tür offenstehen, rannte in die Wohnung zurück und schrie: "Mammi, ein Russe, ein Russe!"


 


 


Eines Tages kamen wir im Gespräch mit unserem Politruk aufgerechte und ungerechte Kriegsführung", wie er es definierte und wie wir es aus den in allen Lagern angebotenen penetrant langweiligen Antifa- Schriften auch hinreichend kannten, zu sprechen. Dabei entschlüpfte mir, weil ich an die gemeinsame Beset­zung Polens durch Deutschland und Rußland bei Be­ginn des Krieges dachte, eine hämische Bemerkung, über die ich selbst erschrak. Der Politruk verstand aber den Unterton nicht, faßte die Bemerkung sehr positiv auf, umarmte mich spontan und konnte mich nicht genug ob meiner antifaschistischen Einstellung, die ich ja ohnehin seit 1933 hatte, loben. Ich habe mich gehütet, sein Mißverständnis aufzuklären. Einige Tage später erfuhr ich, daß ich zum nächsten Entlassungstransport gehörte. Ich konnte es kaum fassen: Ich sollte frei sein!

Ich wurde mit den anderen Glücklichen vom übrigen

Helmut Thoma


 


 


Heimkehr

Was würde mir der Lebensabschnitt bringen, der nun beginnen sollte? Er schien mir wie eine weiße Lein­wand, auf der ich ein Bild entwickeln sollte, von dessen Aussehen ich nicht die geringste Vorstellung hatte. Am 17. August 1947, an meinem Geburtstag, war Marion an Krebs gestorben. Die Nachricht hatte mich in Kaluga erreicht. Ich muß damals sehr stumpf gewesen sein, so daß ich die Schwere der Nachricht gar nicht begriff. Als aber ein paar Stunden später ein Leidensgenosse, zu dem ich ein freundschaftliches Verhältnis hatte, den Versuch machte, mir beizustehen und mich zu trösten, brach ich zusammen, meine Beine versagten mir den Dienst, und ich weinte.

Bei meiner Heimkehr schien ich mich in besserer seeli­scher Verfassung zu befinden. Eine Freundin meiner Frau, Ellen Marie Erika Schneider, geb. Wechselberg, die ich gar nicht kannte, hatte dafür gesorgt, daß das Atelier in Berlin-Pankow, in dem Marion bis zu ihrem letzten Krankenhausaufenthalt gewohnt und gearbeitet hatte, frei geblieben war. Das Wiedersehen mit dem Atelier ging ohne Erschütterung für mich ab. Als ich aber einige Tage später den Kleiderschrank meiner Frau öffnete und mir der unvergessene charakteristische Duft ihrer Kleider entgegenkam, passierte das gleiche wie in Kaluga. Ich brach zusammen. Der erste Besuch des Grabes meiner Frau verlief dagegen ohne Erschütte­rung, traurig und still. Ich begriff, daß das Glück mit Marion, im Bewußtsein dessen ich Krieg und Gefan­genschaft bis zur Todesnachricht seelisch gut überstan­den hatte, Vergangenheit war. Ich bekam aber bald zu spüren, daß hier verstandesmäßiges Begreifen nicht ausreichte.

Marion hatte bis in die letzten Tage vor ihrem Tod ein Tagebuch geführt. Sie hatte es schon 1945 begonnen, als ich nicht aus dem Kriege zurückkehrte und sie nicht wußte, ob sie mich je wiedersehen würde. Dieses Tage­buch wurde mir einige Wochen nach meiner Heimkehr von Ellen Schneider gebracht. Ich fing sofort an, begie­rig darin zu lesen, ich verschlang es beinahe. Aber schon nach einigen Seiten waren die Erschütterungen, die ich dabei durchmachte, so groß, daß ich immer öfter die Lektüre unterbrechen mußte. Die Liebe, die mir hier entgegenströmte, die Trauer um den fernen Lebensge­fährten, die große und starke Hoffnung, daß am Ende doch noch alles gut und wie früher werden könnte, die Verzweiflung, als ihr die Diagnose Krebs bekannt wurde, schließlich das Sich-fügen in das unvermeidliche Schick­sal und der letzte Hoffnungsschimmer, daß sie mich vielleicht noch kurz vor ihrem Tode wiedersehen könnte, dann endlich noch der Verzicht auf diese letzte Hoffnung und der sehnsüchtige Wunsch zu sterben, bevor ich heimkehrte, damit das strahlende Erinne­rungsbild an sie, das ich vom letzten Urlaub in den Krieg mitgenommen hatte, nicht von dem Anblick der vom Tode Gezeichneten getrübt werde - all dies breitete das Tagebuch innerhalb weniger Stunden vor mir aus. Hilf­los, voller Schmerz und voller Erschütterungen stand ich in meinem Pankower Atelier herum und war unfä­hig, irgendetwas zu tun, um mich abzulenken. Ich war wohl nie im Leben so betäubt.

Seitdem sind über dreißig Jahre vergangen, und ich habe in dieser langen Zeit zwar das Tagebuch oft in der Hand gehabt, aber nicht mehr gewagt, darin zu lesen. Jetzt, da ich mit meiner Niederschrift beschäftigt bin, habe ich es wieder aufgeschlagen, um das Datum der ersten Eintragung festzustellen. Die vertrauten Schrift­zeichen, die mich durch die fünf langen Jahre des Krieges ständig begleitet hatten, nahmen mich sofort gefangen. Aber schon nach einigen Seiten mußte ich aufhören zu lesen, weil mich die gleiche starke Erschüt­terung wie bei der ersten Lektüre wieder lähmte.

1944, in meinem letzten Urlaub, habe ich Marion zum letztenmal gesehen. 1948 las ich das Tagebuch zum erstenmal. Heute, mehr als dreißig Jahre später, ist mir eine Distanz zu diesen Aufzeichnungen immer noch nicht möglich. Ich fürchte, daß ich sie nie wieder lese, obgleich ich mir wünschte, es einmal in Ruhe und ohne Aufregung tun zu können. Ich begreife mich dabei selbst nicht.

Ich habe in Marions Freundin meine zweite Frau gefun­den, und die beiden Ehen gleichen sich nach der langen Zeit in meinem Bewußtsein so, daß ich keinen Unter­schied empfinde. Das geht so weit, daß ich beinahe glaube, nur eine einzige Ehe eingegangen zu sein. Meine beiden Frauen sind zu einer einzigen Person in meinem Bewußtsein verschmolzen. Die Existenz und die Kraft des Tagebuches sind jedoch stark und korri­gieren mich. Trotzdem will es mir immer wieder schei­nen, als stamme es aus einem anderen, einem früheren Leben, das ich noch in meiner Erinnerung habe, das aber mit den letzten Eintragungen des Tagebuches von meinem jetzigen Leben abgetrennt wurde, jedoch durch geheimnisvolle Fäden, die ich nicht mehr ganz begreife, mit meinem jetzigen Leben verbunden bleibt. Der Krieg und Marions Tod haben mein Leben in zwei Teile gerissen. Diese verstandesmäßig wieder zusammenzu­fügen, übersteigt anscheinend meine Erinnerungskraft und mein Vorstellungsvermögen.

Trotz allem stellte sich nach meiner Heimkehr bald eine gewisse Zufriedenheit ein. Ich war frei und voller Erwartung. Ich war bereit, in einem Erdloch ein Königreich zu eröffnen. Ich hatte mein Atelier, in dem ich schon nach drei Tagen zu arbeiten anfing. Ich hatte Marions Freundin, die im gleichen Haus wie ich wohnte und einen achtjährigen Sohn hatte, jemanden, der mir

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sofort half, das Äußere meines Lebens in Ordnung zu bringen. Ich besuchte sogleich meine Tutoren aus der Referendarzeit, Otto Möller und Paul Kuhfuß. Ein Brief des Direktors einer Reinickendorfer Schule war schon mehrere Wochen vor meiner Heimkehr angekommen. Ich fand ihn in meinem Atelier und erfuhr, daß die Studienratsstelle meiner verstorbenen Frau Marion noch vakant sei und für mich freigehalten werde. Ich spürte, wie mich dieses Angebot verlockte, auf diesem einfa­chen Wege - sozusagen von heute auf morgen - für mich geordnete Verhältnisse zu schaffen. Dagegen gesehen, schien mir der Weg des freien Künstlers sehr viel beschwerlicher. Was mich dabei erwartete, konnte ich nicht übersehen, aber ich ahnte, daß ich als Maler vor einer hoffnungslos schwierigen Aufgabe stehen könnte. Ich hatte acht Jahre nicht mehr intensiv und regelmäßig künstlerisch gearbeitet. 15 Jahre lang, von 1933 bis 1948, in der Zeit der Naziherrschaft, des Krieges und der Gefangenschaft, hatten mir Informationen über die Entwicklung und den Stand der europäischen Kunst nicht mehr zur Verfügung gestanden. Es war nicht schwer, meinen Riesennachholbedarf zu erkennen und daraus zu schließen, daß ich viel Zeit dafür brauchen würde. Und diese Zeit mußte auch finanziell überstan­den werden. Sollte ich hierzu die Studienratsstelle annehmen? Ich wußte jedoch aus Erfahrung, daß die Erziehungs-, Lehr-, Lern- und Arbeitsvorgänge in der Kunstpädagogik zwar anhand künstlerischer Phänome­ne praktiziert werden, im wesentlichen aber doch auf pädagogische Ziele gerichtet sind. Die Entscheidung für den Schuldienst würde mich also zwingen, wieder wie vor dem Kriege ein Leben zwischen Kunst und Pädagogik zu führen, wobei der Pädagogik naturgemäß ein hoher Stellenwert zugestanden werden mußte. Seit Beginn des Krieges hatten mich solche Gedanken nicht mehr beschäftigt. Und jetzt, kaum daß ich mein Panko­wer Atelier wieder betreten hatte, tauchten sie auf.

Der Gedanke, daß ich mich entscheiden müsse, beunru­higte mich schließlich. Wichtige Entscheidungen für meine Zukunft hatte ich seit 1940 nicht mehr zu treffen brauchen. Ich war nie so frei gewesen wie jetzt. Krieg und Gefangenschaft waren beendet, für das weitere Leben lag nichts fest Nur zwei Möglichkeiten waren zu sehen: Schuldienst oder freier Künstler. So sah also die Freiheit aus: Je vollkommener die Freiheit, desto zwin­gender muß man sich entscheiden, eine Bindung einzu­gehen. Im Leben gibt es anscheinend keine absolute Freiheit. Man weiß immer nur, wovon man frei sein möchte. Ich war frei von den Zwängen des Krieges und der Gefangenschaft. Aber schon unterlag ich einem neuen Zwang, nämlich zu entscheiden, was ich nun tun sollte. Und wenn ich mich jetztauch frei entschied, nach meiner Neigung entschied, sah ich schon den Zwang auf mich zukommen, den gewählten und eingeschlagenen Weg konsequent zu verfolgen bis zu seinem Ende, bis zu einer Wegegabel oder zu einem Wegekreuz, wo man wieder die Freiheit und den gleichzeitigen Zwang hat, sich zu entscheiden. Diesmal wurde mir die Entschei­dung beinahe abgenommen. Ich bekam ein verlocken­des Angebot. Ich konnte es nur erleichtert annehmen.

Mein Lehrer aus der Studienzeit, Georg Tappert, war inzwischen an die frühere Kunstschule Schöneberg zurückgekehrt, hatte sie als Abteilung Kunstpädagogik an die Hochschule für bildende Künste angeschlossen, fungierte als Abteilungsleiter und war gleichzeitig stell­vertretender Direktor der Hochschule. Er hörte von meiner Rückkehr durch Möller, der auch inzwischen an dieser Abteilung als Professor Malen und Zeichnen lehrte. Tappert, der sich sein Leben lang sehr engagiert um die Kunsterziehung gekümmert hat, suchte gerade einen Kunsterzieher für einen Zweijahreskursus für Volksschullehrer. Er bestellte mich zu sich, und wir wurden sofort einig. Ich wurde dann einen Monat später rückwirkend zum 1. April 1948 im Angestelltenverhält­nis eingestellt. Um Geld brauchte ich mich nicht zu kümmern. Einer meiner Schüler vom Luisenstädtischen Realgymnasium, der inzwischen ein gutgehendes Anti­quitätengeschäft besaß, besuchte mich kurz nach mei­ner Rückkehr. Er bot an, mir Geld in beliebiger Höhe zu leihen oder auch zu schenken. Ein Kriegskamerad, der in Hamburg eine Brotaufstrichfabrik aufgemacht hatte, erfuhr bei einem geschäftlichen Besuch in Berlin von meiner Rückkehr, besuchte mich und schenkte mir eine Riesenbeutel Fischeiweiß, mit dem ich jede Mahlzeit anreicherte. Innerhalb von drei Wochen waren dadurch meine schweren dicken Wasserbeine, dieses sehr beun­ruhigende Mitbringsel aus der sowjetischen Gefangen­schaft, verschwunden. Mein Leben hatte sich beinahe von selbst normalisiert. Ich kam zur Ruhe.

Ich hatte drei Jahre nicht mehr gemalt. Zuletzt hatte ich während des letzten Kriegsjahres an einem Weichsel­brückenkopf und später in den Beskiden aquarelliert. Alle Aquarelle, die während des Krieges entstanden, hatte ich zu Marion geschickt. Meine Briefe waren fast immer mit Zeichnungen versehen. Diese Briefe und auch die Aquarelle, ebenso alle Arbeiten der Vorkriegs­zeit, die ich für gut hielt und in meinem ersten Rußlan­durlaub aussortiert hatte, wurden, als die Fliegerangrif­fe auf Berlin gefährlich wurden, von Marion zu meinen Eltern nach Neisse gebracht. Als sich die Front Neisse näherte, brachte meine Mutter die Arbeiten mit einem Handwagen in ein kleines Dorf. Nachdem die Kriegs­walze Neisse überrollt hatte, wollte meine Mutter die Arbeiten wieder abholen, fand aber nur noch Reste davon in den Pfützen der regendurchweichten Dorfstra­ße. Russische Panzer und Troßkolonnen fuhren darüber weg. Russen hatten Quartier gemacht und kurzerhand meine Arbeiten aus dem Fenster auf die Straße gewor­fen. Ich wunderte mich kaum darüber. Ich hatte noch in den Beskiden gesehen, wie deutsche Soldaten in einer Dorfkirche die Holzschnitzereien der Ikonostase zer­hackt hatten - zum Feuermachen.

Helmut Thoma


 


 


In der Gefangenschaft hatte ich auch erfahren, daß mein Vater gestorben war. Jetzt erfuhr ich Näheres darüber. Er war am 14.5.1946 gestorben.

Meine Eltern hatten sofort, nachdem die Kriegsereig­nisse um Neisse abgeebbt waren, wieder angefangen zu schneidern. Sie hatten alsbald alle Hände voll zu tun, um aus alt neu zu machen. Ein Jahr nach Kriegsende konnten sie schon wieder sorgenfrei leben. Ihr einziger Kummer war, daß sie von ihren vier Söhnen noch kein Lebenszeichen bekommen hatten. Eines Nachts wur­den in ihrer Parterrewohnung mit Äxten die Fenster­scheiben und -kreuze zerhauen, und zwei mit Pistolen bewaffnete, polnisch sprechende Männer drangen in die Wohnung ein, zerrten meine Eltern aus den Betten, schlugen meine Mutter besinnungslos und mißhandel­ten meinen Vater, der sich wehrte, mit Fußtritten, bis er wehrlos liegenblieb. Dann plünderten sie die Wohnung, luden den mitgebrachten LKW voll und verschwanden. Kein Mensch weiß, wer die Rowdies waren, keiner war zu Hilfe gekommen, weil solche Barbareien zur Tages­ordnung gehörten und es lebensgefährlich war, sich einzumischen.

Mein Vater hatte schwere innere Verletzungen an Leber und Galle erlitten. In seinen Todesphantasien hatte er manchmal die Halluzination, daß seine vier Söhne aus dem Krieg zurückgekehrt seien und sich in seiner Wohnung befänden. Sie sollten an sein Bett kommen, wünschte er sich in hellen Momenten. Meine Mutter hat mir später mehrere Male tränenreich berichtet, wie sie ihn immer wieder mit der Notlüge, wir seien nur für kurze Zeit in die Stadt gegangen, zu beruhigen versuchte. Er starb einige Tage nach dem Überfall.

Meine Mutter siedelte 1947 nach Königstein im Taunus über, wo sich meine Brüder Alfred und Hans bereits niedergelassen hatten. Dort besuchte ich sie noch ein­mal. 1950 starb sie an einem Herzschlag. Auch sie hat nicht mehr erlebt, daß sich das Leben ihrer vier Söhne wieder in geordnete Bahnen fand.

Wenn mir auch nach meiner Heimkehr das Leben sofort wieder lebenswert schien, in meiner Malerei wirkte sich mein Hochgefühl nicht aus. Ich stand unter sehr gegen­sätzlichen Zwängen. Einerseits wollte ich sofort arbei­ten und versuchte, an meine unbefangene Art der Vor- kriesgzeit anzuknüpfen, reiste nach Hiddensee und auf die Insel Rügen, um mich von Landschaftserlebnissen anregen zu lassen. Andererseits merkte ich, daß sich nicht nur mein Weltbild durch die Kriegserlebnisse verändert hatte, sondern daß auch viele Veränderungen in der zeitgenössischen Kunst, besonders in Frankreich und den USA, aber auch in Deutschland vorgegangen waren, die ich überhaupt nicht hatte registrieren kön­nen, weil die unsinnige Kunstpolitik der Nazizeit, der

Krieg und die Gefangenschaft jede Einsicht in die in- und ausländische Kunstentwicklung unterbunden hat­ten. Ich hatte also vieles nach- und aufzuholen, was in den letzten 15 Jahren passiert war. Ich mußte dies tun, um meinen eigenen Standort als Maler zu finden. Ein langer Weg lag vor mir, länger, als ich ahnen konnte.

Schon in dem kleinen Skizzenbuch, das ich im letzten Jahr der Gefangenschaft aus zufällig gefundenen Papie­ren zusammengebastelt hatte und in dem nur unbedeu­tende Zeichnungen enthalten sind, sind einige Blätter zu finden, die meinem früheren so selbstverständlichen, unproblematischen Verhältnis zur sichtbaren Natur widersprachen. Jetzt, wo ich wieder über normale Ar­beitsbedingungen, ein Atelier und hinreichend Farben und Material verfügte, wurde die in mir vorgegangene Veränderung in jedem Bild sichtbar. Ich fing an, den Gegenstandzu zerstückeln und in verschiedenen Aspek­ten darzustellen. Der Raum, in dem die Dinge stehen, wurde zugunsten der Fläche zurückgedrängt Jede Schein­wirklichkeit wurde verbannt. Die Realität des Bildes wurde mir wichtig. Auch die menschliche Figur, die mich immer sehr interessiert hat, wurde zerlegt und schließlich nur noch geometrisch-symbolhaft darge­stellt. Sie verfestigte sich schließlich im Zeichenhaften. Die sichtbare Natur war mir verdächtig geworden.

Sicher hat zu dieser Entwicklung auch eine gewisse Abscheu vor jeder naturalistischen Einstellung beige­tragen, eine Abscheu, die sich in mir gebildet hatte, als ich in Brest-Litowsk im Gefangenenlager die beiden Schauwände mit der russischen Generalität und dem Obersten Sowjet zu malen geholfen hatte. Dort wurde uns ein ganz und gar penetranter Naturalismus abver­langt.

Eine seit 1955 auftretende Wendung zum Malerischen, die schließlich in Bildern kulminierte, die nur noch aus Farbflecken bestanden, ja sogar tachistisch wirkten, bahnte eine Entwicklung zu Bildern an, die nur noch von schriftzeichenartigen Pinselzügen und sehr zurück­haltenden Farben lebten.

Mein Atelier lag in Berlin-Pankow, also im Ostsektor Berlins. Zwei Wochen nach meiner Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft nahm ich Verbindung mit dem Pankower Kunstamt auf. Ich erfuhr dort einiges, z.B. daß eine Arbeitsgemeinschaft für Aktzeichnen bestand, an der ich sofort teilnahm, daß jede Woche ein Diskus­sionsabend stattfand und daß auch Ausstellungen ge­macht wurden. Die Diskussionsabende drehten sich immer um den Sozialistischen Realismus. Als ich be­griffen hatte, was darunter zu verstehen war, beteiligte ich mich mitEifer an dieser Diskussion, um meinen Teil dazu beizutragen, daß sich dieser Unsinn nicht allzu­weit ausbreitete. Es war mir klar, daß hier ähnliche

Mein Leben - Eine Collage


 


 


Nichtkunst propagiert wurde wie in der Nazizeit mit der völkischen Blut-und-Boden-Kunst. Ich eckte an und fand auch viel Zustimmung und sogar einige Freunde. Dann kam die Spaltung Berlins. Ich hatte schon einige Bilder zustandegebracht und gab sie zu einer Ausstel­lung in einer Pankower Schule. Ausstellungsbesucher sollen sich vor meinen Bildern in die Haare geraten sein bei der Frage, ob man heutzutage überhaupt so malen dürfe. In den Kunstdiskussionen wehte ein zunehmend schärferer politischer Wind, und ich wurde zum Reak­tionär gestempelt, der gegen den "Fortschritt" war. Das tat mir weiter nicht weh, aber ich sah, daß auch hier wieder die Politik die Kunst bestimmte. Nur inhaltlich­politische Argumentation war gefragt, formal-gestalte- rische Aspekte schienen nicht zu existieren, wurden auch gar nicht verstanden. Die Diskussionsleiterin, eine Altkommunistin namens Gärtner-Scholle, schwadro­nierte alles nieder, was nicht in die Parteilinie paßte. Es war das beste, Pankow zu verlassen. Ich hatte dazu noch einen zweiten Grund, die große Entfernung zur Abtei­lung Kunstpädagogik in Berlin-Schöneberg. Ich be­schloß umzuziehen.

Aber das war damals keineswegs einfach. Ich brauchte für West-Berlin eine Zuzugsgenehmigung, die ich auch bekommen konnte, weil ich dort einen Arbeitsplatz hatte. Aber diese Genehmigungen waren kontingentiert und überhaupt nicht zu bekommen. In den zuständigen Dienststellen wurde ich gefragt, ob ich in Ost-Berlin unter politischen Pressionen oder ähnlichem zu leiden hätte. Man legte Wert darauf, daß möglichst viele solcher Leute wie ich drübenblieben. Zuzugsgenehmi­gungen waren vom Nachweis einer Wohnung in West- Berlin abhängig, eine Wohnung andererseits wurde nur dann zugewiesen, wenn man im Besitz einer Zuzugsge­nehmigung war. Diesen Teufelskreis zu durchbrechen gelang mir erst, als ich erfahren hatte, daß man Zuzugs­genehmigungen für zweihundert Mark pro Stück "kau­fen" konnte. Der Umzug ging glatt.

neues Domizil war eine Wohnung in der Regensburger Straße 29 in Wilmersdorf, die aus einem großen Atelier und drei winzigen Räumen bestand. Für uns drei begann hier ein neuer Lebensabschnitt. Wir sind sehr schnell zu einer Familie zusammengewachsen. Und ich kam nun endlich wieder zur Ruhe und fühlte festen Boden unter den Füßen.

Das Atelier in der Regensburger Straße ist ausreichend groß mit seinen 38 Quadratmetern, seiner Höhe von sechs Metern und seinem mehr als 3x4 Meter messen­den senkrechten Fenster. Es liegt im dritten Stockwerk. In ihm führt eine Treppe zur Wohnung im vierten Stock.

Die Wohnung war zu klein und zu primitiv. Die drei kleinen Dachräume besaßen nur kleine Dachluken als Fenster. Ein Badezimmer existierte nicht Die Toilette war in einem primitiven Verschlag in den angrenzenden Bodenräumen untergebracht, zusammen mit der einzi­gen Wasserleitung mit Ausguß. In zwei Räumen und im Atelier standen primitive Kanonenöfen, die viel Arbeit und Gestank machten.

Wenige Jahre nach unserem Einzug haben wir die Wohnung in die anschließenden Bodenräume erweitert, so daß jetzt ein weites Wohnzimmer, ein Bad mit Toilette, eine geräumige Küche, ein ausreichendes Schlafzimmer, eine Werkstatt, sogar ein sechs Quadrat­meter großer Balkon und große, schräge Dachfenster vorhanden sind. Im Parterre haben wir viel später noch zwei Räume als Bilderlager hinzumieten können. Sie sind für mein Atelier, das immer zuzuwachsen droht, eine wohltuende Entlastung. Die Kanonenöfen sind schon lange abgeschafft. Wir heizen mit Gas. Wir fühlen uns sehr wohl und zufrieden in dieser Wohnung, und obwohl das Haus keine Fahrstuhl besitzt, wünschen wir uns keinen Umzug mehr.


 


 


Zuvor hatte ich noch einen Entschluß zu fassen, der mir leichtfiel. Zu Ellen Schneider, der Freundin meiner verstorbenen Frau Marion, hatten sich inzwischen enge Bindungen ergeben. Aus einer Laune heraus hatte ich sie einmal Cornelia genannt. Wir sind bei diesem Namen geblieben, so daß viele unserer Freunde ihren Taufna­men gar nicht kennen. Cornelia also wollte auch nach West-Berlin mit ihrem Sohn umziehen, auch ich war dafür. Aber sie konnte keine Zuzugsgenehmigung be­kommen, weil sie in West-Berlin keine Arbeitsstelle hatte. Das einfachste war also, daß wir heirateten; dann konnten wir, sobald ich meine Zuzugsgenehmigung hatte, zusammen umziehen. Wir heirateten am 13. September 1950. Am 27. Dezember bekam ich die Genehmigung, die bis 31. Dezember befristet war. Am Silvestertag zogen wir bei 20 Grad Kälte um. Am Brandenburger Tor wurden wir nicht einmal kontrol­liert, wahrscheinlich wegen der klirrenden Kälte. Unser

Helmut Thoma


 


 


Cornelia

Darm, das sich selbst geöffnet hatte. Nach der Rückkehr nach Berlin unterzog sich Cornelia einer Operation und konnte sich anschließend rasch erholen.


Cornelia, meine zweite Frau, geboren am 7.7.1913 in Rehdorf bei Königsberg in der Neumark, ist approbierte Apothekerin und hat diesen Beruf bis zu ihrer Arbeits­unfähigkeit ausgeübt. Bald nach unserem Kennenler­nen erzählte sie mir, daß sie von Geburt an an einer Aortenstenose litte, die nicht operativ beseitigt werden könne, und unter der sie sehr zu leiden habe. Ihre Lebenserwartung betrage nach Meinung der Ärzte nur noch wenige Jahre. Die Ärzte wunderten sich darüber, daß sie noch arbeiten konnte. Auch nach unserem Umzug nach West-Berlin arbeitete sie bald wieder in einer Apotheke.

Ihr Vater war bis zur Flucht Verwalter eines großen Gutes in Rehdorf. Cornelia verbrachte ihre Kindheit in diesem Dorf, wurde zusammen mit ihrem Bruder von einer Privatlehierin unterrichtet, bis sie 1926 nach Berlin zu Verwandten übersiedelte, um die höhere Schule und die Universität zu besuchen. Sie war in erster Ehe mit dem Apotheker Kurt Schneider verheiratet, verbrachte einen großen Teil der Kriegszeit mit ihrem Sohn Heinz- Jürgen wegen der Bombenangriffe in ihrem Heimatdorf und hat schließlich die Flucht mit ihrer Familie und die Einnahme von Berlin überlebt. 1945 starb ihre Mutter an Krebs. Ihren Vater haben wir 1958 begraben. Ihr Sohn lebt seit 1974 als freier Schriftsteller mit Frau und Tochter auf Teneriffa. Ihr Bruder ist Landarzt in Ardorf in Ostfriesland in der Nähe von Aurich.

In den Bombennächten hatte Cornelia im Luftschutz­keller Marion kennengelernt. Im letzten Kriegsjahr hatte sich zwischen ihnen eine innige Freundschaft entwick­elt. Marion hat während ihrer langen Krankheit viel Hilfe und seelischen Beistand von Seiten Cornelias und ihres ersten Mannes erhalten. Die erste Nachricht von Marions Tod erhielt ich von Cornelia.

1954 erkrankte Cornelia an einer Sepsis, deren Ursache nicht erkannt wurde. Sie wurde nur dadurch vor dem Tode gerettet, daß schon das Penicillin entdeckt war. Nach vielen Wochen Krankenhausbehandlung war sie so geschwächt, daß sie nicht mehr gehen konnte.

1955  hatte sie sich wieder etwas gekräftigt und äußerte den Wunsch, in irgendeinen südlichen Ort zu reisen. Unser Hausarzt, den ich um Rat fragte, meinte, ich solle ruhig mit ihr reisen, es sei vielleicht ihr letzter Wunsch, den ich ihr noch erfüllen könne. Wir reisten dann im Sommer nach Cres auf die Adria-Insel gleichen Na­mens, von der später noch ausführlich zu berichten sein wird, und verlebten dort drei sehr schöne Monate unter südlicher Sonne am Meer. Dort wurde auch der Grund für Cornelias Krankheit entdeckt - ein Geschwür im 1960 hatte sich Cornelias Gesundheitszustand jedoch wegen der Aortenstenose wiederum sehr verschlech­tert. Wir mußten einen Facharzt konsultieren. Unsere Wahl fiel auf Professor Dr. Otto Bayer, Internist und Chefarzt im Moabiter Krankenhaus, der uns seitdem, also schon seit 25 Jahren, beide ärztlich betreut, so daß wir mit ihm nahezu unzertrennlich verbunden sind. Durch seinen Rat, eine Operation vornehmen zu lassen, hat er Cornelia sicher das Leben gerettet. Die Operation unter der Herz-Lungen-Maschine wurde 1961 im We- stend-Universitäts-Klinikum von Prof. Dr. Lindner ausgeführt. Sie war inzwischen möglich geworden, weil die medizinische Forschung Aortenprothesen aus Kunst­stoff entwickelt hatte. Nach dieser Operation trat eine erhebliche Besserung in Cornelias Gesundheitszustand ein, so daß sie sogar im darauffolgenden Jahr eine Apotheke pachtete und sie schließlich kaufte. Ihr war dabei die Apotheke weniger wichtig, als daß sie sich selbst den Beweis erbringen wollte, daß sie wieder voll arbeitsfähig war. Aber allmählich verschlechterte sich ihr Zustand wieder so erheblich, daß sie die Apotheke verpachtete und sich 1973 nochmals zu einer Operation entschloß. Die Untersuchung ergab, daß sich eine ihrer Herzklappen verformt hatte, so daß diesmal eine Aor­tenklappenstenose vorlag. Auch diese wurde - unter noch schwierigeren Umständen - durch eine Operation behoben, die die Professoren Bücherl und Nassari - wieder im Westend-Universitäts-Klinikum - durchführ­ten. Cornelia trägt seitdem eine künsüiche Herzklappe und einen Schrittmacher.

1977 waren wir wieder wie allsommerlich auf der Insel Cres. Eines Tages ging es Cornelia schlecht. Sie stellte fest, daß der noch ziemlich neue Schrittmacher nicht mehr voll arbeitete. Er war kaputt. Innerhalb von zwei Stunden hatten wir das Nötigste ins Auto gepackt und waren eineinhalb Tage später in Berlin im Moabiter Krankenhaus, wo der Schrittmacher ausgewechselt wurde. Nun trägt sie schon den vierten, und es ist erstaunlich, wie gut es ihr heute noch geht

Für mich ist Cornelia immer wieder erstaunlich und bewundernswert. Sie hat viel durchmachen müssen, aber sie hat immer ein festes Durchstehvermögen be­wiesen und einen erstaunlichen Mut und Instinkt ge­zeigt, sich in scheinbar aussichtslosen Situationen rich­tig zu entscheiden. Dadurch hat sie es mir auch immer leichtgemacht, ihr zu helfen. Ich habe nie ernsthaft gefürchtet, daß eine ihrer Operationen negativ ausge­hen könnte.

Als ich aus der Gefangenschaft zurückkehrte, war

Mein Leben - Eine Collage


 


 


Cornelia 35 Jahre alt. Seitdem sind wieder 35 Jahre ver­gangen. Eine lange Zeit, eine lange gemeinsame Zeit. Und das Schönste daran war, daß wir fast alles gemein­sam tun konnten, wie wir beide meinen. Und da ich hier meinen Lebenslauf zu beschreiben versuche, muß ich auch deutlich sagen, daß in dieser langen Zeit mein Leben mit Cornelias Leben so eng verbunden war, daß rückblickend nichts, gar nichts ohne Cornelia mir vor­stellbar ist. Das gilt sogar für meine Malerei. Gerade meine künstlerische Arbeit verdankt ihr viel. Ich kann nur arbeiten, wenn mein äußeres Leben in Klarheit, Übersicht und Ruhe verläuft Cornelias Stetigkeit hat mir da sehr geholfen, ebenso ihr Verständnis, mit dem sie meine Eigenarten und Schrullen hingenommen, den Haushalt geführt und auch die häusliche Büroarbeit mir abgenommen hat. Sie kann mit Geld umgehen, ich nicht. Ich habe in beiden Ehen gespürt, daß es nicht ganz einfach ist, mit mir zu leben. Schuld daran ist dieses dauernde Doppelleben, das ich geführt habe. Ich habe immer mit meiner Zeit gegeizt, weil ich nie von der Malerei gelebt habe, also neben meinem Beruf als Maler immer noch einen Brotberuf zum Geld verdienen haben mußte. Ich muß freimütig zugeben, daß diese Brotberufe (Kunsterzieher, Hochschullehrer) nicht unbedingt neben meinen Neigungen lagen, aber die Zeit für die künstlerische Arbeit schien mir immer zu knapp zu sein. Das hat sich auch bis heute nicht geändert, wo ich doch jetzt im Ruhestand von meinem Brotberuf befreit bin und Zeit genug für die Malerei haben müßte. Aber eben deswegen, weil ich Freizeit im landläufigen Sinne nie gekannt habe, fällt es mir selbst im Ruhestand schwer, mich auch nur zeitweilig von der künstleri­schen Arbeit zu trennen. Und das kann einen leicht in den Verdacht bringen, die Arbeit höher zu schätzen als die Gemeinsamkeiten mit den Mitmenschen. Ich weiß das, kann aber oft nichts dagegen tun. Auch zum Reisen verspüre ich meistens wenig Lust. Erholungsreisen, wie sie jeder normale Mensch durchführt, verabscheue ich, und wenn sie schon nötig sind, nehme ich mir meine Arbeit mit. Cornelia reist gern, sieht gern Museen und Ausgrabungen, wie ich auch. Aber wenn sie nicht ener­gisch die Initiative ergreift, wäre es nicht zu solchen gemeinsamen Reisen gekommen, wie nach Paris, nach London, nach Italien, nach Kreta, nach Sizilien usw., die mir selbstverständlich dann auch viel Freude mach­ten.

In Marion, meiner ersten Frau, hatte ich eine Lebensge­fährtin gefunden, mit der das Zusammenleben so har­monisch war, daß ich mir nichts Vollkommeneres vor­stellen konnte. Die Erinnerung daran hat mir über Krieg und Gefangenschaft hinweggeholfen, bis ich 1947 die Todesnachricht erhielt. Meine Abgestumpftheit zum Zeitpunkt meiner Heimkehr war sicher größer, als ich selbst wahrnehmen konnte. Wieviel Cornelia mir ge­holfen hat, meinen physisch und psychisch desolaten Zustand zu überwinden und wieder festen Boden unter meine Füße zu bekommen, ist nicht hoch genug anzu­setzen. Durch sie scheint die Zäsur, die mein Leben durch Krieg, Gefangenschaft und Marions Tod erfuhr, so weitgehend ausgeglichen, daß ich die davor und danach liegende Zeit nicht mehr unterschiedlich emp­finde. Meine erste und meine zweite Frau, Marion und Cornelia, sind mir zu einer zeitlichen, ja sogar zu einer physischen Kontinuität zusammengewachsen. Dabei sind sie sehr verschieden, nicht nur vom Habitus und von ihren Berufen her.

An meiner Arbeit hat Cornelia immer starken Anteil genommen. Sie hat aber nie den Versuch gemacht, zu zeichnen oder zu malen. Ich wundere mich selbst darü­ber, daß ich es nie geschafft habe, sie davon zu überzeu­gen, daß auch sie gestalterische Fähigkeiten wie jeder Mensch besitzt. Schließlich habe ich in meinem Leben vielen Jugendlichen und Erwachsenen über diese Klip­pe hinweggeholfen. Aber eines Tages fand Cornelia doch einen Einstieg. Sie hatte plötzlich den Wunsch, weben zu lernen. Sie lernte es sehr schnell. Sie fand in meiner Hochschulkollegin Marianne Meyer-Weißger­ber eine hilfreiche Mentorin, die ihr die Technik schnell und sicher beibrachte und ihr eine Übersicht über die Möglichkeiten der Weberei verschaffte. Nach einiger Zeit des Übens wollte Cornelia schließlich Bilder we­ben. Die Entwürfe sollte aber ich machen.

Da ich in meiner Studienzeit in Breslau die Weberei bis zu einem gewissen Grade erlernt hatte, kenne ich die Schwierigkeiten der Bildweberei, auch ihre gewisse Fragwürdigkeit. So beneide ich z.B. nicht die Weber, die die Entwürfe großer Maler sklavisch textiltechnisch kopieren und gleichzeitig vergrößern müssen. Das ist eine stumpfsinnige Arbeit, die durch das Resultat nicht immer gerechtfertigt wird. Die Entwürfe sind oft sogar textilfeindlich.

Ich habe mich bemüht, den Entwurf immer unter Be­rücksichtigung des webtechnischen Vorgangs zu ent­wickeln. Das Motiv wurde mit Cornelia gemeinsam gefunden, indem ich ihre Vorschläge zunächst in flüch­tigen Bleistiftskizzen realisierte, um dann einen davon auch farbig zu entwerfen. Allerdings habe ich diese farbigen Entwürfe niemals bis zur Endgültigkeit getrie­ben, sondern sie im Sinne einer Arbeitsanweisung, eines Planes angefertigt, so daß die Form der Farbfelder festlag, der Farbton aber weitgehend offenblieb. Nach Fertigstellung dieser Anweisung - die immer in Origi­nalgröße erfolgte - besprachen wir dann zusammen die Farbigkeit und suchten die Farbtöne für die einzelnen Felder aus.

Das Material hat Cornelia zusammen mit ihrer Mento­rin ausgewählt und gekauft. Sie hat ein Wollsortiment von insgesamt etwa 100 Farbtönen, mit denen man gut auskommen kann.

Helmut Thoma


 


 


Erstaunlich sind die Resultate der Arbeitsteilung. Ich kenne meine unbedeutenden Entwürfe nicht wieder. Die Webereien sind von einer überzeugenden Farbig­keit. Außerdem kommt schon durch die Gemeinsamkeit der Arbeit eine gewisse andere Mentalität in die Ent­würfe, und ihr Durchgang durch die Hände der Weberin verwandelt sie vollends.

Auf diese Weise sind wir nun auch durch einen kleinen Zipfel der Kunst miteinander verbunden, und wir haben oft eine diebische Freude daran, daß die Webereien vielen unserer Freunde mehr zusagen als meine Bilder.

1981 hat Cornelia ihre Apotheke verkauft Für den Erlös erstand sie in San Andres auf Teneriffa ein Haus. Dort wohnt auch ihr Sohn aus erster Ehe, Heinz-Jürgen Schneider, mit seiner Frau Elke und der Tochter Anja.

San Andres ist noch ein echter spanischer Ort ohne Tourismus, hat ca. 4000 Einwohner und ist ein originel­les Gemisch aus Kleinstadt und Dorf. Es gehört verwal­tungsmäßig zu Santa Cruz, liegt aber sechs Kilometer davon entfernt am Ausgang zweier Barancos. Es besitzt einen großen Badestrand und einen kleinen Fischerei­hafen.

gezeichnet bekommen, obgleich wir im Haus und im Garten viel Arbeit zu leisten hatten. Besonders auf Cornelia hat sich das Klima gut ausgewirkt. Ich habe sie noch nie so lange Zeit so beschwerdefrei und gesund erlebt wie auf Teneriffa. Das ist eine wichtige Feststel­lung. Sie könnte in einigen Jahren große Bedeutung bekommen.

Die Insel Teneriffa ist nahezu exotisch, wenn man sie mit Cres vergleicht. Sie ist auch in einem anderen Sinne anregend als Cres. Der ausgeglichene Jahresablauf, die geringen Luftdruckschwankungen und die nahezu immer gleiche Farbigkeit der Landschaft wirken auf uns sehr beruhigend, fast heilend. Die Anregungen dieser Insel sind infolgedessen vergleichsweise sanft, nur die sicht­baren Spuren der vulkanischen Vergangenheit, die Berg- und Gesteinsformationen und die riesigen Lavafelder, strahlen Aggressivität aus. Wenn der Himmel bewölkt ist, zeigt er oftmals weiße Schönwetterwolken und dunkle bis schwarze Regenwolken gleichzeitig. Diese für mich neue Welt von Teneriffa hat sich sofort verän­dernd auf meine Arbeit ausgewirkt, und ich zweifle nicht daran, daß auch diese Insel für meine Arbeit fruchtbar werden kann.


 


 


Unser Haus liegt nahezu neben dem Haus unseres Sohnes. Ein Grundstück von 500 Quadratmetern Größe, das uns noch trennte, hat Cornelia ebenfalls gekauft und unserem Sohn geschenkt. Beide Häuser sind jetzt durch Wege und Treppen miteinander verbunden. Da unser Haus mit allem Inventar erstanden wurde, haben wir es verhältnismäßig schnell nach unseren Wünschen verän­dern können. Von den Fenstern und von der Terrasse aus können wir das Meer, das Dorf und einen Baranco mit seinen bizarren Bergzügen sehen. Jeden Morgen und Abend sehen und hören wir die Ziegenherde durch das Tal zotteln und bimmeln. Früh hört man viele Hähne krähen. Wir leben tagsüber in einer gedämpften Ge­räuschkulisse, bestehend aus Kindergeschrei, Hunde­gebell, Eselsschreien, Handwerkerlärm, Verkehrsge­räuschen usw. Dieses Lärmgemisch kann durch seine gewisse Natürlichkeit als akustischer Ausdruck mensch­lichen Zusammenlebens widerspruchslos hingenom­men werden. Es stört gar nicht.

Das Haus ist geräumig. Es besitzt einen großen Wohn­raum, eine große Wohnküche, zwei Doppelschlafzim­mer, zwei kleine Zimmer und zwei Toiletten mit Bad und eine große Terrasse. Eines der kleinen Zimmer habe ich mir als Arbeitsraum eingerichtet. Ich kann gut darin arbeiten.

Unsere ersten Aufenthalte in San Andres sind uns aus-

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Die Insel Cres

Unsere erste Reise nach Cres im Jahre 1955 sollte - ich berichtete es schon - Cornelias Erholung dienen. Wir lasen in einem Reiseführer, daß die Insel "trotz ihrer herben Schönheit nur selten von Fremden besucht wird". Wir ahnten damals nicht, daß diese Insel einen Teil unseres Lebens bestimmen würde.

Cres machte wirklich den Eindruck, daß es von Frem­den überhaupt nicht beachtet wurde. Jedenfalls schie­nen wir die ersten und einzigen Erholungsuchenden zu sein. Noch heute nennen uns die Einheimischen die ersten Touristen von Cres. Wir wohnten im größten Ort der Insel, in der Stadt Cres, in einem möblierten Zim­mer. Schon in Berlin hatten wir uns vorgenommen, den ganzen Tag am Meer zu verbringen und am Strand auch zu kochen. Ganz ungestört waren wir und hatten den kilometerlangen Felsenstrand mit den Oliventerrassen für uns allein. In der ungewöhnlichen Stille, in der guten Luft, in der Ungestörtheit erholte sich Cornelia schnell von ihrer Krankheit, und ich malte viele, viele Aquarel­le und merkte bald, daß mich die fremdartige Insel anregte.

Der Grundcharakter der Insel ist rauh. Sie besteht aus einem felsigen Bergmassiv, dessen höchste Erhebung der Sis (638 m) ist. Der Kalkstein, der ja leicht zerfällt, prägt ihr Erscheinungsbild. Überall stößt man auf rut­schige Steinhalden, die sich teils selbst gebildet haben, teils von den Inselbauern aufgeschüttet wurden, um die Terrassen für Olivenpflanzungen steinfrei zu bekom­men. Auf den Höhen des Inselmassivs hat sich eine Karstlandschaft gebildet, die nur aus Steinen und Wacholderbüschen besteht. Dort gibt es größere Erd­einbrüche, die von den Bauern als Wein-, Gemüse-, Mais-, Getreide- und Kartoffelfelder ausgebaut worden sind.

Die Pfade von den Dörfern zu diesen Feldern sind lang, steinig und anstrengend. Alles muß mit Eseln oder Mulis hinauf- und hinuntergetragen werden. Die Be­stellung der Felder erfolgt von Hand mit der Zappa, einer schweren, breiten Hacke. Der Boden ist meistens trocken und hart wie Beton. Man kann ihn nur bearbei­ten, wenn es mehrere Stunden geregnet hat. Anderer­seits ist der mit Bauxit vermischte Lehmboden nach längerer Regenzeit schwer und klebrig und bleibt an der Zappa hängen. Was nicht Acker ist, ist Weideland oder Wald. Die unbewaldeten Berghänge sind mit Salbei- und Lavendelsträuchern bewachsen, die in der Som­merhitze einen belebenden Duft verbreiten. Auch gibt es große Mengen von Ginsterbüschen, die an günstigen Stellen mehr als 3 m groß werden können. Während ihrer Blüte sind weite Teile der Landschaft mit großen gelben Klecksen übersät. Der Wald besteht aus Pinien,

Unterholz und verschiedenen, zum Teil immergrünen Eichen. Ihr Holz ist außerordentlich schwer und hart und ist ein hervorragendes, vielbegehrtes Heizmaterial. Die Eichen werden nicht gefällt, sondern nur ihre Äste werden, wenn sie Oberarmstärke erreicht haben, abge­hauen oder heute auch mit einer Motorhandsäge abge­schnitten und in etwa 80 cm langen Stücken auf Eseln an die Straße getragen. Die Eichenbäume bekommen im Laufe der Jahre dicke Stämme und ein ähnliches Ausse­hen wie bei uns die Kopfweiden, wirken aber sehr viel gewaltiger und charaktervoller. Dieses Holz und die Schafzucht sind die Haupteinnahmequellen der Bauern, während die Landwirtschaft selten mehr als den eigenen Bedarf deckt. Eine Ausnahme bildet der Wein, der aber auch nur in kleinen Mengen weiterverkauft wird. In den am Meer gelegenen Orten sind die Bauern gleichzeitig auch Fischer.

Die Strände sind meistens steil und immer steinig. Flache Strände findet man bei der Stadt Cres und im südlichen und mittleren Teil der Insel. An diesen Stellen hat sich der Tourismus seit 1960 sehr störend entwickelt und hat uns dreimal von unserem Standort vertrieben. Schon im Sommer 1963 kamen so viele Fremde in die Stadt Cres, daß wir keine Lust mehr verspürten, weiter­hin in unserem Privatquartier zu bleiben. Mit Hilfe unserer jugoslawischen Freunde erreichten wir, daß wir in einer einsamen, kleinen Bucht zelten durften. Die Bucht trug den Namen Nedomisce, was so viel wie Nicht-zu-Hause-Bucht bedeutet. Dieser Name soll in früheren Zeiten entstanden sein, als noch Segelschiffe in dieser windstillen Bucht ankerten, um das begehrte Eichenholz zu laden, und manchmal tagelang wegen der gefährlichen Adriastürme liegenbleiben mußten. Nur dreimal zelteten wir dort und hatten hierfür ein kleines Plastikboot für Versorgungsfahrten mitgebracht. Die Einsamkeit begeisterte uns, jedoch war das Leben im Zelt zu primitiv und beengt. Vor allem konnte ich unter diesen Verhältnissen nur kleine Aquarelle und Zeichnungen machen, ich wollte aber endlich in der unmittelbaren Beziehung zur Insel auch größere Bilder malen.

Wir wußten bald, daß wir wahrscheinlich jedes Jahr diese Insel aufsuchen würden. Denn die Anregungen, die ich dort fand, hatten meine Malerei stark mitge­formt, und die dauernde unmittelbare Berührung mit der unverfälschten Natur bewirkte schließlich 1964, daß ich den Gegenstand wieder in meine Arbeiten einbezog. Im gleichen Jahr hatte ich mit Collagen begonnen, die die menschliche Figur spielerisch zerleg­ten und die einzelnen Teile wieder zusammenfügten. Bei diesem Versuch, zu einer anderen Darstellung des Menschen zu kommen, entstand eine Art Gliederkno­ten, in dem der Kopf eines Tages wie von selbst ver­schwand. Ich versuchte dann im Sinne dieser Collagen Bilder zu malen und Zeichnungen zu machen. In ihnen verbanden sich die Gliederknoten wie selbstverständ-

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mit Wegwerfflaschen den Strand verdreckten. Sogar das kristallklare Meereswasser hinderte sie nicht, direkt in der Bucht das verbrauchte Motorenöl abzulassen. Dann wurde 1967 zum ersten Mal in unserer Abwesen­heit unser Haus aufgebrochen und zum Teil demoliert, in den folgenden Jahren ebenfalls. Und jedesmal, wenn wir hinkamen, fehlte dann nahezu alles, was wir brauch­ten. Wer die Frage stellt, warum ich in meinen Bilder keinen heilen Menschen mehr zustande bringe, kann vielleicht unter vielem anderen auch hier eine gewisse Erklärung finden.

Uns blieb nach drei herrlichen und drei oft schon sehr getrübten Jahren nur noch die Flucht. Ein Korrespon­dent der Rijekaer Zeitung Novi List hatte recht, als er über mich schrieb, vor den Touristen liefe ich weg wie der Teufel vor dem Weihwasser.

Von Sveti Blaz aus konnten wir die Stadt Cres mit dem Boot in einer halben Stunde erreichen, zu Fuß brauchte man bis Cres über Stock und Stein, auf Schafspfaden und nur selten ausgebauten Wegen, auf halber Berghö­he und parallel zum Strand etwa zweieinhalb Stunden. Das nächste Dorf, Vodice, war über die Berge in Rich­tung Osten in ca. zwei Stunden zu Fuß zu erreichen. Dorthin lud uns jedes Jahr der Hirte Bandera zum Rosenkranzfest am ersten Sonntag des Oktobers ein.

Bei diesem Fest zeigte uns unser Gastgeber im Jahre 1970 ein Haus, das ihm von einem nach Amerika ausgewanderten Bauern zu treuen Händen übergeben worden war. Er durfte es nutzen wie er wollte, wenn es nur erhalten bliebe. Da er sich immer für unser Haus verantwortlich gefühlt hatte und es ihm sichtlich unan­genehm war, daß dort jedes Jahr eingebrochen wurde, schlug er uns vor, nach Vodice umzuziehen, zumal sich zwischen ihm und uns ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte. Nach einigen Tagen Bedenkzeit stimm­ten wir zu.

Die Einbrüche in dem einsamen Sveti Blaz waren wirklich zu einem Problem geworden, weil jedes Mal bei unserer Ankunft wichtige Dinge, vor allem die notwendigsten Werkzeuge und die Bettwäsche, fehlten. Außerdem hatte ich mir 1969 bei einem Sturz das linke Handgelenk gebrochen. Dabei hatten wir die Erfahrung gemacht, daß es im Notfall schwierig werden könnte, Hilfe zu holen. Zufällig tobte an diesem Tage ein heftiger Scirocco, der eine Fahrt mit unserem kleinen Boot unmöglich machte. Aber auch bei ruhigem Wetter hätten wir infolge der gebrochenen Hand das Boot nicht ins Wasser ziehen können. Nachdem mir Cornelia Hand und Unterarm notdürftig mit einem Keilrahmenschen­kel geschient hatte, mußte ich mich zu der Wanderung nach Cres aufmachen. Ein Motorschaden der Fähre, die die Insel mit dem Festland verbindet, und andere widri­ge Umstände bewirkten, daß mein Handgelenkbruch erst nach dreieinhalb Tagen in Rijeka ärztlich versorgt werden konnte. Dieses Erlebnis war ein wichtiger Grund, uns für das Dorf Vodice zu entscheiden, das nahe an der Landstraße liegt

Noch ein vierter Grund kam hinzu. 1968 war in unserer Abwesenheit die Kapelle des Heiligen Blasius zusam­mengefallen. Ein kroatischer Bautechniker, den wir zufällig am Strand kennengelernt hatten, riet uns, unser Haus möglichst bald zu verlassen. Es könne vielleicht noch Jahrzehnte halten, könne aber auch sehr bald zusammenfallen, weil es in der gleichen Zeit wie die Kapelle, vor ca. 200 bis 250 Jahren, erbaut worden sei. Der Kalkmörtel habe sich schon zersetzt, und die unbe­hauenen Natursteine seien weitgehend ihres Haltes beraubt

Der Umzug wurde im November 1970 von den Hirten zusammen mit unserem besten jugoslawischen Freund, Professor Nikola Sucic, durchgeführt Professor Sucic, heute fast 80 Jahre alt, der vor seinem Ruhestand Direktor der Schule in Cres und Schulinspektor gewe­sen war, besitzt ein geräumiges Segelboot. Er hat uns, solange wir ihn kennen, mit einer bewunderungswürdi­gen und selbstlosen Hilfsbereitschaft bei vielen Gele­genheiten geholfen. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet. Bei Fahrten mit seinem Boot hat er uns die Schönheiten der Insel gezeigt, die man anders nicht erreichen kann. Auch brachte er uns nach Sveti Blaz, wenn wir uns aus irgendeinem Grunde nicht selbst versorgen konnten, alles Nötige, z.B. als ich den Arm gebrochen hatte. Bei starkem Sturm konnte er nicht anlegen und warf dann die Lebensmittel auf den weißen Felsen, nachdem er uns durch lautes Rufen auf seine Ankunft aufmerksam gemacht hatte. Beim Umzug brachte er unsere Habe auf seinem Boot in die Stadt Cres, von wo sie in einem Lastwagen nach Vodice weiterbeför­dert wurde.

Nun lebten wir mitten unter Bauern und Hirten. Das Dorf Vodice erhielt seinen Namen nach einer der weni­gen Quellen auf Cres, die unterhalb des Dorfes noch heute fließt, aber nur noch als Tiertränke benutzt wird (kroatisch: voda = Wasser, vodice = die Wässerchen). Es liegt in der nördlichen Hälfte der über 70 km langen Insel am Nordosthang des Inselmassivs in ca. 300 m Höhe. Hinter dem Dorf steigt das sehr steile Gelände bis 543 m hoch. Etwa 7 km nördlich ist die charakteristi­sche kegelige Bergform des Sis zu sehen. Von unserem Haus schaut man auf den Kvarner hinab, wie dieser Teil der Adria heißt, genauer gesagt, auf die Srednja vrata. Die Adria wird hier durch die Inseln Cres und Krk in drei Teile zerlegt, die Vela vrata, Srednja vrata und Mala vrata heißen (Großes, Mittleres und Kleines Tor). Von Vodice aus sieht man über die Srednja vrata, über die Insel Krk und über die Mala vrata hinweg bis zum

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mit Wegwerfflaschen den Strand verdreckten. Sogar das kristallklare Meereswasser hinderte sie nicht, direkt in der Bucht das verbrauchte Motorenöl abzulassen. Dann wurde 1967 zum ersten Mal in unserer Abwesen­heit unser Haus aufgebrochen und zum Teil demoliert, in den folgenden Jahren ebenfalls. Und jedesmal, wenn wir hinkamen, fehlte dann nahezu alles, was wir brauch­ten. Wer die Frage stellt, warum ich in meinen Bilder keinen heilen Menschen mehr zustande bringe, kann vielleicht unter vielem anderen auch hier eine gewisse Erklärung finden.

Uns blieb nach drei herrlichen und drei oft schon sehr getrübten Jahren nur noch die Flucht. Ein Korrespon­dent der Rijekaer Zeitung Novi List hatte recht, als er über mich schrieb, vor den Touristen liefe ich weg wie der Teufel vor dem Weihwasser.

Von Sveti Blaz aus konnten wir die Stadt Cres mit dem Boot in einer halben Stunde erreichen, zu Fuß brauchte man bis Cres über Stock und Stein, auf Schafspfaden und nur selten ausgebauten Wegen, auf halber Berghö­he und parallel zum Strand etwa zweieinhalb Stunden. Das nächste Dorf, Vodice, war über die Berge in Rich­tung Osten in ca. zwei Stunden zu Fuß zu erreichen. Dorthin lud uns jedes Jahr der Hirte Bandera zum Rosenkranzfest am ersten Sonntag des Oktobers ein.

Bei diesem Fest zeigte uns unser Gastgeber im Jahre 1970 ein Haus, das ihm von einem nach Amerika ausgewanderten Bauern zu treuen Händen übergeben worden war. Er durfte es nutzen wie er wollte, wenn es nur erhalten bliebe. Da er sich immer für unser Haus verantwortlich gefühlt hatte und es ihm sichtlich unan­genehm war, daß dort jedes Jahr eingebrochen wurde, schlug er uns vor, nach Vodice umzuziehen, zumal sich zwischen ihm und uns ein freundschaftliches Verhältnis entwickelt hatte. Nach einigen Tagen Bedenkzeit stimm­ten wir zu.

Die Einbrüche in dem einsamen Sveti Blaz waren wirklich zu einem Problem geworden, weil jedes Mal bei unserer Ankunft wichtige Dinge, vor allem die notwendigsten Werkzeuge und die Bettwäsche, fehlten. Außerdem hatte ich mir 1969 bei einem Sturz das linke Handgelenk gebrochen. Dabei hatten wir die Erfahrung gemacht, daß es im Notfall schwierig werden könnte, Hilfe zu holen. Zufällig tobte an diesem Tage ein heftiger Scirocco, der eine Fahrt mit unserem kleinen Boot unmöglich machte. Aber auch bei ruhigem Wetter hätten wir infolge der gebrochenen Hand das Boot nicht ins Wasser ziehen können. Nachdem mir Cornelia Hand und Unterarm notdürftig mit einem Keilrahmenschen­kel geschient hatte, mußte ich mich zu der Wanderung nach Cres aufmachen. Ein Motorschaden der Fähre, die die Insel mit dem Festland verbindet, und andere widri­ge Umstände bewirkten, daß mein Handgelenkbruch erst nach dreieinhalb Tagen in Rijeka ärztlich versorgt werden konnte. Dieses Erlebnis war ein wichtiger Grund, uns für das Dorf Vodice zu entscheiden, das nahe an der Landstraße liegt

Noch ein vierter Grund kam hinzu. 1968 war in unserer Abwesenheit die Kapelle des Heiligen Blasius zusam­mengefallen. Ein kroatischer Bautechniker, den wir zufällig am Strand kennengelernt hatten, riet uns, unser Haus möglichst bald zu verlassen. Es könne vielleicht noch Jahrzehnte halten, könne aber auch sehr bald zusammenfallen, weil es in der gleichen Zeit wie die Kapelle, vor ca. 200 bis 250 Jahren, erbaut worden sei. Der Kalkmörtel habe sich schon zersetzt, und die unbe­hauenen Natursteine seien weitgehend ihres Haltes beraubt

Der Umzug wurde im November 1970 von den Hirten zusammen mit unserem besten jugoslawischen Freund, Professor Nikola Sucic, durchgeführt. Professor Sucic, heute fast 80 Jahre alt, der vor seinem Ruhestand Direktor der Schule in Cres und Schulinspektor gewe­sen war, besitzt ein geräumiges Segelboot. Er hat uns, solange wir ihn kennen, mit einer bewunderungswürdi­gen und selbstlosen Hilfsbereitschaft bei vielen Gele­genheiten geholfen. Wir sind ihm zu großem Dank verpflichtet. Bei Fahrten mit seinem Boot hat er uns die Schönheiten der Insel gezeigt, die man anders nicht erreichen kann. Auch brachte er uns nach Sveti Blaz, wenn wir uns aus irgendeinem Grunde nicht selbst versorgen konnten, alles Nötige, z.B. als ich den Arm gebrochen hatte. Bei starkem Sturm konnte er nicht anlegen und warf dann die Lebensmittel auf den weißen Felsen, nachdem er uns durch lautes Rufen auf seine Ankunft aufmerksam gemacht hatte. Beim Umzug brachte er unsere Habe auf seinem Boot in die Stadt Cres, von wo sie in einem Lastwagen nach Vodice weiterbeför­dert wurde.

Nun lebten wir mitten unter Bauern und Hirten. Das Dorf Vodice erhielt seinen Namen nach einer der weni­gen Quellen auf Cres, die unterhalb des Dorfes noch heute fließt, aber nur noch als Tiertränke benutzt wird (kroatisch: voda = Wasser, vodice = die Wässerchen). Es liegt in der nördlichen Hälfte der über 70 km langen Insel am Nordosthang des Inselmassivs in ca. 300 m Höhe. Hinter dem Dorf steigt das sehr steile Gelände bis 543 m hoch. Etwa 7 km nördlich ist die charakteristi­sche kegelige Bergform des Sis zu sehen. Von unserem Haus schaut man auf den Kvarner hinab, wie dieser Teil der Adria heißt, genauer gesagt, auf die Srednja vrata. Die Adria wird hier durch die Inseln Cres und Krk in drei Teile zerlegt, die Vela vrata, Srednja vrata und Mala vrata heißen (Großes, Mittleres und Kleines Tor). Von Vodice aus sieht man über die Srednja vrata, über die Insel Krk und über die Mala vrata hinweg bis zum

Helmut Thoma


 


 


jugoslawischen Festland, ein imposantes Panorama, eine gewaltige, stille, schöne, manchmal aber auch graue, beinahe furchterregende Inselwelt. Sie kann sich über Nacht vom blaustrahlenden, wärmedurchströmten südlichen Landschaftsidyll zu einem tosenden Inferno verwandeln mit jagenden Wolken, stürmenden Wellen, krachenden Gewittern und prasselnden Regengüssen oder Hagelschlägen. Aber die Stille überwiegt. Sie ist manchmal so vollkommen, daß ich sie mit leichtem Erschrecken zur Kenntnis nehme. Ich höre dann das leichte Sausen der Luft in den Schwingen der Geier, wenn sie zu zweien, vieren oder sechsen, immer paar­weise, über das Dorf segeln.

Das Dorf besteht aus elf Häusern, von denen zur Zeit drei nicht mehr bewohnt werden. Bei unserem Einzug lebten hier 32 Menschen, von denen sechs im schul­pflichtigen Alter waren. Schon 1982 war die Einwoh­nerzahl durch Abwanderung und Todesfälle auf 25 zurückgegangen. Hiervon sind sechs über 70 Jahre alt Das Dorf stirbt also langsam aus, wie alle diese Dörfer der Insel, in denen sich kein Tourismus entwickeln kann. Kein Wunder! Die Bauern- und Hirtenarbeit ist sehr schwer und bringt wenig ein. Die seit 25 Jahren erfolgte verkehrstechnische Erschließung der Insel, Radio, Fernsehen und nicht zuletzt der Tourismus haben ihre Wirkung getan.

Die Bauern sind katholisch, aber nicht frömmelnd, gehen jeden Sonn- und Feiertag pünktlich zur Messe, was meistens einen Fußmarsch von zehn bis zwölf Kilometern einschließt. Das Dorf selbst hat eine sehr kleine Kapelle, in der aber nur dreimal im Jahr eine Messe gelesen wird. Der Friedhof und eine größere Kirche liegen fünf Kilometer entfernt in dem Nachbar­dorf Predoscica. Jeder Tote von Vodice bekommt dort ein feierliches Requiem. Die Gräber werden von den Bauern selbst geschaufelt, und am Ende der Trauerzere­monien ziehen sich zwei Männer die Jacken aus, um mit der Zappa die Arbeit des Totengräbers zu verrichten. Polternd knallen die lehmigen Erdklumpen inmitten der Trauergemeinde auf den Sargdeckel.

Jetzt sind wir schon seit Jahren in das Dorf integriert. Das geht so weit, daß uns von mehreren Familien angeboten wurde, uns gegebenenfalls in ihrer Familien­grabstätte beerdigen zu lassen. Wenn wir in Vodice eintreffen, werden wir von jedem mit Bruderkuß be­grüßt, genauso, wenn wir wieder abreisen. Als wir einzogen, war die Stichstraße, die die Landstraße mit dem Dorf verbindet, noch so schmal, daß nur Lastesel sie passieren konnten. Mit Autos kam man nicht durch, so daß wir unsere Lebensmittel ähnlich wie in Sveti Blaz etwa 250 m weit, von der Straße zum Dorf, bei ansteigendem Weg hinauftragen mußten. Wir äußerten, daß wir dies eines Tages nicht mehr würden leisten können und daß wir uns daher wieder ein anderes

Domizil suchen müßten. Als wir das nächste Mal wie­derkamen, hatten die Bauern in unserer Abwesenheit eine der den Weg begrenzenden Steinmauern um einen Meter nach außen versetzt, eine Riesenarbeit, die wir ihnen niemals hätten zumuten mögen. Diese Geste der Verbundenheit hat uns das Dorf noch sympathischer gemacht.

Unser Haus bestehtaus vier Räumen und einer winzigen Küche. Durch eigene Arbeit und mit Hilfe von Hand­werkern haben wir es so hergerichtet, daß man bequem darin leben kann. Wir haben zwei große Terrassen - eine haben wir überdachen lassen -, auf denen sich der größte Teil unseres Lebens abspielt. Wir haben ein Badezim­mer einbauen lassen und pumpten das Zisternenwasser mit einer Benzinmotorpumpe in einen Betonbottich auf dem Dach, so daß wir fließendes Wasser hatten. Ge­kocht, gekühlt, geheizt und beleuchtet wurde mit Bu­tangas. Im Laufe der Jahre haben wir die winzigen Gärten neben dem Haus für Blumen und Küchenkräuter hergerichtet und die Terrassen mit Blumenkästen verse­hen, so daß wir wie in einer regelrechten Blumenwanne sitzen.

Das Dorf wirkt manchmal wie ausgestorben. Trotzdem erleben wir fast hautnah die Gezeiten des bäuerlichen Lebens. Wir erleben die Freuden und die Kümmemisse der Bauern, ihre Sorge um das Wetter, um die Tiere und um die Ernte. Nur an Sonn- und Feiertagen wird die Stille durchbrochen. Freunde und Verwandte kommen ins Dorf, mit denen gegessen, getrunken, gespielt und gesungen wird. Oft wird dann auch nach dem Essen mit großem Palaver und Riesengeschrei genau vor unserem Haus Boccia gespielt, wo ein kleiner Wendeplatz für Autos eingerichtet ist. An diesen Tagen kommen die Bauern auch gerne - alleine oder mit ihren Freunden - für ein kurzes Gespräch bei einem Gläschen Wein oder Slivovica zu uns, auch um ihrem Besuch unser - wie sie sich ausdrücken - Museum zu zeigen.

Das Dorf ist mir fest ans Herz gewachsen. Offenbar brauche ich es als eine späte Fortsetzung meiner dörfli­chen Erlebnisse bei meinen Großeltern in Oberschle­sien, ich brauche den dort noch sichtbaren selbstver­ständlichen Zusammenklang von Landschaft, Menschen und Tieren, obgleich mir bewußt ist, daß diese Form menschlichen Lebens bald ganz verschwinden wird. Die fast archaischen Verhältnisse in Vodice sind zum Anachronismus geworden.

Es bleibt eine offene Frage, ob ich die Anregungen für meine Malerei allein aus dieser Inselwelt beziehe. Wahrscheinlicher ist, daß mich auch die Großstadt Berlin anregt, in der ich ja einen großen Teil meines Lebens verbringe. Der Gegensatz zwischen beiden und der Dualismus, hart gesagt: die Schizophrenie, derzu-

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folge ich gerne in einem primitiven Dorf leben möchte, aber auch nicht auf das Leben in der Großstadt Berlin verzichten kann, sind wahrscheinlich das fruchtbare Moment, dem ich meine Bilder verdanke. Es ist eine gewisse Unzufriedenheit mit dem, was ich habe, und die Einsicht, daß das, dem ich nachtrauere, nicht mehr möglich ist. Das Nichtwissen, ob ich lieber in der Großstadt oder auf dem Lande leben möchte, die Unmöglichkeit, mich klar für das Dorf oder für die Großstadt zu entscheiden, dieses Hin- und Hergerissen­sein ist sicherlich eine natürliche Folge des Verlaufes meines Lebens und prägt wahrscheinlich auch meine Bilder.

Diese Niederschrift über die Insel Cres habe ich bis hierher 1979 geschrieben. 1983, nur vier Jahre später, hat sich die im vorletzten Absatz angesprochene Ah­nung schon fast erfüllt. Die Insel und auch das Dorf Vodice haben sich in dieser kurzen Zeit beängstigend schnell verändert.

1980 erreichte die Elektrizität auch Vodice. Wir haben sofort das ganze Haus von Handwerkern mit dieser "Errungenschaft" ausstatten lassen. Cornelia hat die Waschmaschine, die Warmwasserboiler, das Bügelei­sen, die Kühlschränke usw. mit Befriedigung benutzt. Auch das Lesen bei gutem Licht vor dem Schlafenge­hen ist uns sehr willkommen. Das Blumengießen mit dem Schlauch ist eine große Erleichterung. Das Haus ist durch die Elektrizität sehr komfortabel geworden. Die schönen Mond- und Sternennächte auf unseren Terras­sen sind aber verschwunden, seitdem die kleine Dorf­straße und der winzige Parkplatz dicht an unserem Haus übermäßig hell beleuchtet sind. Nichts ist vollkommen!

Seit 1970, als wir in Vodice einzogen, sind neun der ältesten Dörfler gestorben. Die damaligen Kinder sind jetzt erwachsen, zwei davon haben geheiratet, und in deren drei Kindern erlebten wir die fünfte Generation des Dorfes. Die Elektrizität hat das Fernsehen mitge­bracht. Die dörfliche Gemeinschaft ist nicht mehr sicht­bar. Abends sitzt keiner mehr zu einem Gespräch vor seinem Haus. Keiner spielt mehr Boccia. Alle sitzen nach der Arbeit vor dem Fernseher. Und der Autover­kehr nimmt zu, obgleich im Dorf Verkehr gar nicht möglich ist. Die Dorfstraße ist nur einspurig und endet auf dem kleinen Wende- und Parkplatz vor unseren Hausfenstern. Der Platz reicht für vier Wagen. Das Dorf allein bringt es aber schon auf sieben, wenn ich meinen dazurechne. Unsere Stuben stinken bei jedem an- oder abfahrenden Auto, denn die Motoren sind fast alle nicht sauber eingestellt. Wenn sich der Platz noch durch einige Gästewagen verstopft, wird der Gestank bei dem millimeterweisen Hin- und Herrangieren zum Ärgernis für uns: Dazu brauchen wir nicht nach Cres zu fahren! Sollen wir schon wieder flüchten? Wir fühlen, daß wir uns in den vielen Jahren hier eingewurzelt haben. Wir müssen uns Zeit lassen. Vielleicht gelingt es, uns schmerz­los zu lösen.

Der größte und mächtigste Veränderer der Insel ist der Tourismus. Genau an der Stelle, wo wir während der ersten Jahre in Einsamkeit und Stille in nahezu unbe­rührter Natur badeten, ist ein Touristendorf mit ca. 400 kleinen weißen, rotgedeckten Häusern entstanden. Diese ziehen sich in einer Bodenwelle vom Strand bis zur Höhe hinauf, und für die kleinen Boote der Touristen ist sogar ein kleiner Hafen angelegt worden. Wir geben zu, daß das alles sehr ordentlich gemacht ist und daß es sehr hübsch aussieht. Wir haben gesehen, daß sich die Menschen dort wohlfühlen. Aber wir müssen auch feststellen, daß das grandiose Erlebnis von Stille und unverfälchter Natur dort niemandem mehr geschenkt werden kann. Beim Anblick dieses Bungalow-Dorfes dachten wir auch an die einsame Bucht von Nedomisce, wo seit Jahren ein FKK-Strand eingerichtet ist, und an Sveti Blaz, das schon vor 1970 vom Tourismus heimge­sucht und verheert wurde.

Seit unseren ersten Cres-Aufenthalten sind fast 30 Jahre vergangen. Es ist selbstverständlich, daß sich die Insel in so langer Zeit verändern mußte. Sie ist durch viele gute Straßen und viele Omnibuslinien verkehrstech­nisch erschlossen, sie ist elektrifiziert, sie hat den Tou­rismus vertausendfacht. Allen Einwohnern geht es jetzt sehr viel besser als früher. Die Stadt Cres ist um drei neue Stadtteile gewachsen. Man muß diese Entwick­lung begrüßen, sie zeigt, daß der Wohlstand der Bevöl­kerung gewachsen ist. Aber der Reiz der Insel ist unwie­derbringlich verblaßt und wird schon bald ganz ver­schwinden.

Auch wir, Cornelia und ich, haben uns in diesen vielen Jahren verändert. Auch meine Malerei. An der Art und Weise, wie sie sich besonders in den letzten beiden Jahren wandelte, ist deutlich zu merken, daß sie sich dem Einfluß der Insel entzieht. Eine merkwürdige Pa­rallele und eine merkwürdige Gleichzeitigkeit! Die Quantität des Tourismus - sollte ich vielleicht schreiben "des Fortschritts"? - hat den Charakter der Insel quali­tativ verändert. Und meine Malerei, die sich so viele Jahre an der herrlichen Natur dieser Insel orientierte, hat darauf reagiert. Ausgerechnet auf Cres entstanden meine ersten Zeitgenossenbilder[1]), deren Vorarbeit sich in Berlin abgespielt und deren Konzeption ich gewisser­maßen im Gepäck auf die Insel mitgebracht hatte. Diese Bilder haben nichts mehr mit Cres zu tun. Sie sind eher berlinisch. Der nunmehr sichtbar gewordene Wandel in meiner Malerei beunruhigte mich keineswegs, er er­frischte mich. 1982 und 1983 malte ich an dem großen Zeitgenossentriptychon an drei verschiedenen Orten. Die beiden Seitenstücke entstanden in Teneriffa, das Mittelstück malte ich in Berlin, nachdem ich den Ent­wurf dafür auf Cres gemacht hatte. Das war für mich das

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deutlichste Zeichen dafür, daß ich mich von Cres voll­ständig abgenabelt hatte. Das ist gut so. 1983 war die Insel so von Touristen überschwemmt, daß diejenigen, die keine Unterkunft gebucht hatten, keinen Schlafplatz mehr fanden. Sogar unser stilles Vodice wurde dabei entdeckt und hat schon die ersten Touristenübernach­tungen hinter sich. Das wird sicher bald Folgen haben.

Die Touristen scheinen die Insel so, wie sie jetzt ist, zu lieben, ihnen scheint sie so, wie die Jugoslawen sie für den Tourismus zurechtgemacht haben, gut zu gefallen. Was ich auf Cres suchte und fand, wird schnell und gründlich ausradiert. Den allmählichen Verfall bzw. die fortschreitende Zerstörung der damaligen Inselkonsti­tution, die mir so viele entscheidende, fruchtbare Erleb­nisse schenkte, mitanzusehen, ist störend und schmerz­lich für mich. Dieses Jahr, 1984, werden wir zum letzten Male dort noch zwei Monate leben und arbeiten. Dann werden wir Abschied nehmen. Für immer.

Die Grunewaldstraße

Die Abteilung Kunstpädagogik der Hochschule für bil­dende Künste war in dem gleichen Hause, Grunewald­straße 2-5, untergebracht wie ihre Vorgängerin, die damalige Kunstschule Schöneberg, in der ich studiert hatte und in die ich nach 14 Jahren zurückkehrte. Meine erste Aufgabe in diesem Hause lag außerhalb der regu­lären Hochschularbeit. Sie gehörte zur Lehrerweiterbil­dung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg waren viele junge Lehrer durch ein Kurzverfahren in den Schuldienst gelangt, ohne mit Kunsterziehung in Berührung gekommen zu sein. Etwa 20 solcher Lehrer sollten im Zeitraum von zwei Jahren, wobei sie drei Wochentage in der Abtei­lung Kunstpädagogik und die anderen drei in ihrer Schule arbeiteten, eine eingehende Kenntnis der Ge­staltungsvorgänge in der Kinderzeichnung und der Ziele des Kunstunterrichtes erhalten, sollten Einblick finden in die Besonderheiten der modernen Kunst und sollten durch praktische Arbeit zu eigenen Erlebnissen im Malen, Zeichnen und Werken kommen. Das Alter der Teilnehmer lag zwischen 23 und 30 Jahren. Sie waren schon vorher durch einen Kurzkursus des Instituts für Lehrerfortbildung (bildnerische Erziehung) in Berlin- Tempelhof gegangen und nach künstlerischer Bega­bung ausgesucht worden. Die Arbeit mit ihnen war problemlos und erfolgreich.

Die Fortschritte, die diese Lehrer in kurzer Zeit mach­ten, waren erstaunlich. Alles, was über die Kinderzeich­nung erarbeitet wurde, konnte im zweiten Teil der Woche in der Schule praktische Anwendung finden. Die dabei entstandenen Schülerarbeiten konnten in der nächsten Woche analysiert und kritisiert werden.

Der Zweijahreskursus wurde nur einmal durchgeführt. Er war als Lehrerweiterbildung einfach zu teuer und hatte zu wenig Breitenwirkung. Man versuchte es ab 1950 mit Dreiwochenkursen, die ich ebenfalls durch­führte. Natürlich waren drei Wochen zu kurz, um den Teilnehmern ausreichende Kenntnisse für den Kunstun­terricht zu vermitteln. Aber zweierlei war doch zu erreichen: Erstens nahm jeder eine gewisse Begeiste­rung für bildnerisches Tun mit, zweitens hatte jeder gelernt, was man im Kunstunterricht mit Kindern nicht falsch machen darf. Die Teilnehmer an diesen Dreiwo­chenkursen waren bis zu 60 Jahre alt.


 


 


Für mich war am interessantesten, bei diesen künstle­risch kaum begabten Leuten zu erleben, daß tatsächlich jeder fähig war, zu zeichnen und zu malen. Es war lediglich nötig, ihnen plausibel zu machen, daß künstle­rische Disziplinen oft nicht nur von Künstlern, sondern

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auch von Laien selbstverständlich praktiziert werden, wie zum Beispiel der Tanz, die Musik, der Gesang, das Spiel. Jeder kann sprechen, ohne ein großer Redner zu sein. Jeder kann tanzen, jeder kann malen, zeichnen usw. Wichtig ist, daß der Betreffende bereit ist, das unter seinen Händen Entstandene als Ausdrucksmög­lichkeit seiner Person anzunehmen. Bildnerische Tätig­keit ist ursprünglich nicht auf das Produkt Kunst gerich­tet, sondern sie beruht auf einer dem Menschen imma­nenten Fähigkeit, sich über Gesehenes, Vorgestelltes, Erlebtes, Phantasiertes bildhaft zu äußern, um es ande­ren mitzuteilen. Die anfängliche Scheu der Lehrer war bald überwunden, die Ähnlichkeit der Lehrerarbeiten mit Kinderarbeiten war oft eklatant, aber auch starke Ansätze künstlerischer Begabung wurden sichtbar. An Hand der eigenen Arbeit entwickelte sich wie von selbst Verständnis für moderne Kunst. Die individuell sehr verschiedenen Gestaltungen der Lehrer zum gleichen Sujet regten sofort einsichtiges Verhalten gegenüber den subjektivistischen Tendenzen der heutigen Kunst an. Ähnliche Erfahrungen hatte ich schon früher in der höheren Schule beim Kunstunterricht gemacht. Sie erfuhren hier eine wichtige Ergänzung.

Ich habe die Arbeit in den Lehrerkursen mit Begeiste­rung und Zufriedenheit geleistet. Die Zuneigung, die die Lehrer meiner Person, und die Lernbegier und die Aufmerksamkeit, die sie meinem Unterricht entgegen­brachten, habe ich später selten in diesem Ausmaß erlebt. Die Lehrer wußten und begriffen sofort, daß alles, was ich ihnen darbot, in der Schule verwendbar war. Meine Tätigkeit war hier nicht die eines Hoch­schullehrers - dafür war ich ja auch nicht eingestellt worden -, sondern eher die eines Tutors für das Unter­richtsfach Kunsterziehung.

Der Zweijahreskurs lief erst ein halbes Jahr, als mir der Abteilungsleiter Georg Tappert eine Malklasse mit zehn Studenten anvertraute. Das war überraschend für mich. Es bedeutete, daß ich mich als künstlerischer Hoch­schullehrer qualifizieren sollte. Wieder ein halbes.Jahr später bekam ich den Auftrag, eine zweisemestrige Übung im Handpuppenspiel für die Studenten des er­sten und zweiten Semesters durchzuführen. Ich hatte im Zweijahreskursus mit den Lehrern ebenfalls Handpup­pen gebaut und auch einige Spiele inszeniert und aufge­führt. Die viele Arbeit war mir willkommen. Sie half mir, Krieg und Gefangenschaft zu vergessen.

Der Lehrbetrieb in der Abteilung Kunstpädagogik schien sich, seitdem ich 1934 nach meinem Examen dieses Haus verlassen hatte, nicht geändert zu haben. Viele Lehrerstellen waren noch offen. Auch Tappert schien mir unverändert. Er war voller neuer Ideen, war aber zunächst einmal vollauf damit beschäftigt, den Lehrbe­trieb im Sinne der noch immer gültigen Verordnungen der Vorkriegszeit anzukurbeln. Auch die Prüfungsord­nung von 1920 war immer noch gültig und mußte bei Einrichten des Studienbetriebes berücksichtigt werden. An Neuerungen war zunächst nicht zu denken. In den damaligen Magistratsabteilungen hatte man alle Hände voll zu tun mit Dingen, die nach dem Kriege dringlicher schienen.

1949 kam durch Tapperts Bemühungen die Sammlung "Mannheimer Kinderzeichnungen", die in ganz West­deutschland kreiste, auch in unser Haus. Tappert bat mich, die Ausstellung aufzubauen. Die altersmäßig bedingte zeichnerische Entwicklung des Kindes sollte dabei berücksichtigt werden. Die Sammlung war hier­für gut geeignet. Während diese Ausstellung lief, habe ich fast jeden Tag Führungen für Lehrer und Studenten durchgeführt, die das Berliner Schulamt organisiert hatte. Die Kunstpädagogik erfreute sich damals in Berlin einer hohen Wertschätzung. Auch alle Mitarbeiter der Schulämter nahmen an einer Führung teil.

1950, zum 70. Geburtstag Tapperts, habe ich mit einer Studentengruppe in etwa vier Wochen so etwas wie ein Multimediatheater aufgezogen, eine Stegreifaufführung mit Handpuppen-, Marionetten-, Menschen- und Mas­kentheater, mit Schallplatten und Gesang, unter Einbe­ziehung des Publikums und der Korridore des Hauses - ein Theater, in dem wir uns über das Haus, seine Lehrer und Studenten, über das Studium und den angestrebten Beruf mit selbstentwickelten Texten und Inszenierun­gen lustig machten.

Meine Arbeit an der Hochschule: die Lehrerkurse, die Malklasse, die Übungen im Handpuppenspiel und auch solche besonderen Aufgaben, wie die Mannheimer Ausstellung aufzubauen oder das oben erwähnte Multi­mediatheater zu inszenieren, lief mir leicht von der + Hand. Mir kam beglückend zum Bewußtsein, daß ich in diesem Hause gebraucht wurde, daß ich eine Arbeit gefunden hatte, die vielfältig und interessant war. Mein Leben hatte wieder einen Sinn bekommen. Ich stand wieder mitten im Leben. Ich hatte das Gefühl, daß ich mich richtig entschieden hatte, als ich mich entschloß, Kunsterzieher zu werden. Alles, was ich in meiner Studien- und Referendarzeit gelernt hatte, konnte ich gut gebrauchen und verwenden. Zu diesem Zeitpunkt konnte ich mir gut vorstellen, daß es lohnend sein könnte, seine ganze Kraft für die Kunsterziehung einzu­setzen. Ich unterlag da beinahe einem Zwang. Ich dachte daran, wieviel mir in der Referendarzeit gefehlt hatte und daß sich jetzt die Gelegenheit bieten würde, daran mitzuarbeiten, das Angebot der Abteilung in Richtung Lehrerbildung zu erweitern. Ich sprach mit Tappert darüber. Er hatte recht, als er sagte, zu Neuerungen sei es noch ein langer Weg.

Aber er hatte doch schon einiges in diesem Sinne

 

 

Bibliographie    86 Abbildungen 87 -105



[1]Siehe unter Bilanz